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Radeln mit Alzheimer und Weidenrutensärge

In den Highlands florieren auch Kunsthandwerk und soziale Projekte.

Schottland #3: Kunsthandwerk und Wohltätigkeit

Nicht nur Geschichte und Kultur liegen in den Highlands um die Ecke. Der Nordosten Schottlands bietet noch relativ viel Freiheit und freie Fläche für Kreativität und alternatives Leben.

Schild im Ökodorf Findhorn ©Rebecca Hillauer
Weil ich eine RadioReise aus Schottland machen darf, werde ich wieder einmal nur das Nötigste von dem schreiben, worüber ich später noch ausführlich berichte. 
  1. Findhorn

Vor etlichen Jahren wollte ich eine Geschichte über die bekannte spirituelle Findhorn-Gemeinschaft machen, doch zu der Reise kam es damals nicht. Nun finde ich mich, ungeplant, eine halbe Autostunde von dem Projekt entfernt, das sich inzwischen „Ökodorf“ nennt. Der Ort liegt an der Findhorn Bay, die in die Moray Firth mündet. Eine große, dreieckige Bucht der Nordsee, die als der größte „Firth“ (Meeresarm) Großbritanniens gilt. Gern hätte ich die versäumte Geschichte von damals nun nachgeholt, doch ich lerne, dass die Findhorn-Stiftung, mit der ich kommunziert hatte, aufgelöst worden ist, und die Aufgaben seitdem von einzelnen Trägern wahrgenommen werden. So auch die Medien- und Öffentlichkeitsarbeit. Mit der neuen Umgangsweise harmoniere ich so ganz und gar nicht, und sage mir: „Dann eben nicht.“

Ich fahre aber dennoch ins Ökodorf, um es zumindest gesehen zu haben. Ich schlendere die Hauptstraße entlang. Nebendem Bioladen steht eine ausgediente rot lackierte Telefonzelle, die nun als kostenloser „Bücherladen“ dient: Die Bewohner stellen hier ihre ausgelesenen Bücher ein – und können sich im Gegenzug selbst bedienen. Weiter die Straße entlang, gibt ein Stoppschild auf einer Art Verkehrsinsel den guten Rat: „Stop worrying“ (Höre auf, dir Sorgen zu machen). Per Zufall treffe ich beim Weitergehen ausgerechnet auf John, mit dem ich telefoniert hatte, als er im Büro der Gemeinschaft Freiwilligendienst schob. Wir beschließen, auf eine Tasse Tee und einen Plausch ins Cafe ein paar Schritte weiter zu gehen. Als wir uns verabschieden, beginnt es zu regnen, und ich ziehe mich in das „Sanctuary“ zurück. In den Raum der Andacht.

In der Mitte auf einem Holzklotz steht eine Öllampe aus Messing. Die Stuhlsitze und Meditationskissen um das Arrangement sind mit sanft schimmerndem goldfarbenen Samt überzogen. „Be silent“, „Bitte schweigen“ heißt es außen an der Tür – und das tue ich auch. Dass ich mich vom Regen hierher geflüchtet habe, nutze ich dazu, einfach eine Weile nichts zu tun. Ich lausche den Regentropfen, die auf die Oberlichter und das regenschirmförmige Dach klopfen.

Raum der Andacht ©Rebecca Hillauer

Immerhin gibt mir die für Medien Zuständige später noch den Tipp, zur Marcassie-Community zu fahren. Der Begriff bezieht sich auf die Bewohner, sprich Kunsthandwerker und den Betrieb der Marcassie Farm Lodges in Rafford, Forres. Die ökologisch zertifizierte Farm produziert Gemüse, Kräuter und Obst und hält Enten, Hühner und eine Schafherde. Mich interessiert allerdings vor allem Naturally Useful („Natürlich nützlich“). Nach zehn Minuten mit dem Auto bin ich dort.

2. Naturally Useful

Die Kunsttischlerin Karen Collins hat das Handwerkszentrum gegründet, dessen Kerngruppe zur Zeit ein Triumvirat von Frauen ist. Auf ihrer Webseite schreiben sie, ihr Arbeitsethos sei es, „Menschen wieder mit der Natur zu verbinden, indem wir taktile, funktionale Dinge aus Materialien herstellen, die natürlich vorkommen und leicht verfügbar sind.“ Indem sie sich um unseren Planeten kümmerten, würden ihnen die Ressourcen zur Verfügung gestellt, die sie brauchten. „Das Herstellen mit traditionellen Handfertigkeiten kann Ruhe bringen, uns mit der Gegenwart verbinden und für Seele, Körper und Seele sorgen.“

Auf ihrer Facebook-Seite heißt es kurz: „Wir weben, fertigen und unterrichten – mit Weide, Holz und Wolle.“

Die Werkstatt ist ein riesiger Holzschuppen, in dem die Frauen arbeiten und etliche ihrer Produkte zum Verkauf ausstellen. Mir gefallen besonders die Schwalben, die an einer Wand ihre Flügel aus Weidengeflecht ausbreiten. Dominiert wird die Werkstatt jedoch von einem riesigen bunten Pappmache-Oktopus, der von der Decke hängt und zu einer lokalen Festivität gefertigt wurde. Die Tierfigur erinnert mich an den wunderbar sentimentalen Hollywood-Film „Das Glück hat acht Arme„, den ich erst kürzlich auf Netflix gesehen habe. Der Titel gebende Nebendarsteller ist ein alter kranker Oktopus, der in einem Aquarium traurig die Tage seiner Gefangenschaft zählt und den sehnlichsten Wunsch hat, in Freiheit sterben zu dürfen. Wer bei diesem Film keine Träne verdrückt, hat kein Herz…

Karen Collins mit Tiersarg ©Rebecca Hillauer

Ich bin allerdings nicht wegen des Oktopuses gekommen. Was mich hierher getrieben hat, ist der Umstand, dass Naturally Useful ein ganz außergewöhnliches Produkt anbietet: Urnen und Särge aus Weidenruten. Sie kommen bei Green Burials zum Einsatz, also bei Naturbestattungen. Vergleichbar in etwa mit Beisetzungen in einem Friedwald. Hier in Schottland und dem restlichen Großbritannien dürfen Menschen allerdings die Asche ihrer Angehörigen auch auf ihrem Privatgrundstück begraben.

