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Ganggräber und Wollknäuel auf vier Beinen

Ausflug zu Überresten von Lokalgeschichte

Schottland #2: Tagesausflug in die Lokalgeschichte

Eine prähistorische Grabstätte, die so alt ist wie Stonehenge, und das längste Eisenbahnviadukt Schottlands – in den Highlands liegen Geschichte und Kultur um die Ecke. Nun muss ich nur noch das Autofahren meistern, um dort anzukommen.

Landstraße mit Ausbuchtung „Passing Place“ ©Rebecca Hillauer

In Schottland Auto zu fahren, ist eine Herausforderung. Nicht nur wegen des Linksverkehrs: Die meisten Landstraßen sind nur einspurig. Und ich meine, „wirklich“ einspurig. So dass ich in dem breiten SUV, den ich fahren darf, bei meinem ersten Ausfahrten an manchen Stellen ins Schwitzen komme. Denn die Straßen sind nicht nur superschmal – die Grundstücke an ihren Seiten sind zudem oft mit dem typischen schottischen Steinmäuerchen eingefasst, so dass jedes zu weit nach links oder rechts Lenken des Autos einen Kratzer im Lack bedeuten kann.

Nach jeweils einigen hundert Metern haben die Straßen eine Ausbuchtung zur rechten oder linken Seite. Mitunter steht ein Schild daneben: „Passing Place“. Diejenigen, die die Ausbuchtung in ihrer Fahrtrichtung links von sich haben, scheren aus und lassen die Entgegenkommenden passieren. Mit den Leuten, die das Prinzip kennen, klappt das reibungslos. Mitunter will sich jemand aber unbedingt mit seinem Auto seitlich vorbeiquetschen. „Tourist“, denke ich dann und muss lachen, denn genau das bin ich ja selbst.

Rechts und links hinter den Steinmäuerchen und Zäunen ziehen satte grüne Wiesen an mir vorbei und auf ihnen viele wollige beigefarbene Ovale mit vier dünnen Beinen. Etliche von ihnen haben zur Zeit ein Lämmchen bei sich. Ich halte an einer Stelle an, an der ich die Straße vor und hinter mir überblicken kann – leer – und höre dem Blöcken der Schafe und dem Muhen der Kühe auf der Wiese zu. Dahinter sehe ich das Gehöft des Bauern, das sich bescheiden in die Landschaft einfügt.

Nur wenige Kilometer weiter gelange ich an meine Lieblingsstelle. Ich erkenne die Kurve inzwischen bereits beim Heranfahren, hinter der dann die braunen Backsteinbögen des Clava-Viadukts vor mir auftauchen. Das Bauwerk wurde 1898 eröffnet. Mit einer Länge von 549 Meter und 29 Steinbögen gilt es als das längste gemauerte Eisenbahnviadukt in Schottland. Je 14 seiner Bögen stehen auf je einer Seite des River Nairn, ein breiterer Zentralbogen überspannt den Fluss.

Das Viadukt beeindruckt inmitten der Hochandschaft und erscheint mir doch ein unspektakulärer Teil des hiesigen Alltags zu sein. Die Ansässigen sind natürlich bereits hunderte Male unter dem einen Steinbogen hindurch gefahren, der sich in 39 Metern Höhe über der Landstraße wölbt. Ich hingegen, Neuling in der Gegend, bin jedes Mal aufs Neues fasziniert, wenn ich die Mauerbögen auf mich zukommen sehe, um schließlich an ihnen vorbei und hindurch zu fahren. Ich sehe ein Touristenpaar die Straße entlang Richtung Viadukt spazieren, richtig so, vermutlich lässt sich die wahre Größe dieses Bauwerks erst nachempfinden, wenn man sich ihm zu Fuß nähert.

Das majestätische Mauerwerk ist auch noch als Culloden-Viadukt bekannt. Dieser Name weist auf die Lage nahe des Dorfes Culloden hin, wo am 16. April 1746 in der Schlacht von Culloden die britische Armee die aufständischen Jakobiter endgütig besiegte. Zu diesem historischen Monument will ich allerdings nicht. Mich interessieren vielmehr die Clava Cairns, nach dem das Viadukt ebenfalls benannt ist. Das Touristenpaar, das ich soeben die Straße entang gehen sah, würde zu Fuß zwölf Minuten bis dorthin brauchen. Ich komme mit dem Auto nach kaum zwei Minuten auf dem Parkplatz der prähistorischen Grabstätte an.

