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5 Stiere in 3 Tagen

Das Dorf Barrancos in Portugal praktiziert eine eigene traditionelle Form des Stierkampfs.

Teil 2 meiner Barrancos Stierkampf-Trilogie: Die Kämpfe

Jedes Jahr vom 28. bis 31. August feiert Barrancos ein Volksfest zu Ehren seiner Schutzpatronin, Nossa Senhora da Conceição, Unserer Lieben Frau der Unbefleckten Empfängnis. Die Festivitäten umfassen eine religiöse Messe und Prozession, Musik – und Stierkämpfe.

Ankündigungsplakat an Hauswand ©Rebecca Hillauer

Als ich am 31. März 2026 Barrancos zum ersten Mal besuche, komme ich direkt aus Spanien. Dort hatte ich gelesen, dass Barrancos der einzige Ort in Portugal sei, in dem Stiere noch in der Arena getötet werden dürfen. Dies aufgrund einer Ausnahmeregelung der Regierung in Lissabon aus dem Jahr 2002. Da der Ort direkt an der spanischen Grenze liegt und ich nur eine Autostunde entfernt übernachte, ist für mich klar: Den Ort muss ich mir ansehen. Ich fahre durch eine Gegend, die mir als eine der schönsten erscheint, die ich jemals gesehen habe. Das Alentejo im Frühjahr. Grün, satt, hügelig. Die weißen Häuser von Barrancos leuchten von Weitem auf dem Hügel, auf dem der Ort liegt. Was für eine Idylle, denke ich bei der Anfahrt.

Die Stierstatue am Eingang des Dorfes bringt mich zurück in die Wirklichkeit. Ich nutze die Tatsache, dass der junge Mann in der Tankstelle daneben Englisch spricht, dazu, mir von ihm alles über das jährliche Volksfest erzählen zu lassen, bei dem die Stiere getötet werden. „5 Stiere in 3 Tagen“, sagt der junge Mann und strahlt dabei über das ganze Gesicht. Das Schauspiel findet auf dem Marktplatz statt, erfahre ich weiter, weil es im Dorf keine feste, gebaute Arena gibt. Daher wird der Praça da Liberdade (Platz der Freiheit) für die vier Tage Volksfest in eine Stierkampfarena verwandelt. Dazu zimmern Handwerker entlang der Hauswände um den Platz aus dicken Holzstämmen und Balken zwei lange und hohe Zuschauertribünen, samt Absperrungen, hinter die sich die Toreros flüchten können. Und natürlich die Holzkerker für die Stiere, über die ich berichtet habe. Nach den Festtagen wird die gesamte Konstruktion wieder abgebaut – und der Marktplatz erhält sein ursprüngliches friedliches Gesicht zurück. Als ich am 31. März dort auf dem Praça stehe, brütet auf dem Turm des Rathauses ein Storchenpaar.

Fünf Monate später, als ich wieder auf dem Marktplatz stehe, sehe ich mich den beiden Zuschauertribünen gegenüber. Es ist Tag zwei des Volksfestes und der Tag des ersten Stierkampfes. Unter meinen Füßen liegt deshalb – wie in einer richtigen Arena – eine dicke Schicht Sand, der auf die Pflastersteine geschüttet worden ist.

Um mich herum lauter Menschen, die sich ausgelassen miteinander unterhalten, lachen. An den Theken zweier Kneipen schenkt das Personal am laufenden Band Becher voller schäumendem „Superbock“ aus, der meistverkauften Biermarke in Portugal. Aus einem Lautsprecher dröhnt in regelmäßigen Abständen ein anfeuerndes Lied nach dem anderen, sogar das italienische „Volare“.