Wer die Kunst des Weidenflechtens lernen will, denjenigen bietet Karen Collins Workshops und Kurse an – und sogar Unterkunft. Die kleinen Holzlodges stehen auf dem nahe gelegenen Gelände, auf dem die Kunsthandwerkerinnen die Pflanzen ziehen, mit denen sie ihre Wolle färben. Gleich daneben kultiviert das Team auf einem Feld die dünnen Weidenruten für die Flechtprodukte. Karen Collins nutzt die Weiden zudem für die Flussrestaurierung. Mehr dazu in meiner RadioReise.

Ich kaufe in dem kleinen Laden der Community schnell noch einen Highland-Cheddar mit Whiskey-Geschmack (*hmmmm*) und einen Briefumschlag, bemalt von der in der Gegend ansässigen Künstlerin Ailsa Kay. Ihr in Schwarz, Weiß und Grau gehaltenes Bild zeigt einen „great auk Pinguinis impennis„, eine Pinguinart, die einst auf den Funk Inseln vor der Nordostküste Neufundlands lebte. Wegen ihres Fleisches und Fetts sowie ihrer Federn wurde sie zu Millionen gejagt – und gilt seit 1844 als ausgestorben.

3. Hochland-Radkompetenzzentrum

Wie fährt man mit Alzheimer Fahrrad? Um das herauszufinden, mache mich auf den Rückweg – und auf zu meiner letzten Station an diesem Tag. Sie liegt tatsächlich ledigich fünf Autominuten von meinem aktuellen „Zuhause“ entfernt: das Highland Cycle Ability Center. Auf Deutsch etwa „Hochland-Radkompetenzzentrum“. Ein ziemlich gestelztes Wort. Manche würden es wohl als ein Radfahrzentrum für Behinderte beschreiben. Doch das Wort „behindert“ hört das Ehepaar Joanna und Alistair McGregor, die die Einrichtung gegründet haben, nicht so gern. Die beiden sprechen lieber von „Menschen mit unterschiedlichen Befähigungen“. Nahe ihres Hauses haben sie eine Anlage geschaffen, auf der Menschen mit eingeschränkter körperlicher oder geistiger Befähigung über anderthalb Kilometern einen Radweg nach Herzenslust genießen können.

McGregors Sohn James war noch ein Baby, als er an Meningitis erkrankte. Hydrotherapie tat ihm gut. So eröffneten seine Eltern auf dem Gelände des Krankenhauses im nahen Inverness ein Schwimmbad, in dem nicht nur Babys, sondern auch Jugendliche, Erwachsene und Alte, im warmen Wasser schwebend, ihre Muskeln stärken können. Ihr Erfolg sprach sich schnell herum. Im Jahr 2012 fragte deshalb jemand aus dem Umfeld der Commonwealth-Games (eine Art Olympiade der Länder des Commonwealth), die Para-Sportarten beinhalten, ob die McGregors nicht Lust hätten, einen entsprechende Radanlage zu betreiben. Mit Hilfe von Fördermitteln aus der EU, zu der Großbritannien damals noch gehörte, eröffnete das Paar zwei Jahre später das Highland Cycle Ability Center.

Die Besucher können die Strecke auch mehrmals hintereinander fahren – die meisten in Begleitung von Betreuern oder Angehörigen, die in die Pedale treten und das Steuer in der Hand haben. Aus fast 80 unterschiedlichen Rädern sucht das Team des Zentrums das passende Rad aus. James, der Sohn der McGregors, der inzwischen 56 Jahre alt ist, gehört zum festen Stamm der freiwilligen Helfer. In seinem „Scooter“ fährt er die Strecke ab, hat ein Auge auf die, die gerade auf Rädern dort unterwegs sind, und sorgt mit dafür, dass die Besucher heil wieder am Ausgangspunkt anlangen.

Radfahrer mit Betreuerin ©Rebecca Hillauer

Zwei andere Mitarbeiter laden von Zeit zu Zeit Räder in einen Anhänger und bringen sie mit dem Landrover in andere schottische Städte, wo es ein Angebot wie das Highland Cycle Ability Center nicht gibt. Landrover und Anhänger sind von Highland Cross gestiftet worden. Die gemeinnützige Organisation aus Freiwilligen organisiert jedes Jahr den gleichnamigen 80 Kilometer langen Duathlon-Wettbewerb (30 Kilometer zu Fuß, 50 Kilometer auf dem Fahrrad), der von Küste zu Küste – von West nach Ost – durch die spektakulären Highlands führt. Um teilnehmen zu können, müssen die Teams aus drei Leuten weder Schotten noch Briten sein, aber Spenden für Wohltätigkeitsvereine in den Highlands einwerben. Heimatverbundenheit in einem positiven Sinn.

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