Als die Stadt noch „West-Berlin“ war und PLZ „1000“ hatte…

Natürlich ist inzwischen nicht alles schlecht in Berlin. Am spannendsten finde ich, dass ich als Durchreisende in meiner eigenen Stadt mit wacherem Blick durch die Straßen gehe und immer etwas Neues entdecke.
Beim Gassigehen mit dem Hund etwa entdecke ich an einer Hauswand ein Schild „West-Berlin, Schöneberg 30“. Es stammt aus der Zeit, als es noch zwei Deutschländer gab, und die Postleitzahlen noch vier- statt wie aktuell fünfstellig waren. Bei West-Berlin wurde einheitlich die 1000 vor- und eine zweistellige Nummer nachgestellt, die das jeweilige Zustellpostamt identifizierte. Also im Fall von Schöneberg: 1000 West-Berlin 30. So war es aber nicht immer gewesen. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs stand hinter der Ortsbezeichnung zunächst ein Himmelsrichtungsbuchstabe (wie S, N, W), gefolgt von den zwei Zahlen, zum Beispiel: Berlin W 30. Die Nummerierung begann im Stadtzentrum (C=Zentrum) und erstreckte sich radiär nach außen. Diese offizielle postalische Ortsangabe galt, bis im Jahr 1962 die „1000“ für West-Berlin plus die nachfolgende Postamtszahl eingeführt wurde.
Das legendäre Berlin-Kreuzberg gab es sogar zweimal: Kreuzberg 36 und Kreuzberg 61. Beide lagen im amerikanischen Sektor. Kreuzberg 36 grenzte allerdings an seiner Ostseite an die DDR, hier bildete die Spree die natürliche Grenze zwischen West- und Ost-Berlin. „36“ war der wildere, kreativere, aber ärmere Teil von Kreuzberg, in dem Künstler, Studenten, Arbeitslose und später auch die ersten „Gastarbeiter“ aus der Türkei ihren Wohnsitz nahmen. Wo Punks im berühmten „SO 36“ ihren Pogo tanzten und jeden 1. Mai „der autonome schwarze Block“ gegen den Kapitalismus auf den Straßen randalierte. In Kreuzberg 61 hingegen richteten sich linke Lehrer ein, hier war es gediegener, ruhiger und sauberer. Der Kiez rund um die Bergmannstraße mit seinen Öko- und Modeläden, Cafés und Restaurants sowie der Markthalle zieht auch heute noch Einheimische wie Touristen an.
Das Schild „West-Berlin Schöneberg 30“ entdecke ich in einer Abzweigung der Kurfürstenstraße. Hier, in der Hausnummer 115/116, wurde unter den Nazis im Februar 1939 auf Befehl Hermann Görings die Reichszentrale für jüdische Auswanderung eingerichtet und ab 1941 von dieser Adresse aus die Deportation der europäischen Juden in die Vernichtungslager organisiert. Das um 1910 erbaute Gebäude befand sich zuvor im Besitz eines Wohlfahrtsvereins, des Jüdischen Brüdervereins. Eine zum Mahnmal umgestaltete Bushaltestelle erinnert an die Geschichte des 1961 abgerissenen Hauses. Im selben Jahr ließ die DDR-Regierung die Berliner Mauer bauen. Die Kurfürstenstraße lag in unmittelbarer Nähe zum Todesstreifen. Die abgelegene Ecke entwickelte sich zur Zuflucht für Sexarbeiterinnen, Junkies und Künstler, die sich in der Abgeschiedenheit kurz vor der Mauer nach Ost-Berlin unbehelligt fühlten. Noch heute ist ein Abschnitt der Kurfürstenstraße ein stadtbekannter Straßenstrich.
Ich biege vorher jedoch von der Kurfürstenstraße in die breitere und viel befahrene Potsdamer Straße ein. Nach zwanzig Minuten zu Fuß gelange ich zu der Stelle, wo die Potsdamer Straße zur „Hauptstraße“ wird. Kaum hundert Meter weiter gelange ich zum Haus Hauptstraße 155. Hier war von 1976 bis 1978 das Zuhause von David Bowie. Während dieser Zeit entstanden die Alben „Low“ und „Heroes“ seiner berühmten Berlin-Trilogie.
Bowie wollte in Berlin dem Musikgeschäft in Los Angeles und seiner Kokainsucht entkommen und im guten alten Europa wieder zu sich selbst finden und mit elektronischer Musik experimenteieren, nach dem Vorbild der deutschen Avantgard-Bands Kraftwerk und Can. Eine Weile teilte er sich die Wohnung in der Haupstraße mit dem Gesangskollegen Iggy Pop. Eine Gedenktafel an der Fassade erinnert an Bowies Zeit in Berlin. Seit seinem Tod am 10. Januar 2016 hinterlassen Fans oft Blumen und Bilder an der Eingangstür.


An Pfingsten 1987 kehrte David Bowie zu einem dreitägigen Open Air-Festival nach West-Berlin zurück. Vor dem Reichstag sang er seinen Hit „Heroes„. Der Auftritt soll für ihn so emotional gewesen sein, dass er ihn auf der Bühne zu Tränen rührte. Die Veranstalter ließen die Musik über die Lautsprecheranlage bis ins nahe Ost-Berlin tönen. Nur wenige Hundert Meter entfernt versammelten sich dort Jugendliche vor dem Brandenburger Tor, um die Lieder live zu hören, die sie aus verbotenen „Feindsendern“ kannten. Die Polizei trieb die Jugendlichen brutal auseinander, wie der ARD-Korrespondent in Ost-Berlin, Peter Merseburger, berichtete.
Was man im Video des Bowie-Auftritts wegen der schlechten Bildqualität nicht sieht: Um den Körper des Sängers ist ein dickes Seil gewickelt, das eine Frau, die zunächst im Schatten sitzt, langsam entwickelt. Eine Woche nach dem Konzert besuchte der damalige US-Präsident Ronald Reagan West-Berlin und und forderte vor dem Brandenburger Tor den sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow auf: „Reißen Sie diese Mauer nieder!“ Zwei Jahre später war es soweit – die Mauer fiel.
Weitere viereinhalb Jahre später wurden im wiedervereinigten Deutschland die vierstelligen Postleitzahlen abgeschafft, weil es vereinzelt zu Doppelungen kam. Seit dem 1. Juli 1993 gibt es landesweit die heutigen fünfstelligen Postleitzahlen.