Einige ganz persönliche Überlegungen zur Zukunft des Stierkampfs

Was gibt es noch zu sagen, nachdem die Kämpfe beendet und die Stiere getötet sind? Eine ganze Menge, falls Sie mich fragen. Ist es wirklich humaner, Stiere statt in der Arena im Schlachthaus zu töten? Was sagt die katholische Kirche? Und warum gibt es Stierkämpfe in den USA?
Als ich das erste Mal von Barrancos hörte, dass dort noch immer Stiere in der Arena getötet werden, obwohl dies im übrigen Portugal seit 1928 verboten ist, war ich empört. Was sind das für Menschen!
Nun, nachdem ich von dem Volksfest und den Stierkämpfen dort zurück bin, kann ich sagen: Die Menschen, die sich an den „Kämpfen“ und dem „Einschluss“ der Stiere in den Holzkerker ergötzen, sind mir tatsächlich fremd. Wir leben eindeutig in unterschiedlichen Welten und kommen aus verschiedenen Kulturen. Verurteile oder verachte ich sie? Jein. Die meisten von ihnen sind in Barrancos oder der Region aufgewachsen und haben bereits als Kind mit ihren Eltern das Volksfest und die Stierkämpfe besucht, beobachtet, wie die Eltern klatschten, wenn ein Matador seinen Degen in einen Stier bohrte, und die Eltern jubeln gehört, wenn das Tier blutend und erschöpft endlich in sich zusammensank. Die Kinder dieser Kinder tun das nun ebenso. Ich sehe in Barrancos erstaunlich viele junge Eltern auf den Zuschauertribünen mit ihren zwei-, vier-, sechsjährigen Kindern sitzen. Mussten sie zwingend dieser Tradition folgen? Nein. Sie taten und tun es aus den verschiedensten Gründen.
Im restlichen Portugal verbieten Arenen mitunter den Zutritt für Kinder unter 12 oder 14 Jahren. In Spanien wiederum locken viele Arenen mit freiem Eintritt für Kinder. Das Ministerium für Jugend und Kindheit in Madrid hat im Januar 2026 angekündigt, Minderjährigen die Teilnahme an Aktivitäten, Veranstaltungen oder Shows mit Gewalt gegen Tiere, einschließlich Stierkämpfen, verbieten zu wollen. Dieser Vorschlag entspricht wiederholten, jedoch unverbindlichen Empfehlungen des UN-Kinderrechtsausschusses. Auch innerhalb der EU gibt es keine entsprechenden einheitlichen Rechtsvorschriften, da die EU Tierschutz bei Shows, Ausstellungen, Wettbewerben oder Sportveranstaltungen in die nationale Zuständigkeit der Mitgliedstaaten verweist.
Nun, in Barrancos neben, hinter und vor Eltern mit Kleinkindern sitzend, überkommt mich neben Unverständnis und Empörung auch eine große Portion Wut. Mehr noch als die Aussichtslosigkeit des Kampfs der Stiere um ihr Leben und die Erbarmungslosigkeit der Matadore erschüttert und erzürnt mich das fehlende Mitleid der Zuschauer. Es ist kein aktives Ausblenden und keine passive Ignoranz. Es ist schlicht absolute Immunität gegenüber dem Leiden der Stiere. Kaum haben die zwei Pferde den letzten Bullen aus der Arena geschleift und damit das Ende der Kämpfe für diesen Abend signalisiert, stehen die Menschen bereits mit irgendeinem Getränk in der Hand auf dem Platz zusammen, palavern, lachen, während ich unter ihren Schuhen das Blut der toten Stiere im Sand erkennen kann.



Mir fallen die Worte meines spanischen Gastgebers Luis Carlos ein, bevor ich im März das erste Mal hierher fuhr: In Barrancos gäbe es den köstlichsten Schinken. Ich weiß nun, woher er stammt. Dass es wunderbar schmeckt, glaube ich gern, denn Kampfstiere sind bei ihrem Einsatz in der Regel vier bis fünf Jahre alt. Bis dahin leben sie artgerecht auf großen, naturbelassenen Freiflächen der Zuchtfarmen, wo jedes Tier durchschnittlich knapp einen Hektar Platz zur Verfügung hat.
