Meine letzten Tage in den Highlands gehören der Natur.
Meine Zeit in Schottland neigt sich dem Ende zu, also besuche ich noch die Sehenswürdigkeiten, die für mich ein „Muss“ sind. Loch Ness natürlich – und die Delfine am Chanonry Point.

Schottland und Delfine würde ich erst einmal nicht zusammen denken, aber weit gefehlt: Chanonry Point, rund eine halbe Autostunde nördlich von Inverness, gilt als der beste Ort im ganzen Königreich, um Delfine zu beobachten. Natürlich bieten Touristenunternehmen entsprechende Bootsfahren an, doch da ich die Tiere nicht stören will, ziehe ich es vor, sie vom Ufer aus zu beobachten. Die Chancen dafür stehen gut. Wichtig ist allerdings zu wissen, wann dafür der günstigste Zeitpunkt ist. Meine Gastgeberin ist so freundlich, ihn mir zu verraten.
Die Aktivität der Delfine hängt hier von den Gezeiten ab. Etwa eine Stunde nach Niedrigwasser setzt die Flut ein, und die Delfine beginnen, Fische in Ufernähe zu jagen. Dann sind auch die Chancen für eine Sichtung am größten. Zwischen den Orten Fortrose und Rosemarkie bildet die Halbinsel Black Isle eine schmale Landzunge, die weit in die Bucht des Moray Firth hinausreicht und so den Durchgang zur Nordsee verengt. Pech für die Lachse, die dort hindurch müssen. Glück für die Delfine, die sich von den Fischen ernähren, denn aufgrund der Verengung haben sie dabei ein wesentlich leichteres Spiel.
Ich fahre am frühen Abend los. Seit einigen Tagen regnet es viel, und es bläst ein starker Wind. Als ich an dem Kies- und Steinstrand hinter dem Leuchtturm anlange, der als bester Aussichtspunkt gilt, ist mir in meiner Jeansjacke bitterkalt. Andere Delfinbeobachter neben mir haben Daunenjacken an. Ich fühle meine Finger klamm werden, als ich mein Smartphone zücke, um bereit zu sein für den großen Moment. Der kommt tatsächlich schneller als gedacht. Ich sehe ein, zwei, drei gebogene Rücken mit Flosse aus dem im Dämmerlicht fast schwarz schimmernden Wasser auftauchen. Dann hechtet der erste zum Entzücken von uns allen am Strand mit dem so typischen Delfinsprung aus dem Wasser. „Ah“ und „Wow“ höre ich einige Umstehende rufen, ansonsten pfeift nur der Wind in meinen Ohren.
Alle Delfine hier sind Große Tümmler – so wie „Flipper“ aus der gleichnamigen Kult-Fernsehserie der 1960er Jahre. Freilich beherrscht keiner der Tümmler am Chanonry Point den charakteristischen Trick, bei dem Flipper auf dem Schwanz quasi über das Wasser lief. In der Fernsehserie soll dieses akrobatische Kunststück ein Männchen namens Clown vollführt haben, während in den restlichen Einstellungen zwei Weibchen, Kathy und Susie, „Flipper“ darstellten.
Ich zittere inzwischen am ganzen Körper in dem kalten Wind und habe Mühe, mein Smartphone still zu halten, um ein brauchbares Video zu machen. Nachdem ich einige Minuten lang keinen einzigen Delfin mehr gesehen habe, beschließe ich, für heute Schluss zu machen. Beseelt von den Eindrücken, fahre ich in der einbrechenden Nacht zurück.
Und an meinem letzten Tag dann Loch Ness…
Am Morgen hat es noch geregnet, gegen Mittag scheint die Sonne. Ich packe die beiden Hundedamen Dotty und Tiggy und ein paar Wasserflaschen hinten ins Auto – und los geht’s. Auf Google Maps sah es so aus, als würde die Straße westlich von Loch Ness direkt entlang des Sees führen. Tut sie zwar, aber sie erweist sich als viel befahrene Rennstrecke, und leider sehe ich kaum etwas vom See, denn das Ufer ist mit Bäumen und Gebüsch bewachsen, und Zugang zum Wasser haben anscheinend nur Hotels und Anwohner. Für alle anderen gibt es einige Aussichtspunkte, von denen etliche allerdings zugeparkt sind, so dass ich dort anhalte, wo ich ein freies Plätzchen sehe. Die Sonne lässt den sagenumwobenen See, den ich mir stets in Nebel gehüllt vorgestellt habe, in einem wohlwollenen Blau erstrahlen. Von Nessie, dem vermeintlichen Ungeheuer, keine Spur. Vermutlich hält sie auf dem Grund des Sees ein Mittagsschläfchen und taucht erst auf, wenn wir Touristen wieder abgereist sind.


