Stuttgarter Platz: Kommune 1 und eine Mondbadewanne
Berlin besteht historisch aus einer Vielzahl von Dörfern, noch heute hat jeder Stadtteil einen unverwechselbaren Charakter. Der Kiez, in dem meine Wohnung ist, und der, in dem ich ein paar Tage verbringe, könnten unterschiedlicher nicht sein.

Auf der Bank unter dem großen Baum am Stuttgarter Platz könnte ich die Welt vergessen. Oder doch zumindest vergessen, dass es in Berlin noch einen Stadtteil namens Neukölln gibt. Dort, nahe Hermannplatz, ist meine Wohnung.
Der „Stutti“, wie der Stuttgarter Platz im Volksmund heißt, liegt auf der anderen Seite der Stadt. In Charlottenburg. Ein gutbürgerlicher Kiez, mit gepflegten Restaurants und Kneipen, sogar der Secondhand-Laden hat Klasse. Er ist geräumig und lichtdurchflutet. An jedem Kleiderbügel ist tatsächlich, gut sichtbar, die Größe des Kleidungsstücks, das an ihm hängt, angegeben. Draußen führt eine „Dame“ mit goldener Handtasche unter dem Arm und goldenen Sandalen einen kleinen schwarzen Pudel mit typischem „Pudelhaarschnitt“ über die Steinplatten des Gehwegs die Leonhardtstraße entlang. Die Szene könnte aus einer Hollywoodkomödie stammen, mehr Kitsch und Klischee geht kaum. Muss ich es noch sagen? Natürlich sind die Gehwege sauber, niemand scheint hier seine Essensreste und Plastiktüten auf der Straße oder in Baumscheiben zu entsorgen.