Ich war wohl naiv oder wusste noch zu wenig, als ich mich anfangs „nur“ darüber empörte, dass in Barrancos die Stiere noch getötet werden, während dies im restlichen Portugal verboten ist. Die meisten Stiere überleben die Kämpfe auch dort nicht. Denn sie werden anschließend – außer Sichtweite des Publikums – im Schlachthaus getötet. Ist das ein humaneres Ende? Für wen? Für den Stier wohl kaum. Denn nachdem ihm Toreros Pfeile mit Widerhaken in den Körper gestoßen haben und er sein Leben gegen den Matador verteidigt hat, erlebt er wenig später erneut das Trauma des nahenden Todes. Wenn er in der Arena getötet wird, ist das grausam. Doch der Stier stirbt in einer gewissen Würde, in Verteidigung seines Lebens – in einem ungleichen Kampf, bei dem er von Anfang an systematisch benachteiligt wird. Der orchestrierte Tod in der Arena kommt innerhalb von 15 bis 20 Minuten. Wie lang muss der Stier im Schlachthaus warten – in Todesangst und blutende Wunden? Wie lange dauert das Töten dort? Womöglich ist das Getötetwerden in der Arena vergleichsweise eine Gnade.
Warum bin ich und sind so viele dennoch dagegen? Ich höre die „Bravo“-Rufe wieder und das euphorische Händeklatschen der Zuschauer in Barrancos. Die wachsende Spannung, bis der Matador den Degen zum Todesstoß zückt, und das Atemanhalten, als er den Degen in den Stier hineinstößt, und der Stier wankt und fällt – dieses Miterleben setzt Adrenalin frei und berauscht offenbar. Und es macht auf Dauer anscheinend immun gegen den Schmerz der Tiere. Aller Tiere? Dabei fällt mir ein, dass es etliche Studien gibt, die einen klaren Zusammenhang zwischen dem Misshandeln von Tieren und späterer Gewalt gegen Menschen wie etwa häuslicher Gewalt belegen.
Doch zurück zu meinem eigentlichen Thema. Was macht also für die Zuschauer den Unterschied, wo die Stiere getötet werden? Mir sind dazu keine Studien bekannt, doch der gesunde Menschenverstand sagt mir, dass die traditionelle spanische „Corrida“, die der Lyriker Federico García Lorca einst das „kultivierteste Fest der Welt“ nannte, und bei der ich von vorneherein weiß, dass der Stier vor meinen Augen getötet werden wird, definitiv mehr Adrenalin freisetzt. Dank der Spiegelneuronen im Hypothalamus können sich die Männer auf den Tribünen mit den Matadoren identifizieren und für die kurze Zeit des Stierkampfes aus den Niederungen ihres Alltags emporsteigen und selbst zum Helden werden. Und die Frauen? Die meisten Torrerors sind äußerlich attraktive, sich behende bewegende Männer und relativ jung. In Spanien werden viele regelrecht als „Posterboys“ verehrt. So finden beide Geschlechter genug „Reizstoff“ für ihre Fantasien und – rein körperlich – für das Höherschlagen des Blutes.
Die portugiesische „Tourada“ dagegen soll angeblich dem Tierschutz dienen. Richtig ist, dass sie den Stier in der Arena verschont. Doch da er am Ende doch sterben muss und geschlachtet wird, ist diese Art des Stierkampfes keineswegs „unblutig“. Sie so darzustellen, ist meiner Ansicht nach Heuchelei. Eine Augenwischerei, die lediglich die Zuschauer vor dem Anblick der sterbenden Stiere schützen soll. Indem die Tourada den Zuschauern das Miterleben des Tötens verwehrt, leistet sie jedoch einen Dienst: Sie vermindert – so meine These – deren Ekstase und emotionalen Rausch. Wenn dadurch weniger Adrenalin ausgestoßen wird, ist es dann eine Utopie, anzunehmen, dies könnte mit der Zeit den Anreiz für einen Arenabesuch verringern? Da das Tötungsverbot in Portugal bereits seit fast einhundert Jahren besteht, scheint das tatsächlich die falsche Schlussfolgerung zu sein.
