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„Speck der Hoffnung“

Annalena Baerbock wird Professorin in New York.

In Deutschland erntete sie viel Spott für ihre sprachlichen Bocksprünge und im Ausland Kritik für diplomatische Fettnäpfchen. Nun soll die frühere Außenministerin an der Columbia University „Globale Führung“ lehren.

Bild: KI-generiert ©Gita Timm

Das kann nur Satire sein! So schoss es vielen durch den Kopf, als sie die Nachricht vernahmen. Doch nein, Annalena Charlotte Alma Baerbock, die nicht nur, aber am bedeutsamsten als Außenministerin eine ganze Schar sprachlicher und diplomatischer Böcke schoss, wird nach ihrer einjährigen Amtszeit als Präsidentin der 80. Sitzungsperiode der UN-Geberalversammlung in New York an die renommierte Columbia Universität wechseln. Mit dem Titel Professorin für Berufpraxis (Professor of professional practice) ausgestattet, soll sie erfahrenen Führungskräften praktisches Wissen über Global Leadership in Form ihrer eigenen „herausragenden Kenntnisse“ auf diesem Gebiet vermitteln. Welche Kenntnisse könnten dies wohl sein? Was werden die Teilnehmer in Baerbocks Vorlesungen lernen? Das fragt sich auch der ehemalige Tagesschau-Sprecher Constantin Schreiber, der auf seinem YouTube-Kanal die Hintergründe der Causa journalistisch vorbildlich entzwiebelt.

Als echte Satire hat hingegen Gita Timm1 ihren Text auf Facebook angelegt, in dem sie Annalena Baerbocks erste Vorlesung an der Columbia imaginiert. Mit ihrer freundlichen Genehmigung gebe ich ihn hier als Gastbeitrag wieder. Ich bin über die Parodie gestolpert, als ich wegen meines Missgeschicks mit dem Klapptisch die beiden letzten Tage ohne Notebook ausharren musste. Zumindest für etwas gut. 

„Guten Morgen. Setzen Sie sich. Nein, bitte weiter nach vorn, ich beiße nicht, ich führe. Schließlich bin ich Annalena Baerbock. Ich habe die Generalversammlung der Vereinten Nationen geleitet, 193 Staaten. Ich sage Ihnen schon rechtzeitig, wann Sie aufstehen dürfen.

Welcome in the Modul Global Leadership. Wer lernen will, wie man führt, ist hier genau richtig. Wer dagegen lernen will, wie man recht hat, der geht bitte jetzt zum Neubau hinten links, Abteilung Naturwissenschaften. Die haben dort Taschenrechner und niemanden, der ihnen zuhört.

Ich habe mir für heute vorgenommen, Ihnen gar nicht erst zu erzählen, was ich alles kann. Ich erzähle Ihnen direkt, was ich getan habe. Dieser feine Unterschied ist übrigens der Grund, warum Sie 150.000 Dollar Studiengebühren zahlen und ich sie kassiere.

Wahrhaftes Global Leadership heißt vor allem eins: unerschütterlich zur eigenen Haltung zu stehen. Mein Erfolgsrezept auf dem diplomatischen Parkett war immer klare Kante und das gnadenlose Durchziehen der eigenen Agenda. Ich habe das in Prag vor laufenden Kameras auf den Punkt gebracht: Ich unterstütze die Ukraine, solange sie es braucht, vollkommen egal, was meine deutschen Wähler darüber denken! Das ist Ihre Lektion Nummer eins: Wahre Visionäre lassen sich nicht vom Fußvolk aufhalten.

Überlegen Sie mal für einen Moment, wen Sie da eigentlich vor sich haben. Ich habe achtzig Millionen Menschen vertreten und mich dabei von exakt keinem einzigen bremsen lassen. Ein Visionär, der alle zwei Meter zurückläuft und nachfragt, ob die Basis noch mitkommt, kommt doch nie irgendwo an.

