Frauen Kultur Muslimische Welt

Willkommen zurück in Berlin!

Ich erlebe meine Rückkehr nach Berlin mit gemischten Gefühlen.

Auf den Straßen sehe ich viel Müll und verschleierte Frauen.

Ich erinnere mich noch an die Zeit, als ich mich jedes Mal freute, wenn ich von einer Reise „heimkam“ nach Berlin. „Lang, lang ist’s her“, wie es in einem Volkslied heißt. Die Stadt entfremdet sich immer mehr von ihrem einstigen Selbst.

Muslimisches Paar in Berlin-Schöneberg ©Rebecca Hillauer

Das junge muslimische Paar, das mir bei meinem ersten Gang auf die Straße in Schöneberg, einem Stadtteil im Zentrum Berlins, entgegenkommt, verkörpert für mich alles, was die Entfremdung der Stadt von sich selbst symbolisiert: Der Mann trägt Jeans und ein kurzärmeliges T-Shirt, hat eine Baseball-Mütze auf dem Kopf und einen korrekt „islamisch“ getrimmten Bart. Sie ist von Kopf bis Fuß in schwarzen fließenden Polyester gehüllt (bei fast 30 Grad!) und schiebt einen Kinderwagen. Dessen Breite nach könnten darin Zwillinge liegen. Wer könnte wohl etwas dagegen haben? Braucht das langsam aussterbende deutsche Volk, mit der demographischen Überalterungspyramide, doch dringend Kinder! So zumindest das politische Narrativ.

Mir gruselt bei dem Anblick des jungen Paars. In mir schreit es: Packt ihn auch unter schwarzes Plastik! Zumindest soll er ein traditionelles Männergewand tragen, das in Ägypten etwa „Galabaya“ genannt wird: ein knöchellanges Hemdgewand, das den Nachthemden ähnelt, wie Männer sie früher in Europa trugen. Aber auch wenn der Mann ein solches Gewand trüge, würde noch Ungleichheit herrschen zwischen den Geschlechtern, denn die Galabaya wird traditionell aus atmungsaktiver weißer Baumwolle gearbeitet und sie zu tragen, ist bei sommerlichen Temperaturen eine Wohltat. Die Frauen unter ihrem schwarzen Plastikzelt schwitzen hingegen erbärmlich.

Später in der U-Bahn steht eine andere Frau neben mir, deren schwarzes Zelt nur einen Schlitz für ihre Augen frei lässt. Ich höre sie mit ihrer Begleiterin in akzentfreiem Deutsch sprechen.

Ich habe aufgehört, für solche Frauen Mitleid zu empfinden. Mein Mitgefühl gilt all den Frauen, die versucht haben, sich aus ihrem Gefängnis von Tradition und Familie zu befreien – und dies oft mit ihrem Leben bezahlen mussten. So wie die Deutsch-Kurdin Hatun Sürücü, die 1982 in West-Berlin geboren wurde und 23 Jahre später Opfer eines sogenannten Ehrenmordes wird. Mit 16 war Sürücü mit einem Cousin in Istanbul zwangsverheiratet worden, kehrt jedoch noch vor der Geburt ihres Sohnes nach Berlin zurück und lässt sich scheiden. Sie legt das Kopftuch ab und nennt sich fortan „Aynur“ – auf Deutsch: Mondschein, holte ihren Hauptschulabschluss nach und beginnt eine Lehre zur Elektroingenieurin. Ihr westlicher Lebenswandel gefällt der Familie nicht. Am 7. Februar 2005 tötet ihr jüngster Brüder Ayhan sie durch drei Schüsse in den Kopf.

Zu ihrem Gedenken vergibt die Grüne Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus seit 2013 den Hatun Sürücü-Preis an Projekte und Initiativen, welche die „Selbständigkeit von Mädchen und jungen Frauen in besonderer Weise unterstützen“. Zu Sürücüs 13. Todestag wurde im Februar 2018 eine Brücke über die Autobahn A 100 in Hatun-Sürücü-Brücke benannt, es gibt auch einen Hatun-Sürücü-Platz und einen Gedenkstein am Tatort ganz in der Nähe ihrer Wohnung in Berlin-Tempelhof. Der Film „Nur eine Frau“ (2019) spielt Sürücüs Leben nach. Zu ihrem 20. Todestag meldet sich erstmals ihr Sohn Can öffentlich zu Wort, der beim Tod seiner Mutter fünf Jahre alt war und bei einer Adoptivfamilie aufgewachsen ist.

Diese Geschichte und Geschichten wie diese schwingen unbewusst in mir mit, wenn ich mitten in einer „freien“ Gesellschaft wie Berlin verschleierte Frauen sehe. Ich habe sieben Jahre lang in Ägypten gelebt und in einem Stadtentwicklungsprojekt der GTZ (jetzt: GIZ) in Assuan mit einheimischen Frauen gearbeitet. Wie überrascht war ich, als sie eines Tages bei einem Treffen – aus welchem Grund, entzieht sich meiner Erinnerung – ihren Hijab abnahmen… Welch dicke Haare sie hatten! Und wie verändert ihre Gesichter und ihre ganze Erscheinung plötzlich wirkten! Nie werde ich mich mit einer Gesellschaft anfreunden, die verschleierte Frauen als „normal“ akzeptiert.

Auf Facebook beschreibt Gita Timm, die als Tochter von Einwanderern in Deutschland geboren wurde, ihre Sicht auf die Entwicklung im Land hier. Absolut lesenswert!

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