Stierhatz in Pamplona: Auf jeden Stier wartet der Tod.
Offiziell ein gigantisches „Fest“ zu Ehren des Stadtheiligen San Fermín. Doch die Bullen, die am Morgen durch die Stadt getrieben werden, müssen am Nachmittag in der Arena „kämpfen“ – und sterben jämmerlich.

Diesen Beitrag wollte ich bereits am Sonntagmorgen veröffentlichen, doch einige widrige Umstände haben mich daran gehindert. Vermutlich sollte es so sein, denn das Video von Pamplona, das ich hier posten werde, schneidet mir tief ins Herz. Vermutlich deshalb habe ich zuerst die banalen (?) "Feel-Good"-Erinnerungen an meine letzten Tage in den schottischen Highlands gepostet, um dem Unerträglichen erst einmal zu entfliehen - und nun doch mit ihm arbeiten zu können.
Heute, am 14. Juli 2026, ist der letzte Tag des alljährlichen Gemetzels und der Tierquälerei im spanischen Pamplona, die euphemistisch als "Stierlauf-Fest" bekannt ist. Ein Team der Tierrechtsorganisationen AnimaNaturalis und CAS International hat einen Nachmittag in der Arena mit der Kamera dokumentiert und danach in Bild und Wort zusammengefasst.
Das „Stierlauf“-Fest zu Ehren des Stadtheiligen San Fermín dauert traditionell vom 7. bis 14. Juli und zieht jährlich rund eine Million Besucher an. Ein enormer Wirtschaftsfaktor, der der Hauptstadt der unabhängigen Region Navarra Schätzungen zufolge zwischen 100 Millionen und 260 Millionen Euro einbringt. Viele kommen bereits am Tag zuvor, wenn am Mittag der Startschuss vom Balkon des Rathauses fällt, und die Menge sich das typische rote Tuch um den Hals bindet.
Die Abfolge für den Rest des Festes wiederholt sich täglich. Nach dem etwa 800 Meter langen Lauf werden die Tiere in die Arena verbracht, wo sie bis zum abendlichen Stierkampf (Corrida) warten müssen, um dort am Ende von einem Torrero mit einem Dolch oder Degen getötet zu werden. Dies geschieht an jedem der acht Festivaltage mit jeweils sechs Stieren, das heißt, dass in dieser Zeit 48 Tiere sterben. Zudem finden an den beiden Tagen vor dem ersten Stierlauf zwei zusätzliche Stierkämpfe mit je sechs Bullen statt. Insgesamt werden während der Feierlichkeiten in Pamplona also 60 Stiere getötet.
Am 8. Juli dokumentierte ein Team von AnimaNaturalis und CAS International den zweiten Nachmittag der Stierkämpfe in der Arena von Pamplona. Dort wurden die sechs Stiere der Zuchtstätte Cebada Gago aus Cádiz – die den Menschenmengen am Morgen noch entkommen waren – nur wenige Stunden später mit dem Degen getötet.
Auf ihrer Webseite beschreiben die Tierrechtsorganisationen ihre Beobachtungen:
„Das Untersuchungsteam erlebte an jenem Vormittag und Nachmittag den gesamten Ablauf mit: den Lauf, den die Stadt als waghalsige Heldentat feiert, und den Tod, den die Fernsehübertragungen lieber nicht im Detail zeigen. Diese Stiere verdienen es, als Individuen in Erinnerung zu bleiben, nicht bloß als Teil einer stampfenden Herde.
Palillero (Brandzeichen Nr. 13), Filósofo (Nr. 64, hellgrau), Branador (Nr. 66, schwarz mit weißer Unterseite), Pintado (Nr. 70, schwarz gescheckt mit weißen Streifen und Abzeichen) und Cepillito (Nr. 78, schwarz) rannten kaum zwei Minuten und zwanzig Sekunden lang vor der Menge her. Stunden später wurden fünf von ihnen in derselben Arena im Stierkampf mit dem Degen getötet.“
Der sechste Platz wurde von keinem der Bullen besetzt, die an diesem Morgen gelaufen waren. Denn einer von ihnen kam in den Stallungen der Arena in einem Zustand ankam, der einen Kampf unmöglich machte; womöglich war er verletzt, gestürzt oder hatte sich einen Knochenbruch zugezogen – Zwischenfälle, die nach dem Lauf häufig vorkommen. An seine Stelle trat Manijero, einer der Ersatzstiere, die der Veranstalter stets bereithält. Auch er starb an jenem Nachmittag.“
Das Video dieser Metzelei ist auf YouTube hier zu sehen. Oder hier:
Ein anderes Video zeigt das Massaker von 2025 hier. Oder hier:
Wer sich die Bewegtbilder ersparen will, sieht in den Fotos auf dieser Seite genug, um zu begreifen, worum es geht.
Die sechs Bullen in der Arena, heißt es auf der Webseite von AnimaNaturalis weiter, sehen sich stets mit dem gleichen Szenario konfrontiert: „der Lanze, die in den Nackenmuskel sticht, den Stachelstöcken, die in den Rücken getrieben werden, während das Tier, bereits erschöpft, versucht, sich zu befreien – und dem letzten Schwertstoß, der nicht immer beim ersten Versuch sauber landet.“
An dem Tod der Stiere in Pamplona ist also nichts Außergewöhnliches: Es sind gewöhnliche Stierkämpfe, wie alle anderen auch.
„Die erste Lanze hinterlässt das Tier bereits keuchend: Der gepolsterte Schutz des Pferdes drückt gegen die Nackenmuskulatur des Bullen, und der Bulle stürmt immer wieder in die Klinge und verliert mit jedem Angriff die Kraft im Nacken, die er braucht, um den Kopf hochzuhalten. Dann beginnt das Bluten, dunkel und dick, und breitet sich über den Rücken aus, während das Tier auf den Beinen bleibt und gezwungen ist, für die Show in Bewegung zu bleiben.



