12. August: Auch in Südportugal soll das Ereignis zu sehen sein.
Zurück in Portugal. Um das seltene Himmelswunder wirklich gut zu sehen, fahre ich an die Westküste der Algarve, wo ich bis zum Horizont frei blicken kann – auf eine Sonne, die sich bald verfinstern soll.

Die letzte Sonnenfinsternis in Portugal war im Jahr 1912. Mehr als verständlich also, dass dieses Mal, nach 106 Jahren, alle dabei sein wollen. Ich erfuhr davon erst, als ich vor einer Woche hier in der Algarve ankam. Und erst heute, am Tag des Ereignisses, ist mir siedend heiß eingefallen, dass ich ja eine Schutzbrille brauche, um das Schauspiel auch wirklich beobachten zu können. Also klappere ich – wie viele andere auch, denen ich bei meiner Suche begegne – alle möglichen Apotheken und Optiker nach Schutzbrillen ab – und ziehe eine Niete nach der anderen. Enttäuschung macht sich breit. Verpasste Gelegenheit! Ich hadere mit mir selbst. Dann kapituliere ich: also keine Brille. Aber erleben will ich das Spektakel dennoch. Ein freier Blick nach Westen ist wichtig, weil dort die Sonne untergehen wird. Am besten auf eine Klippe, denke ich, und fahre mit dem Auto zehn Minuten nach Norden, nach Azenha do Mar. Ein kleiner Ort, direkt an der Küste in luftiger Höhe gelegen, der ein Café-Restaurant sein eigen nennt, von dem aus man den Atlantik unter und vor sich ausgebreitet sieht.
Der Parkplatz ist bereits ziemlich voll, also gehe ich nicht ins Café hinein, sondern wandere zum kleinen Fischerhafen hinunter. Die Straße ist kurz und steil. Auf der Aussichtsplattform hat eine Familie eine Bank besetzt. Ich gehe an ihr vorbei, weiter bergab bis zu den Fischerbooten. Ein junges Paar sitzt am Kaiufer, vermutlich auch, um die Sonnenfinsternis zu sehen. Die Fischer gehen ihrem Tagewerk nach, jezt am frühen Abend packen sie ihre Netze und Planen zusammen. Ich beobachte, wie einer mit seinem Boot vom Meer in die Bucht hereinsteuert, und ein anderer Fischer ihm hilft, sein Boot zu vertäuen. Auf einem vorgelagerten Felsen sehe ich Angler stehen und ihre Leinen auswerfen. Außer dem jungen Pärchen und mich scheint die Sonnenfinsternis hier niemand zu interessieren.






Als die Fischer mit ihren kleinen weißen Kastenwägen in den verdienten Feierabend gefahren sind, setze ich mich zwischen den Booten an den Holzsteg und blicke über das Meer – auf die Sonne. Zwischen 18 Uhr 30 und 19 Uhr 30 soll die Sonnenfinsternis stattfinden. Sofort also. Ich lege mein Smartphone neben mich. Dann beginnt mein Warten auf Godot…
Azenha do Mar liegt im Südwesten Portugals, außerhalb des schmalen Pfades im äußersten Nordosten, wo eine totale Verdunkelung angesagt worden ist. Hier in der Algarve soll immerhin eine tiefe partielle Sonnenfinsternis zu sehen sein. Es ist kurz nach 18 Uhr 30, als ich das erste Video mache.
Ich warte weiter auf Godot. Und mache noch zwei kürzere Videos, bis die Sonne am Horizont hinter dem Meer verschwunden ist.
Ein Blick sagt mir: Es ist kurz vor 20 Uhr. Leicht irritiert steige ich die steile Straße wieder hinauf, zum Café auf der Klippe. Die Stühle draußen wie auch der Parkplatz sind inzwischen voll belegt. Auch von hier oben sehe ich nur das Meer mit einem hellen Streifen am Horizont. Blass und unscheinbar.
Am nächsten Tag lese ich:
„In der Region Algarve und Alentejo, zu der Azenha do Mar gehört, war eine tiefe partielle Sonnenfinsternis etwa 92–93 % der Sonne verdeckt.“
Beginn: Gegen 18:42 Uhr, Maximum gegen 19:38 Uhr, Ende: gegen 20:31 Uhr. Ich war die gesamte Zeit über vor Ort.
Diese Sonnenfinsternis wird mir auf ewig ein Rätsel bleiben.