Das Gegenteil gilt für „Klein-Damaskus“, wie ich den Kiez um meine Wohnung in Neukölln wenig liebevoll nenne. „Damaskus“ heißt auch eines der vielen Schnellrestaurants in der Gegend mit Felafel und Kebab. Die meisten arabischen Migranten in Berlin kommen aus Syrien und dem Libanon, und die meisten von ihnen leben in Neukölln – insbesondere in Nord-Neukölln, wo meine Wohnung ist. Seit 2015, als Angela Merkel die Grenzen öffnen ließ, sind die meisten deutschen Ladenbesitzer entlang der Hauptverkehrsader im Kiez, der Sonnenallee, weggezogen. Ihnen folgten orientalische Bäckereien und Imbisse, Barber-Shops, Shisha-Bars und Cafés, Handyläden, Spätis, inzwischen sind auch Arztpraxen und Apotheken in nicht-deutscher Hand.
Ich war nie in Damaskus, habe aber in Ägypten gelebt. Auch eine Weile in Kairo. Daran fühlte ich mich manchmal erinnert, wenn ich im Sommer spätabends noch nach draußen und die Sonnenallee entlang ging. Die vielen Menschen, die sich auf den Gehwegen drängten oder vor den kleinen Restaurants kauend an Tischen saßen, die schwüle Luft und der Geruch – all das versetzte mich in meinem Gefühl für Sekunden wieder zurück in den „Souk“ (Markt) in Kairo. Und wie in Kairo sammelt auch hier in Neukölln irgendein Tagelöhner des Supermarkts an der Ecke nach Ladenschluss den Müll ein, den die Kunden tagsüber gedankenlos hinter sich auf den Boden fallen lassen. Die Kunden vermüllen die Straße, und am Abend macht einer sauber: So ist das System in der Heimat, und so handhaben es die Menschen auch im Exil. Sie essen sogar am Tisch vor einem Restaurant, während sich in kaum einem Meter Abstand in einer Baumscheibe Müll stapelt. Als mir dieser Anblick eines Tages wieder mal zu viel wurde, ging ich von Restaurant zu Restaurant und fragte die Inhaber, was sie gegen diesen Abfall vor ihrer Tür unternehmen wollten. Sie hätten bereits alles versucht, hörte ich als Antwort von allen; sie hätten Abfalleimer aufgestellt – „aber die Menschen werfen alles auf die Straße, so sind sie es gewohnt“. Warum, frage ich mich, bringen wir ihnen als deutsche Gesellschaft in den „Integrationskursen“ nicht bei, dass hier, in ihrem Gastland, jede Person selbst hinter sich aufräumt? Im Kiez um den Stuttgarter Platz tun die Anwohner dies ganz automatisch, so haben sie es gelernt. Sie trennen ihren Müll zuhause sogar fein säuberlich in Papier – Wertstoffe – Biomüll – Restmüll. Fein hier, pfui dort? Das müsste und sollte nicht sein, finde ich.
An dieser Stelle fällt mir ein und auf, dass hier der Platz wäre, ein paar Fotos von meinem Neuköllner Kiez zu posten. Ich habe leider keine, die ich posten könnte. Weil mir die Gegend so vertraut ist, habe ich schlichtweg nicht ans Fotografieren gedacht.
So unterschiedlich die beiden Kieze in Neukölln und Charlottenburg auch sind, eines haben sie gemeinsam: Die U-Bahn-Linie 7. Wenn ich vier Blocks von meiner Wohnung am Hermannplatz in die U7 einsteige, entsteige ich knapp 30 Minuten später in eine andere Welt. Unter dem Baum am Stuttgarter Platz sitzend, denke ich: Wer in diesem Kiez hier lebt und nie mit der U7 in die andere Richtung bis nach Neukölln fährt, ahnt nichts von der Parallelgesellschaft dort. Im Jahr 1997 zeichnete das Nachrichtenmagazin Der Spiege in dem Sonderheft „Endstation Neukölln“ den Bezirk als Ort des sozialen Niedergangs, extremer Gewalt und Verwahrlosung. Damals war ich über die Darstellung meines Kiezes als „Problemviertel“ empört, mittlerweile sehe ich es ebenso.
Und der Stuttgarter Platz? In den „wilden“ 1960er Jahren erlangte der „Stutti“ weit über West-Berlin hinaus Berühmtheit, als die Kommune 1, üblicherweise abgekürzt als K1, im Jahr 1967 hier ihr Quartier bezog. Die meisten Mitglieder kamen aus der außerparlamentarischen Opposition der Studentenbewegung und verstanden ihre Polit-Wohngemeinschaft als Gegenmodell zur bürgerlichen Kleinfamilie, die sie nicht nur als spießig ansahen, sondern auch als mögliche Keimzelle für einen neuen Faschismus ausmerzen wollten. Die Gräuel des Zweiten Weltkrieg waren damals erst rund 22 Jahre vorbei – so alt in etwa, wie die Kommunarden selbst, die noch während des Kriegs oder kurz danach geboren waren. Die Männer trugen auf Betreiben der Kommunefrauen hin lange Haare, Perlenketten, Armeemäntel oder Mao-Anzüge. Ihr mediales Aushängeschild war das Paar Rainer Langhans und die sehr photogene Uschi Obermaier. Bald ließen sie sich ihre Interviews und Fotos bezahlen. Im Flur ihrer Wohnung hing deutlich ein Schild: „Erst blechen, dann sprechen“.
1969 war die Kommune 1 dann bereits wieder Geschichte. Vier Jahre später trennten sich auch Langhans und Obermaier. Obermaiers Weg führte unter anderem in die Fotostudios von Helmut Newton, für die US-Ausgabe der Vogue zeigte sie 1973 neben nackter Haut auch das fachgerechte Drehen eines Joints. In kurzer Zeit wurde sie zum Sex-Symbol einer Generation. Im Alter von 50 Jahren ließ sie sich noch einmal für den „Playboy“ und mit 60 Jahren für den „Stern“ fotografieren. Rainer Langhans lebt noch heute, mit 86 Jahren und unheilbar an Prostatakrebs erkrankt, in München in einer Lebensgemeinschaft, die er als „Der Harem“ bezeichnet. Anders als im Original haben die Mitglieder allerdings jeweils eine eigene Wohnung.
Kaum hatten Langhans und Obermaier mit der Kommune 1 den Kiez hinter sich gelassen, zog es eine weitere Polit-Wohngemeinschaft zum Stutti, die sich kurzerhand Kommune 2 nannte und sich bereits 1968 wieder auflöste. Einer ihrer führenden Köpfe war Jan-Carl Raspe, der später der Roten Armee Fraktion, RAF, beitrat und sich laut des offiziellen Narrativs im Oktober 1977 im Hochsicherheitstrakt der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim erschoss. Zu der Zeit hatte der Stuttgarter Platz sich bereits in zwei unterschiedliche soziale Mileus entwickelt. Der nordöstliche Teil wurde ab der 1970er Jahre zum Zentrum des Rotlichtmilieus in West-Berlin. Zugleich gründeten sich im nordwestlichen Teil die ersten Bürgerinitiativen, Aktivistinnen der Neuen Frauenbewegung zogen in den Kiez, auch etliche prominente Künstler. Gehobene Restaurants und Cafés sowie ein Kinderspielplatz mit Grünanlage hielten Einzug. So blieb es bis zum Mauerfall.