Die wahre Lösung, darin sind Tierrechtler sich einig, kann nur ein absolutes Verbot von Stierkämpfen sein. In Spanien und Portugal kämpfen Tausende unermütlich für dieses Ziel. In beiden Ländern finden Stierkämpfe meist im Rahmen von Festen zu Ehren eines katholischen Schutzpatrons oder einer Schutzpatronin statt. „Stierkampf ist Sünde“ skandierten deshalb Tierrechtler im Juli 2026 während der Stierhatz in Pamplona. Wie könne, fragten sie, die katholische Stiftung Casa de la Misericordia, „die sich der Nächstenliebe verschrieben hat“, jedes Jahr die Stierkämpfe organisieren und vom Leid und Tod der Tiere profitieren?
Viele katholische Tierschützer berufen sich auf Papst Pius V., der den Stierkampf im Jahr 1567 verurteilte und die Teilnahme unter Androhung der Exkommunikation verbot. Nach Ansicht eines deutschsprachigen Stierkampf-afinen Blogs sorgte sich der ehemalige Großinquisator der katholischen Kirche allerdings weniger um das Tierwohl als um kirchliche und politische Interessen. „Stierfeste fanden oft sonntags statt. Sie begannen schon gegen zehn Uhr am Vormittag und endeten in regelrechten Orgien bis spät in der Nacht hinein. Für Besuche von Gottesdiensten gab es da keine Zeit und dadurch blieben viele Gotteshäuser leer.“ Der damalige spanische König Phillip II habe sich gar nicht erst die Mühe gemacht, die päpstliche Bulle zu veröffentlichen.
Der jetzige Papst Leo XIV hat sich bisher nicht öffentlich zum Stierkampf geäußert. Tierrechtler fordern ihn allerdings auf, das historische Verbot wiederzubeleben und die Verbindungen der Kirche zur Stierkampfindustrie zu kappen. In der Heimat des Papstes, den Vereinigten Staaten, halten portugiesisch- und mexikanischstämmige Gemeinden „unblutige“ Varianten des Stierkampfes in Kalifornien und Texas am Leben. Wie in den Herkunftsländern finden sie im Rahmen religiöser Feste statt – und wie in Barrancos mit einer staatlichen Ausnahmeregelung.
Im Central Valley in Kalifornien schießen wie in Portugal berittene Toreros Pfeile auf die Rücken der Stiere. Ihnen ist jedoch zuvor eine Decke mit Klettverschluss umgebunden worden, und auch die Spitzen der Pfeile bestehen aus Klett – und bleiben so an der Decke hängen. Allerdings werden die Hörner der Stiere oft an den Spitzen abgesägt, und um ihre Flanken wie bei einem Rodeo ein Band gespannt, das sie reizen soll. Acht „Forcados“ zu Fuß versuchen zum Abschluss, den Stier gemeinsam zu Boden zu ringen.
Tierschützer monieren, dass bei der Prozedur nicht nur zum Anfang die Pferde der Toreros gefährdet würden. Die Stiere würden provoziert und erschöpft – und unmittelbar nach der Veranstaltung in der Nähe geschlachtet. Die religiöse Inszenierung würde lediglich vorgeschoben, um eine Gesetzeslücke auszunutzen.
In der kleinen Gemeinde La Gloria, Texas, im Rio Grande Valley, wenige Kilometer von der mexikanischen Grenze entfernt, gibt es eine richtige feste Arena. An fünf Wochenenden von Januar bis März finden mehrere Corridas statt. Allerdings sind die Stiere am Rücken nicht markiert für den Todesstoß. Ihnen wird vielmehr eine Blume umgebunden. Die Matadore müssen diese Blume zwischen den Schulterblättern des Bullen „pflücken“. Dieser Moment symbolisiert den Tod des Stiers, der Matador hat den Sieg errungen – und der Kampf ist vorbei.
Jeder Stier darf laut Video (2016) nur ein einziges Mal für einen Kampf benutzt werden, danach werde er wieder auf die Weide entlassen oder in den Rodeo überführt. (PS: Plaza Santa Maria Bull Ring hat inzwischen ein neues Management.)
Für Tierschützer ist beides freilich keine befriedigende Lösung.
Doch könnte eine solche oder ähnliche Variante in Portugal und Spanien vielleicht die nächste Stufe im „Ausschleichen“ des traditionellen Stierkampfs sein.