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„Fàilte gu Alba!“

Inzwischen bin ich im Hochland von Schottland angekommen.

Schottland #1: Nach den letzten traurigen Nachrichten wird es Zeit für Reiseimpressionen.

Wer Schottisch-Gälisch versteht, weiß bereits aus der Überschrift, wo ich inzwischen gelandet bin. Für alle anderen: Ich bin in der Nähe von Inverness im schottischen Hochland und ganz nah bei „Nessie“ im berühmten Loch Ness.

Typisches schottisches Feldmäuerchen ©Rebecca Hillauer

Statt „Fàilte gu Alba!“ könnte man auch – einge-englischt – „Fàilte gu Scotland!“ sagen: „Willkommen in Schottland!“ Alba ist der gälische Eigenname für Schottland. Schätzungsweise 60.000 Menschen sprechen noch Schottisch-Gälisch, vor allen in den Highlands, dem Hochland, und den der Inselkette der Äußeren Hebriden an der Westküste Schottlands. In städtischen Gebieten dominiert hingegen der schottische Dialekt des Englischen. An den müssen sich meine Ohren erst einmal gewöhnen.

Gewöhnungsbedürftig finde ich auch, dass es hier die ganze Nacht über nie richtig dunkel wird. Auch nach Mitternacht dämmert der Himmel noch immer vor sich hin – und um 4 Uhr morgens ist es bereits wieder taghell.

Himmel um 1 Uhr nachts ©Rebecca Hillauer

Ein Blick auf die Weltkarte und die Breitengrade zeigt mir, dass ich das hätte wissen können, denn Inverness liegt auf 57,5° N und damit so weit nördlich wie die Städte Juneau und Ketchikan in Alaska. Die nördlichen Shetland Inseln reichen sogar bis 60° N und liegen damit fast gleichauf mit Anchorage. Für Kanadier: Auf 60° N verläuft die südliche Festlandsgrenze der nördlichen Territorien (Yukon, Nordwest-Territoren und Nunavut) zu den westlichen Provinzen Britisch-Kolumbien, Alberta, Saskatschwan, Manitoba). Wie dort sind in Schottland die Tage im Winter ebenfalls superkurz.

Zu meinem Glück darf ich zur Zeit das Gegenteil bestaunen. Ganz anders als meine Gewohnheit, ziehe ich deshalb nachts die schweren Brokatvorhänge vor den Fenstern zu, um schlafen zu können. Ich hatte ein kleines Landhaus als Unterkunft erwartet und finde mich nun in einer stattlichen Villa mit vielen Räumen und einem weitläufigen Anwesen wieder, liebevoll angelegt mit verschiedensten Baumsorten, Blumen- und Gemüsebeeten sowie einem kleinen Teich. Als die Besitzer vor zehn Jahren einzogen, waren all diese Beete, Wiesen und Bäume noch nicht hier. So weit ihr Blick reichte, erzählen sie mir: nichts als Gerste. Das ganze Grundstück war ein einziges Meer aus Gerste. Das Getreide wuchs bis ans Küchenfenster. Über die Jahre haben die Besitzer ihr Anwesen in eine Oase der Biodiversität verwandelt.

Ich finde es sehr „englisch“. Und absolut ländlich. In einem Schuppen wohnen vier Hennen und vier Perlhühner. Ein großes Stück Wiese um den Schuppen ist zum Schutz vor Füchsen eingezäunt und mit Fischernetz überdacht, um auch Raubvögel abzuschrecken. In diesem Gehege können die Hühner frei laufen – und sogar weiter. Denn eigentlich ist das ganze Grundstück ihr Auslauf. Jeden Morgen öffne ich das Zauntor und schließe es wieder gegen 22 Uhr. Dann ist es zu dieser Jahreszeit zwar noch hell, doch die gefiederten Damen haben sich bereits zur Nachtruhe zurückgezogen. Alle sind ältere Ladies, legen also nicht mehr viele Eier. Um so überraschter bin ich, dass ich in einem Nest gleich drei Eier finde, weiß und zerbrechlich klein. Ich nehme sie vorsichtig heraus, halte sie in meiner Hand. Alle drei zusammen passen in meinen Handteller. Ein Nest weiter brütet noch ein anderes Huhn.

Die eigentlichen „Stars“ sind jedoch Dotty und Tiggy. Die zwei Hündinnen sind erst fünf und drei Jahre alt. Dotty verdankt ihren Namen den braune Stellen in ihrem hellen Fell, die man als „Punkte“ (englisch: dots) bezeichnen könnte. Dotty ist quirrlig und liebt es, am Bauch gekitzelt zu werden und menschliche Ohren zu lecken. Tiggy, die Ruhigere von beiden, mit längerem Fell und kürzeren Beinen, hat eine Obsession für Wasser.