Ohne weiter anzuhalten, fahre ich ans Südende des Sees – nach Fort Augustus. Durch das idyllische Örtchen fließt der Kaledonische Kanal, der die Ost- und Westküste Schottands verbindet – und damit die Nordsee mit dem Atlantik. Und hier in Fort Augustus treffen sich der Kanal und Loch Ness. Denn während viele Kanäle künstliche Speicherbecken benötigen, bedient sich dieser Kanal auf seiner Gesamtlänge von 97 Kilometern der natürlichen Seen, durch die er fließt, als Reservoirs – so auch Loch Ness. Der Höhenunterschied zwischen See und Kanal wird durch Schleusen ausgeglichen. In Fort Augustus folgen die Schleusen so dicht aufeinander, dass sie regelrecht eine Schleusentreppe bilden. Sie funktioniert nach dem Prinzip einer Kammerschleuse, die die Schiffe schrittweise zwischen dem Niveau des Loch Ness und des Kanals hebt oder senkt. Das Spektakel zieht jeden Tag Scharen von Schaulustigen an. Die Hunde und ich kommen gerade richtig: In einer Viertelstunde soll es los gehen.
Ich vertreibe mir die Wartezeit, indem ich in der Eisdiele eine große Kugel Eis mit Whiskygeschmack kaufe. Die Verkäuferin fragt, ob sie den Hunden ein Würstchen geben darf. Natürlich. Zweimal geschluckt pro Hund – und die Würstchen sind weg.




Dann ist es endlich soweit. In die erste Kammer ist genügend Wasser gelaufen, so dass sich die folgende Schleuse öffnet. Die sechs hölzernen Schleusentore in Fort Augustus werden noch heute von Hand bedient, die Boote werden zudem mit Tauen von einem Schleusenbecken ins nächste gezogen. Eine junge Frau am Steuer einer Yacht erzählt, dass es mindestens 40 Minuten dauern wird, bis sie die fünf Schleusenkammern passiert haben. Am Mast eines anderen Bootes sehe ich eine deutsche Fahne flattern und am Heck den Namen „Kiel“.
Mein Ziel an diesem Tag ist es, Loch Ness zu umrunden, deshalb steuere ich den Wagen nun auf einer kleinen Brücke über den Kanal auf die Ostseite des Sees. Eine gute Wahl: Die Straße ist wenig befahren, und die Landschaft traumhaft. Auf dem Weg besuchen wir die Falls of Foyers, einen Wasserfall. Der Fluss Foyers stürzt sich hier über eine baumbestandene Klippe in zwei Abschnitten 36 Meter in die Tiefe, bevor er wenige Kilometer weiter in den Loch Ness mündet. Meine beiden kurzbeinigen Begleiterinnen meistern den steilen, treppenreichen Abstieg zum Fuß des Wasserfalls und den Aufstieg zurück bravourös. Danach bleibt nur noch ein knappe Stunde zu fahren, während der Dotty und Tiggy hinten im Wagen auffallend still sind.
Am nächsten Morgen werde ich „Tschüß“ zu meinen beiden Begleiterinnen sagen.
Erst einmal machen wir es uns noch einmal im Wohnzimmer bequem. Ob die beiden Hundedamen sich wohl unter der Decke verstecken, weil sie mich nicht gehen sehen wollen? Vermutlich aber sind sie nach unserem Tagesausflug einfach verdient müde. Hat Spaß gemacht mit euch beiden!