Das ist der Augenblick, in dem mir – wieder eine meiner glücklichen „Zufallsbegegnungen“ – ein anderer junger Mann von den Holzkerkern für die Stiere erzählt. Die Nachricht, dass hinter den Holztüren mit den aufgemalten Stierköpfen unter der Zuschauertribüne die ganze Zeit über zwei Tiere eingepfercht sind, schockt mich ein bisschen. „Natürlich mit Wasser“, fügt der Mann spontan hinzu, als hätte er meine Gedanken gelesen. Vielleicht ist mir auch mein Gesichtsausdruck für einen Moment entglitten. Glaubt er wirklich selbst, was er gerade gesagt hat? Ich frage ihn, ob er sich die Kämpfe später ansehen werde. „Ja“, antwortet er, aber nicht wirklich gern, denn er sei nicht aus der Gegend, seine Frau hingegen schon, die mit dieser Tradition aufgewachsen sei. „Für mich ist das Volksfest vor allem eine Gelegenheit, um Verwandte und Freunde zu treffen. So sehen es viele“, sagt er. Die Stierkämpfe seien dabei Nebensache. Einige seiner Kumpels lehnen sie sogar ab und verlassen die Arena, bevor die „Show“ beginnt.

Bei einer üblichen portugiesischen „Corrida de Touros“ treten drei Matadore gegen je zwei Stiere an, wobei jeder Kampf 15-20 Minuten dauert. Die Veranstaltung umfasst also sechs Stiere und dauert insgesamt rund zwei Stunden. Anders in Barrancos. Hier treten an den drei Haupttagen des Volksfestes insgesamt vier Matadore gegen fünf Stiere an. Da die Arena verhältnismäßig klein ist, gibt es keine berittenen Cavaleiros, die dem Stier Banderilhas (Pfeile mit Widerhaken) in die Schultern setzen. Dies tun die Matadore selbst, oder ihre Helfer, die Bandarilheiros. Alle kommen aus dem benachbarten Spanien und waren bereits bei früheren Volksfesten hier.

Laut Programm soll der erste Stierkampf um 18 Uhr beginnen. Doch noch tummeln sich in der Arena unbesorgt die Zuschauer. Also gehe ich aus Neugierde durch den einzigen Ausgang in der Zuschauertribüne, der nach draußen frei gelassen worden ist. In einigen Metern entfernung stehen drei rote Krankenwagen – falls ein Torero verletzt werden sollte. Auch ein Dutzend Polizisten in hellblauem Polohemden sind eingetroffen. Neben einer Hauswand stehen zwei Pferde und, etwas entfernt, ein Gabelstabler sowie ein Kastenwagen mit dem Foto eines Stieres. Ich begreife: Die zwei Pferde werden den getöteten Stier aus der Arena schleifen – und der Gabelstabler seinen noch warmen Körper in den Kastenwagen heben. „Wir fahren die Stiere zum Schlachter, der sie zerlegt“, erklärt mir ein Mann, der gerade vom Wagen aussteigt. „Morgen essen die Leute hier dann das Fleisch“.

Der Ausgang der „Kämpfe“ ist also von vorn herein festgeschrieben. Wie hatte meine Bekanntschaft in der Arena gesagt? „Bei uns heißt es wirklich noch, Mann gegen Stier“. Richtig müsste es heißen: „Männer gegen einen Stier“. Denn als gegen 19:30 Uhr der Zugang zur Arena mit großen Querbalken verschlossen und endlich die Türe zum Holzkerker geöffnet wird, steht der Stier nicht einem Mann gegenüber, sondern tatsächlich zwei Matadoren und drei Torero-Assistenten. Zudem verwirren ihn die vielen jungen Männer aus dem Publikum, die in der Pose der vermeintlich Mutigen vor der Holztribüne im Sand der Arena sitzen und jedes Mal, wenn der Stier ihnen seinen Kopf zuwendet, wie aufgescheuchte Hühner auf die Querbalken der Holztribüne springen.

Die beiden Matadore sind superschlank, einer hat einen Panamahut auf und stolziert flamencomäßig gestelzt vor dem Stier auf und ab. Der hat – zur Erinnerung – die letzten zehn Stunden in einem dunklen, stickig-heißen Holzverließ verbracht, ohne Wasser und Futter. Als er nun in die Arena stürmt, irritiert das helle Licht seine Augen. Wie der Stier, den ich am nächsten Morgen beim „Einschließen“ erleben werde, ist auch dieser Bulle von kleinerer Statur, wendig und jung. Sein Fell ist durchgehend schwarz. Er blickt sich in der Arena um und macht erst einmal keine Anstalten, sich zu bewegen oder gar anzugreifen. Erst als ihn die Toreros mit Tüchern und Rufen reizen, sprintet er los – natürlich ins Leere, denn der Torero bringt sich mit einer geschmeidigen Drehung aus dem Angriffsbereich. Der Stier hingegen erschöpft seine Kräfte mehr und mehr, seine Zunge hängt ihm aus seinem Maul.