Kein Spaziergang, ohne dass sie im Weiher ein paar Runden dreht. Und wenn ich das Wasser zum Gartenschlauch aufdrehe, dreht auch Tiggy so richtig auf: Ich muss den Sprengleraufsatz in der Luft hin und her schwenken – und Tiggy jagt ihm hinterher, jault und winselt aufgeregt, springt in die Luft, um ihn zu schnappen. Wird dabei natürlich heftig nass, was sie aber überglücklich macht. Wenn ich das Wasser wieder zudrehe, bleibt sie sitzen und blickt mich an: Bitte wieder aufdrehen! Nächstes Mal.

Tiggi (links) und Dotty ©Rebecca Hillauer

Beide Hündinnen reichen mir nicht einmal bis zu den Knien. Was für ein Unterschied zu dem „Sixpack“ Hunde zuletzt in Portugal. Hier in Schottland sind unsere Spaziergänge zu Dritt beschaulich – außer die Hunde wittern einen Hasen oder ein Reh, dann geben beide Gas und jagen hinterher, haben aber wegen ihrer Miniaturgröße Null Chancen. Wir drehen unsere Runden entlang der vielen möglichen Pfade kreuz und quer, vom Haus bis hinunter zum kleinen Fluss und retour. 30 Minuten, 45 Minuten – und wir sind immer noch innerhalb der Grundstückgrenzen.

Last but not least habe ich das große Glück, dass es aktuell noch andere Bewohner des Hauses gibt: Ein Blaumeisenpaar hat im hölzernen Brutkasten an der Hauswand ein Nest gebaut. Sieben Eier lagen anfangs darin, erfahre ich. Als ich ankomme, sitzen allerdings nur drei geschlüpfte Jungen im Nest und schreien nach Futter.

Nest mit drei Küken ©Rebecca Hillauer

Die Eier, aus denen keine Jungen geschlüpft sind, wurden vermutlich von den Eltern entfernt (oder vielleicht fressen sie die Schalen wegen des Kalziums?). Die Hausbesitzer, die eine Webcam am Nest installiert haben, erzählen mir, dass sie beobachtet hätten, wie die Mutter ein totes Küken entfernte. „Sie brauchte eine ganze Stunde, um es aus dem Nest zu schaffen. Ein trauriger Anblick – so ist die Natur.“ Den Blaumeisenmann haben sie bereits seit einer Weile nicht mehr gesehen. Vielleicht hat er seine Familie verlassen, vielleicht ist ihm aber auch etwas zugestoßen, jedenfalls muss das Weibchen nun doppelte Arbeit leisten, um ihren Nachwuchs satt zu bekommen.

Das gelingt ihr bislang anscheinend sehr gut. Zwei der drei Küken sind bereits relativ groß, das dritte wesentlich kleiner. Als ich wieder einmal die Webcam einschalte, sitzen im Nest nur noch zwei statt drei Küken. Ist das andere so kräftig und mutig gewesen, aus dem Nest zu fliegen? Ich schalte immer wieder ein, um nachzusehen, doch das dritte Küken bleibt verschwunden. Das zweite größere Küken beginnt, am Nestrand seine Flügel auszutesten. Ich hoffe, dass die Mutter das kleinste Junge weiter füttern wird, wenn es nur noch als einziges im Nest sitzt.

Nest mit zwei Küken ©Rebecca Hillauer

Gestern Nacht, als ich noch einmal kurz hineinblitzele, schlafen die zwei Küken friedlich nebeneinander… Und dann, heute morgen, die große Überraschung: Das Nest ist leer!

Sind die beiden anderen übernacht flügge geworden, auch das Kleinste? Oder ist in der Nacht, während ich schlief, noch ein Unheil passiert? Hat womöglich doch eine Eule das Nest entdeckt und die beiden Küken gefressen? Ich will positiv denken und annehmen, dass die Mutter es geschafft hat, alle drei Jungen in die Welt hinaus fliegen zu lassen.

Zurück bleibt das Nest. Im Moment wirkt es traurig verlassen und still, so ganz ohne offene Schnäbel und Dauerpiepsen. Das wird das nächste Blaumeisenpaar, das den Brutkasten als Nistplatz für sich wählt, allerdings schnell ändern.

Verlassenes Nest ©Rebecca Hillauer

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