Mein unermüdlicher Einsatz als Außenministerin führte mich auf Missionen in Länder, die Hunderttausende von Kilometern entfernt liegen. Engstirnige Geografen haben mir danach vorgerechnet, dass die Erde nur 40.000 Kilometer Umfang besitzt. Meine Damen und Herren, das ist eindeutig das Problem der Erde. Nicht meines. Ich habe an diesem Tag nicht mich korrigiert, sondern den Planeten für schlicht zu klein befunden. Und genau das empfehle ich Ihnen auch. Denn Global Leadership bedeutet eben, sich nicht von kleinlichen physikalischen Naturgesetzen ausbremsen zu lassen. Notieren Sie sich das: Ein echter Leader denkt intergalaktisch!

Durch diesen Weitblick habe ich Europa geopolitisch massiv vergrößert. Erinnern Sie sich an meinen strategischen Coup Anfang 2026 bei Maischberger? Ich habe live im Fernsehen geopolitische Geschichte geschrieben: Grönland ist EU Gebiet. Zwei Millionen Quadratkilometer. Kein Beitrittsverfahren, kein Referendum, null Papierkram. Und das zwischen 22:15 und 22:16 Uhr. Die schnellste Erweiterung der europäischen Geschichte, ohne dass ich auch nur die Sitzposition wechseln musste. Frau Maischberger wand ein, Grönland sei 1985 ausgetreten. Erkennen Sie den Unterschied zwischen Moderation und Führung? Sie hat die Fakten. Ich habe die Insel. Notieren Sie: Wenn Ihnen die Landkarte nicht passt, malen Sie sie neu. Papier ist geduldig und Grönland hat sich bis heute nicht beschwert.

Was Werte und Wirtschaft angeht: Da wurden unter meiner Regie echte Maßstäbe gesetzt. In Moskau habe ich im Januar 2022 furchtlos für das höchste Gut unserer Demokratien gekämpft und die Fressefreiheit als neuen diplomatischen Goldstandard etabliert. Ich habe dort eine Einigung erzielt, wo seit dreißig Jahren niemand weitergekommen war. Aktuell arbeite ich an einer Resolution, um die Fressefreiheit zum vierten Grundpfeiler der Vereinten Nationen zu erheben, gleichrangig neben Frieden, Entwicklung und Sex and the City.

Gleichzeitig habe ich die Energiewende revolutioniert. Statt mich auf schnöde Chemie zu verlassen, habe ich die E-Auto-Industrie in eine völlig neue, geradezu magische Richtung gelenkt. Ich war die Erste, die den flächendeckenden Abbau von Kobold für unsere Batterien gefordert hat! Wer braucht schon Kobalt, wenn man fleißige Fabelwesen für sich arbeiten lassen kann? Rechnen Sie das mal durch: Kobalt kommt aus dem Kongo und kostet Devisen. Kobolde kommen aus dem Erzgebirge, arbeiten unter Tage, brauchen keine Sozialversicherung und sind, das darf ich als Fachfrau sagen, hervorragend skalierbar. Das ist innovative Ressourcenpolitik. Und bevor der Herr in der vierten Reihe die Hand hebt: Ja, das Wort Kobalt leitet sich tatsächlich vom Kobold ab. Ich hatte vierhundert Jahre lang recht und keiner hat es gemerkt. Die Bundesregierung hat gelacht, die deutsche Sprache gibt mir recht. Notieren Sie: Halten Sie an Ihrer Position fest, bis die Etymologie nachzieht.

Aber in Krisenzeiten zeigt sich der wahre Leader erst richtig. Als wir plötzlich mit einem hochgefährlichen, völlig präsidenzlosen Angriff konfrontiert waren. Ich sehe Ratlosigkeit in Ihren Gesichtern, vollkommen verständlich. Ein präsidenzloser Angriff ist ein Schlag, bei dem weit und breit kein Präsident aufzutreiben ist. Sie können sich nicht vorstellen, was das für eine Krisensitzung bedeutet. Wir haben gesucht, wirklich in allen Ecken und Ritzen. Kein Präsident weit und breit. Dennoch habe ich einen kühlen Kopf bewahrt. Das Resultat meiner meisterhaften Taktik? Ein astreiner Defensieg! Ein defensiver Triumph, der als völlig neues Konzept in die Lehrbücher der Konfliktforschung eingehen wird. Merken Sie sich das.