Dann folgt die Banderilla-Phase, schreiben die Tierrechtler: „Zwei oder drei weitere Stachelstöcke werden in der Nähe der ersten Wunde eingetrieben, und der Bulle schnappt, immer unregelmäßiger atmend, mit offenem Maul und herausgestreckter Zunge nach Luft, während seine Schritte stocken. Auch die Endphase ist nicht immer sauber: Wenn das Schwert nicht sauber durch die Lunge geht, ist ein zweiter Stoß oder ein Dolchschlag ins Rückenmark nötig, um das Tier zu erledigen, wenn es bereits am Boden liegt und keine Kraft mehr hat – und bevor Maultiere es aus der Arena schleifen.“




Die Szene wiederholt sich an acht Nachmittagen eines jeden „Stierlauf-Festes“, doch jedes Jahr kämen dorthin immer weniger Menschen, schreiben die Tierrechtsorganisationen. Laut einer vom Kulturministerium veröffentlichten Umfrage hätten im Jahr 2025 nur acht Prozent der spanischen Bevölkerung an einer Stierkampfveranstaltung teilgenommen. Sieben von zehn Spaniern lehnen laut aktuellen Studien Stierkämpfe ab, mit steigender Tendenz insbesondere bei Frauen und Unter-30-Jährigen.
Dennoch wurde die Volksinitiative „Not My Culture“, für die mehr als 715.000 Unterschriften gesammelt wurden, um dem Stierkampf den Status als Kulturgut abzuerkennen, im vergangenen Oktober im spanischen Abgeordnetenhaus abgelehnt. Unbeeindruckt offenbar von der Tatsache, dass bei den Veranstaltungen immer wieder auch Menschen ihr Leben verlieren. So wie gerade in Pamplona: Ein 23-jähriger Läufer aus Gipuzkoa wurde aufgespießt, und zwei weitere Personen verletzt. Seit Beginn der Datenerhebung im Jahr 1910 (manche Quellen nennen 1924) soll es beim Stierlauf noch weitere 16 Tote gegeben haben. Freilich entscheiden Menschen sich freiwillig dafür, bei dem Spektakel dabei zu sein, während die Stiere zu einem qualvollen Tod gezwungen werden.
Nicht nur die Zuchtbetriebe und die Stadt Pamplona profitieren von diesem Leid: Die Arena, in dem während des Festes Tag für Tag sechs Bullen sterben, wird nicht vom Stadtrat von Pamplona betrieben, sondern von der Casa de Misericordia („Haus der Barmherzigkeit“), einer jahrhundertealten Wohltätigkeitseinrichtung, deren Name vermeintliches Mitgefühl evoziert. Tatsächlich finanziert sie sich unter anderem durch die Einnahmen aus der Stierkampfarena, deren Eigentümerin die Stiftung ist. „Die Gewinne, die 2026 durch eine Bullenmesse mit einem Budget von knapp 4,9 Millionen Euro erzielt wurden, fließen in die stationäre Pflege schutzbedürftiger älterer Menschen“, schreibt AnimaNaturalis. Und: „Der Bürgermeister von Pamplona, Joseba Asirón, ist zugleich Vorstandsvorsitzender dieser Institution.“ Bereits am 5. Juli demonstrierten deshalb Aktivisten von AnimaNaturalis und Peta, mit Kunstblut beschmiert, vor dem Rathaus in Pamplona. Vor sich Schilder: „Stierkampf ist Sünde“. Und der provokanten Frage: Kann eine katholische Stiftung Tod und Tierquälerei verwalten, ohne ihre Werte zu verraten?
Laut AnimaNaturalis beschweren sich Veterinärverbänden wie AVATMA, dass Ranches in der Kampfstierbranche – darunter Namen, die mit den großen Zuchtbetrieben in Verbindung stehen, wie beispielsweise Cebada Gago – von Subventionen im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU profitieren – einem Fonds, der Landwirtschaftsbetriebe in ländlichen Gebieten unterstützen soll. Eine Online-Petition Cas International fordert den Stop von EU-Geldern an Betriebe, die direkt oder indirekt vom Stierkampf profitieren.
In einigen Regionen, schreibt AnimaNaturalis, hätten Stan Zuchtbetriebe eingestellt haben. Mehere Städte hätten traditionelle Feste, bei denen Tiere leiden müssen, durch unblutige Volksfeste ersetzt, ohne dabei den festlichen Geist oder die lokale Identität zu verlieren. Der öffentliche Druck zwinge zudem Institutionen dazu, jeden ausgegebenen Euro öffentlich zu rechtfertigen. „Jede Unterschrift, jede Beschwerde und jede Sensibilisierungskampagne bringt den Tag näher, an dem San Fermín gefeiert werden kann, ohne dass dafür ein Tier sterben muss.“
Heute wird dieses Töten allerdings noch sechs Mal geschehen. Denn um 18 Uhr beginnen in Pamplona die letzten Stierkämpfe des Jahres. Keiner der sechs Stiere, die am Morgen durch die Stadt gerannt ist, wird bei Sonnenuntergang noch am Leben sein.