Nach der Wiedervereinigung folgte die Gentrifizierung des Kiezes, in Folge vervielfachten sich die Gewerbemieten, auch die Wohnungen wurden für viele der Alteinsessenen unerschwinglich. Ähnlich wie in Neukölln verließen sie den Kiez. Viele ihrer ehemaligen Stammkneipen, Lieblingscafes und -restaurants befinden sich inzwischen in ausländischer, wenn auch nicht in arabischer Hand. Das ehrwürdige „Lentz“, Restaurant und Kneipe, hat einen makabren Spitznamen bekommen: „Leichentuch der Linken“. Es sind frühere „68er“, die das von ihnen über Jahrzehnte frequentierte Etablissement so nennen. Jahr um Jahr saßen sie dort mit Gleichgesinnten und diskutierten. Und nun dieser Spitzname… Sehen die mittlerweile Ende 70-, Anfang 80-Jährigen sich selbst bereits mit einem Fuß im Grab und beweisen damit Galgenhumor?
Ich erfahre davon durch eine Freundin, in deren Wohnung ich ein paar Tage unterkomme. In einer idyllischen Seitenstraße nahe des Stuttgarter Platzes. 3. Stock Hinterhaus. Oder vielmehr „Gartenhaus“. So nennen die Berliner die Gebäude, die hinten in L-Form an das Hauptgebäude angrenzen und vom Vorderhaus durch einen Hof getrennt sind. Einst wurden sie für die Bediensteten, die Arbeiterklasse gebaut. Die Zimmer sind kleiner, die Wände niedriger. Wohnungen 2. Klasse für Menschen 2. Klasse. Heute sind die Wohnungen heiß begehrt, denn zum einen sind auch die Mieten niedriger. Zum anderen lebt es sich – anders als im Vorderhaus mit dem Verkehrslärm von der Straße – in den meisten Gartenhäusern beschaulich und ruhig. Auch meine Wohnung in Neukölln liegt in einem Gartenhaus. An den ersten warmen Frühlingstagen öffnete ich die Fenster zum Hof und schloss sie erst im Herbst wieder – so ruhig ist es, sogar nachts.

Wenn ich nun in der Wohnung meiner Freundin am Stuttgarter Platz aufwache und die Augen öffne, sehe ich durch das Fenster als erstes die Zweige und Blätter des großen Baums im Hof. Ich höre, wie ein Mieter im Vorderhaus Klavierpartituren spielt. Meisterhaft. Ich atme tief und fühle Entspannung. Als meine Freundin 1978 hier einzog, gehörten weder Zentralheizung noch ein Badezimmer zur Grundausstattung in den Gartenhäusern. Manche Mieter mussten sogar eine halbe Treppe tiefer oder höher steigen, um zum WC zu gelangen. Meist wurde mit einfachen Eisenöfen geheizt. Als ich 1992 nach Berlin zog, hatte ich den Luxus eines Kachelofens. Luxus deshalb, weil die Kacheln die Wärme sehr lange speichern. Mein Kachelofen hatte zudem in der Mitte eine Öffnung, in die ich Speisen zum Warmhalten schieben und Backäpfel zubereiten konnte. Weil es in den Gartenhäusern auch keine Badezimmer gab, behalfen viele Mieter sich damit, dass sie nachträglich eine Fertigdusche in der Küche aufstellten oder dort eine Ecke mit einer schmalen Wand abtrennten und mit Kacheln und Wasseranschluss zur Dusche umzufunktionieren. Diese Provisorien finden sich auch heute noch in vielen Gartenhauswohnungen. Ebenso die schmalen, schlauchartigen WCs, in die viele Mieter später im hinteren Teil eine Dusche einbauten. In der Wohnung meiner Freundin kann ich ein solches Relikt aus der guten alten Zeit bestaunen. Statt einer Dusche hat sie allerdings eine „Mondbadewanne“ installieren lassen. Sie ist kürzer als norme Wannen und nur an ihrem hinteren Ende, das zum Fenster zeigt, abgerundet, vorne ist sie gerade, so dass davor eine Waschmaschine passt. Vor ihr befindet sich wiederum der WC-Sitz. Zu Waschmaschine und WC gelangt man durch eine Tür im Flur. Der „Einstieg“ in die Wanne ist dagegen von der Küche aus – und das im wahrsten Sinn des Wortes: Um die Wannenfüße ist ein stabiles Holzpodest gebaut, darin eingebaut ist eine Schublade, die zieht man heraus, steigt darauf – und klettert dann in die Wanne. Sie ist zu meiner Überraschung nicht aus schnödem weißen Emaille, sondern mit runden Mosaikensteinen in verschiedenen Blautönen ausgelegt. Als Sichtschutz dient eine selbstgefertigte Flügeltür. Wenn ich morgens am Küchentisch frühstücke, kann ich durch die Gucklöcher der Flügeltür das Blau der Wannenmosaike sehen.



Surreal? Nur für all diejenigen, die das „gute, alte“ Berlin nie selbst in irgendeiner Form erlebt haben.
Dazu gehört hier am Stuttgarter Platz nicht zuletzt das Klick-Ladenkino. Es existiert unter wechselnden Namen bereits seit 1911 und zeigt seit 1971 unter dem Namen ‚Klick‘ Klassiker und neue künstlerisch anspruchsvolle Filmen. Gerade gibt es ein Dokumentarfilm-Festival. Ich entdecke den Film „Beauty of the Donkeys“ und beschließe spontan, später am Nachmittag ins Kino zu gehen. Ende Juni wird noch „Donkey Days“ laufen, aber dann werde ich bereits weitergezogen sein.