Auch psychologische Kriegsführung gehört zu meinem Repertoire. Ich habe Wladimir Putin mit einem brillanten Schachzug rhetorisch in die Knie gezwungen, als ich ihn eiskalt zu einer 360 Grad Wende aufforderte. Die Vorstellung, wie er sich brav einmal komplett im Kreis dreht und dann genau in dieselbe Richtung weiterläuft, hat den Kreml nachhaltig verwirrt. Ein Meisterwerk der Irreführung.

Und wenn das nicht reicht, schaffe ich eben klare Fronten. Ich war diejenige, die dem Europarat furchtlos mitteilte: Wir führen einen Krieg gegen Russland. Mein Ministerium hat danach zwar in Papiertüten hyperventiliert und tagelang Dementis verschickt, wobei, wie man mir berichtete, dreimal der Drucker überhitzte. Aber machen Sie ruhig Belastungstests! So erfahren Sie innerhalb weniger Stunden, wie leistungsfähig Ihr Apparat wirklich ist. Meiner war leistungsfähig. Der Drucker halt nicht. Sie sehen: Ein echter Global Leader scheut sich nicht davor, einfach mal völlig neue Realitäten in den Raum zu stellen und den Stresstest zu wagen.

Am Ende, liebe Studierende, geht es in der Diplomatie nicht um Paragrafen. Es geht um Herzen. Man muss den Menschen etwas geben, das nährt, stärkt und tröstet. Als ich in Südafrika ans Pult trat, habe ich diesem großartigen Land deshalb mein größtes Geschenk gemacht: Ich habe es feierlich zum Bacon of Hope erklärt.

Zum Speck der Hoffnung.

Man wollte mir hinterher einreden, ich hätte Beacon sagen wollen, Hoffnungsschimmer. Meine Damen und Herren, ein Hoffnungsschimmer ist ein Wort für Sonntagsreden. Man sieht ihn nicht, man riecht ihn nicht und am Montag ist er verpuffzt. Speck dagegen hören Sie in der Pfanne brutzeln. Speck ist ein Versprechen mit Geräusch und Geruch. Die südafrikanische Presse hat drei Tage darüber berichtet. Drei Tage über einen deutschen Staatsbesuch! Zeigen Sie mir den Kollegen, der das je mit einem korrekt ausgesprochenen Wort geschafft hat.

So, und nun noch etwas Organisatorisches:

Die Prüfungsleistung umfasst zwölf Seiten, Thema frei, Hauptsache global. Rechtschreibung wird nicht bewertet, die hat bei mir auch noch nie jemanden gestört.

Die Literaturliste finden Sie online. Sie besteht aus genau einem Titel, ich möchte schließlich nicht, dass Sie sich verzetteln.

Fragen? Der Herr dort drüben. Nein, das ist keine Frage, das ist eine Anmerkung. Anmerkungen bekomme ich seit 2019, und sie haben mich, wie Sie sehen, bis nach New York gebracht.

Meine Sprechstunde ist mittwochs. Wenn Sie zu spät kommen, gehen Sie bitte einmal um den Block: Dreihundertsechzig Grad, dann stehen Sie wieder vor meiner Tür, pünktlich und um eine Erfahrung reicher.

Nächste Woche behandeln wir, wie man das Weltklima rettet, indem man Kobolde nach Grönland exportiert. Bringen Sie Ihre Landkarten mit. Wir werden sie brauchen und einige von Ihnen werden sie danach kaum wiedererkennen.

You come next Monday, then we make the start.“


  1. Gita Timm lebt auf Mallorca. Von ihr habe ich bereits einen anderen Gastbeitrag übernommen. ↩︎
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