Ich habe ein Ticket für die Zuschauertribüne gekauft, um sicher zu gehen, dass ich einen Platz habe, von dem ich filmen kann. Als der Stier direkt vor der Tribüne, auf der ich sitze, für einen Augenblick stehen bleibt, öffnet er sein Maul und blökt. Und blökt noch einmal. Nicht aggressiv, sondern wie ein verwirrtes, verängstigtes Tier. „Lasst mich doch bitte einfach in Ruhe!“ Sein Hilferuf schneidet mir ins Herz. Doch schon umringen ihn die Matadore und ihre Helfer, rufen „Hey, Toro“ und wedeln mit pinkfarbenen Tüchern. Es gibt keine Gnade für den Stier. Und Mitleid auch nicht. Denn würden die Männer Mitleid fühlen, könnten sie ihr Handwerk nicht verrichten.

Zunächst stößt einer der Matadore zwei lange Pfeile mit Widerhaken in den Nacken des Stieres. Dann gleich noch einmal zwei. Der andere Matador mit dem Panamahut schwenkt nun ein dunkelrotes Tuch. Instinktiv begreife ich, dass das Ende naht. Tatsächlich hält er auch einen langen Degen in der Hand. Zwischen den Schulterblättern des Stieres ist mit flatternden Bändern die Einstichstelle markiert, um die Aorta oder das Herz zu treffen. Der Mann stößt zu – aber offenbar nicht genau genug. Obwohl der ganze Degen bis zum Schaft im Rücken des Tieres steckt, rennt der verwundete Stier weiter gegen Toreros und die jungen Männer vor der Tribüne an und kämpf um sein Leben. Mir blutet das Herz. Der zweite Matador stößt dem Bullen einen weiteren Degen in den Leib, dieses Mal offenbar „richtig“. Denn während nun zwei Degenhefte aus seinem Rücken ragen, macht der tapfere Stier noch ein paar Schritte in Richtung der Männer um sich herum, dann strauchelt er, seine Beinen knicken ein und geben unter dem Gewicht seines mächtigen Körpers nach. In der von mir entfernt liegenden Ecke der Arena sinkt er in den Sand. Ein Matador sticht ihm rasch noch ein Messer ins Gehirn und dreht es ein paar Mal hin und her.

Die Zuschauer in der Arena toben vor Begeisterung. „Bravo!“, ruft meine Sitznachbarin. Die jungen Männer, die eben noch Schutz auf der Zuschauertribüne gesucht hatten, senken sich wie Fliegen über den gefallenen Stier. Einer tritt mit dem Fuß gegen dessen Kopf, um zu prüfen, ob er tatsächlich tot ist. Ist er? Ich hoffe es. Mittlerweile hat irgendwer die Holzbalken vor dem Ausgang entfernt. Die beiden Pferde werden hereingeführt, ein Geschirr um den Kopf des Stiers gelegt – und dann schleifen ihn die Pferde unter dem frenetisch Applaus der Zuschauer aus der Arena.

Die Torreros drehen noch eine Ehrenrunde. Der eine Matador wirft seinen Panamahut in die Menge, den eine Frau entzückt kreischend fängt. Der Schwanz des Stieres, den der andere Matador abgeschnitten hat, fliegt durch ein offenes Fenster in ein Haus neben der Zuschauertribüne. Wer hier wohnt, hat einen Logenplatz. Ich bin noch dabei, dem ersten Stier nachzutrauern, als die Tür zum Holzkerker wieder geöffnet wird, und der zweite „Kampf“ beginnt – der letzte an diesem Abend.

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