Bis zum Abend werden die Stiere tagsüber gezielt geschwächt.

Die Gemeinde Barrancos tötet nicht nur Stiere nach traditioneller Art in der Arena, sie bedient sich auch anderer Rituale, die dem eigentlichen „Kampf“ am Abend vorgelagert sind. Die bereiten den Torreros einen leichteren Sieg und den Tieren zusätzliches Leiden.
Ich wollte eigentlich in der Reihenfolge berichten, wie ich die Ereignisse in Barrancos erlebe. Doch seit dem Beobachten des „Tradictional encerro“ (traditioneller Einschluss) heute Morgen sehe ich die Bilder immer wieder vor mir und denke an die Stiere, die vor ihrem Tod am Abend auch noch diese Prozedur ertragen müssen. Sie bereitet quasi die Tiere und die Menschen auf das spätere Schauspiel vor. Gestern Abend habe ich die ersten beiden Stierkämpfe in meinem Leben gesehen und bin überrascht, dass ich das Vorspiel dazu heute morgen als fast noch grausamer empfinde. Der „Einschluss“ nimmt dem Stier die Bewegungsfreiheit, kerkert ihn ein und lässt ihm nur eines – auf seinen Tod am Abend zu warten.
Doch von vorn. „Wir machen es ein bisschen so wie beim Stierlauf in Pamplona, nur viel kleiner“, erläutert mir ein Mann, als ich ihn frage, was es mit dem „tradicional encerro“ auf sich hat. Das Ritual beginnt damit, dass junge Männer eine kurze Weile durch die engen Gassen des Dorfes vor dem Stier herlaufen – und ihn so in die Arena locken. Dort wartet eine Menschenmenge in ausgelassener Stimmung bereits auf dessen Ankunft. Von meinem Platz auf der Ballustrade aus sehe ich als erstes die in die Arena laufenden Männer. Dann den Stier. Es ist ein kleinerer, wendiger, ich würde sagen, junger Stier, schwarz mit weißen Einsprenkeln im Fell. Er blickt sich irritiert um, sieht dann die fünf schwarz-beige gescheckten Kühe, die ein Hirte vorher in die Arena getrieben hat, und die den Stier ebenfalls locken und zugleich beruhigen sollen.
Ich will hier nicht zu sehr ins Detail gehen, denn ich werde meine Videos von diesem Morgen noch posten. Außerdem schaue ich auf meinem Uhr und begreife, dass der erste Stierkampf heute bald beginnen wird. Es werden die letzten 15 bis 20 Minuten des kampfeslustigen Stiers von heute morgen sein. Er hat mich beeindruckt und begeistert mit seiner Art, wie er den Häschern mit dem Seil immer wieder ein Schnäppchen schlug.
Denn in diesem Teil der „Show“ geht es darum, dem Stier eine Art Lasso um die Hörner zu werfen. Damit zieht man ihn dann in Richtung „Einschluss“. Das ist ein Holzkabuff unter einer Zuschauertribüne. Bestehend aus zwei Kammern, jede gerade mal so weit und lang wie ein ausgewachsener Stier. Kein Fenster. Nur Holzwände. Durch die geöffnete Tür konnte ich darin keinen Wassertrog sehen. In diesen „Kerker“ wird der Stier, der sich gegen das immer strammer angezogene Seil windet und ausschlägt, unwiderbringlich gezogen. Wenn das Seil so kurz ist, dass der Stier sich kaum noch wehren kann, springen ein paar besonders „mutige“ Männer von hinten an ihn heran und ziehen ihn an seinem Schwanz, bis sie nicht mehr härter ziehen können.
Dann endlich ist der von mir so bewunderte quirrlige junge Stier im Dunkel des fensterlosen Verschlags verschwunden. Die Menge jubelt und klatscht. Ich bin den Tränen nahe. Ein Mann beginnt, einen Holzpflog in das Schloss des Verschlags zu hämmern. Ich höre „bong, bong“. Der Stier hört das natürlich auch. Er weiß nicht, was mit ihm geschieht. Nur Dunkel um ihn herum. Und das Johlen der Menschenmenge von außen. So wird er bis zum Abend bleiben. Bis jemand die beiden Holzpflöcke wieder herausklopft, jemand anderer die Tür öffnet – und es Zeit für den jungen Stier ist, eine Viertel Stunde lang gegen seinen vorbestimmten Tod anzurennen.
Ich habe auf die Uhr geblickt: Es war noch nicht einmal 9 Uhr, als er heute morgen von vielen Männerhänden in seinen Kerker geschoben wurde. Sein letzter Auftritt in der Arena beginnt nicht vor 19 Uhr. Das heißt, er wird zehn Stunden in diesem Verließ verbringen. Ohne Licht, ohne Wasser. In der Augusthitze. Ohne dass er sich bewegen kann. Die ganzen Stunden lang kann er nur auf seinen Beinen stehen und auf derselben Stelle treten. Daran musste ich heute die ganze Zeit denken, während ich von Barrancos wieder nach Odeceixe zurück gefahren bin.
Ganz klar, dass ein dermaßen geschwächtes Tier später ein leichteres Spiel für einen Torrero ist.
Es ist jetzt 19:30 Uhr. Sein Kampf wird jeden Moment beginnen.
Stiere zehn Stunden ohne Wasser, Licht und Bewegung einzusperren, muss dem portugiesischen Tierschutzgesetz widersprechen – sogar wenn es sich um sogenannte Nutztiere handelt. Ich werde es recherchieren. Was ich herausfinde und dann damit anfange, werden Sie hier natürlich lesen.
Dazu gehören auch die Namen der Stiere, die an diesem Volksfest 2026 in Barrancos ihr Leben lassen müssen. In Pamplona werden die Namen der Stiere genannt, in Barrancos interessieren offenbar nur die Namen der Torreros. Meiner Ansicht nach verdienen es deren Opfer, namentlich genannt zu werden.
Schluss für heute. Ich habe mich gut gehalten seit gestern Abend und brauche etwas Zeit, um meine Eindrücke und Empfindungen zu verdauen.
Morgen geht es weiter… Mit den beiden Stierkämpfe am Samstagabend, und wie sie sich tatsächlich von den üblichen Veranstaltungen unterscheidet.
In ein paar Tagen habe ich dann auch meine Videos sendefertig. Neues Terrain für mich, daher bitte um etwas Geduld.