Das Wort „Cairn“ ist ein schottischer Begriff (vom gälischen càrn), der einen Steinhaufen bezeichnet, der als Grabstätte oder als Wegmarkierung errichtet wurde. Es handelt sich um Steinkammern – ähnlich riesiger Doughnuts mit einem Durchmesser von etwa 15 Metern –, die von einem Kreis aus aufrecht stehenden Steinblöcken umringt werden. Die Clava Cairns sind einzigartig für die hiesige Region östlich von Inverness. Sie entstanden in der jüngeren Bronzezeit vor etwa 4.000 Jahren und sind damit etwa gleich alt wie die riesigen Sarsensteine, die das Erscheinungsbild von Stonehenge prägen. Freilich sind die Steinmonolithe hier in Schottland in etwa menschenhoch – also wesentlich kleiner.

Mir kommt die Fernsehserie Outlander in den Sinn, in der die Hauptfigur Claire auf einer Kultstätte in Schottland durch einen solchen Steinblock hindurch 200 Jahre in der Zeit zurück versetzt wird – ins 18. Jahrhundert. Ich spüre einen kühlen Wind mich umwehen… Na klar, haha. Als ich in die Wipfel des mächtigen Baumes neben mir hochblicke, sehe ich, wie der Wind die Blätter zittern lässt. Der von mir verspürte Windhauch ist also schnöde Realität, kein übernatürlicher Gruß aus einem vergangenen Jahrhundert.

Ich blicke mich um und sehe drei Clava Cairns. Sie kommen in zwei Arten: als Ganggräber und Ring-Cairns. Beide Arten haben jeweils eine zentrale Kammer, in der die Toten bestattet sind. Während ein Ring-Cairn vollständig von Steinen umschlossen ist und keinen offensichtlichen Eingang aufweist, verfügen Ganggräber über einen Zugangskorridor.

Ich gehe in einen solchen schmalen Gang hinein, die Wände sind in etwa so hoch wie ich, rund 1,60 Meter. Die Wand der zentralen Kammer schätze ich auf zwei Meter. Ich drehe mich ein paar Mal um meine Achse und sehe mir die Struktur der Steine an. Über mir sehe ich die Wolken am Himmel ziehen. Archäologische Funde menschlicher Überreste – etwa Fragmente verbrannter Knochen – legen nahe, dass die Clava Cairns keine Friedhöfe für die breite Bevölkerung waren, sondern Grabstätten für die Elite und als „Häuser für die Toten“ der Ahnenverehrung dienten.

Die Überreste, die die Besucher heute besichtigen können, waren einst Teil einer größeren Anlage. Sie blieb über Jahrtausende hinweg ein heiliger Ort und liefert heute Historikern Hinweise auf die Glaubensvorstellungen der bronzezeitlichen Gesellschaft. Allen Erkenntnissen nach wurde der Ort für Zusammenkünfte und Riten genutzt, bei denen die Toten geehrt und zugleich die Verbindung der Gemeinschaft zum Kosmos gestärkt wurde. Auch folgten die Erbauer der Anlage anscheinend einer ausgeklügelten astronomischen Orientierung. So sind die Ganggräber präzise auf den Sonnenuntergang zur Wintersonnenwende ausgerichtet. Am kürzesten Tag des Jahres fällt das Sonnenlicht direkt durch die Gänge der äußeren Cairns und beleuchtet deren Innenkammern. Diese Ausrichtung legt nahe, dass die Stätte als astronomisches Observatorium und Kalender fungierte: Sie half der Gemeinschaft, das Sonnenjahr zu verfolgen, den für die Landwirtschaft wichtigen Wechsel der Jahreszeiten zu bestimmen und den mit der Rückkehr der Sonne verbundenen Zyklus von Tod und Wiedergeburt zu feiern.

Die Erbauer der Clava Cairns, lese ich auf einer Informationstafel, wählten sogar die Steine für die Gräber nach deren Farbe aus. Für die Steine, die in Richtung des Sonnenuntergangs zur Zeit der Wintersonnenwende ausgerichtet sind, verwendeten sie solche mit roten und rosa Farbtöne. Auf der gegenüberliegenden Seite, die zum Sonnenaufgang bei der Sommersonnenwende weist, bevorzugten sie blassere Nuancen. Über die Jahrtausende ist das einstige leuchtende Rot, Pink und Weiß der Steine zu Grautönen verwittert.

Schafe auf Weide ©Rebecca Hillauer

Also, für mich genug Stein gehauene Geschichte für heute. Auf der Rückfahrt genieße ich durch das Autofenster nochmals den Anblick der beigen Wollknäuel auf den grünen Wiesen.

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