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Roadtrip Portugal: Korkeichen und ein „Himbeervisum“

Abschied von Odeceixe und auf ein baldiges Wiedersehen

Immer noch Algarve: Aufbruch und Abschied auf ein Wiedersehen

Um in Silves bei den Störchen anzukommen, muss ich erst Odeceixe verlassen, wo ich die letzten drei Wochen verbracht habe. Zum Glück ist es kein Abschied für immer.

Zitronen groß und klein ©Rebecca Hillauer

Viel zu wenig habe ich bisher geschrieben über dieses wunderhübsche Dorf, das nicht nur die Atlantik-Küste in Laufnähe hat, sondern außerdem einen Fluss, der sich vor seinem Einmünden in den Ozean, geschützt durch die Dünen, in ein Flussbad verwandelt. Ideal für gefahrloses Schwimmen, Plantschen und Sandburgen bauen.

Von diesem Gewässer, der Ribeira de Seixe, sprich dem Fluss Seixe, hat das Dorf Odeceixe seinen Namen: „Ode“ = „bei, an“ + Seixe (wobei das „s“ zu einem „c“ wird), also soviel wie „An der Seixe“. Lautsprachlich in etwa „Odesejsch“ mit stimmhaftem „sch“ ausgesprochen. Portugiesisch ist wunderbar melodisch, für Nicht-Muttersprachler aber schwierig auszusprechen.

Ich habe das große Glück, drei Wochen lang in einem kleinen Paradies hoch über einem Tal wohnen zu dürfen. Im Garten blühen nicht nur Jasmin, Callas und Trompetenblumen sowie allerlei einheimische Pflanzen, sondern auch die ersten Erdbeeren färben sich rot. Eine weniger bekannte Delikatesse wächst direkt unterhalb der hölzernen Veranda, die die tiefer liegenden Ebenen des Gartens überragt. Die Delikatesse hängt an drei Bäumen der Gattung „Japanische Wollmispel„, hier in Portugal  „Nespereira-do-Japão“ genannt. Die orangefarbenen süßlichen Früchte, die ovalen Aprikosen ähneln und im April in Büscheln zwischen den ganzjährig dunkelgrün glänzenden Blättern hervorleuchten, heißen Nêsperas oder Loquats. Sie werden zu Gelee und Marmelade, Likör und Wein verarbeitet. Im Fruchtfleisch sitzen zwei oder drei kleine dunkelbraune Samenkerne. Ich pflücke jeden Morgen ein Schälchen voll frischer Nêsperas vom Baum für mein Müsli, setze mich auf die Terrasse und genieße, während ich esse, den Blick über das Tal – mit seinen Hügel, vereinzelten Häusern und Pinienbäumen. Wer jemals in Ostafrika war, wird bei diesem Anblick so wie ich sofort denken: „Ah, wie in Afrika!“

Ausblick von der Terrasse ©Rebecca Hillauer
Hängematte im irdischen Paradies ©Rebecca Hillauer

Ob ich in Ostafrika auch in einer Hängematte chillen würde?

In jedem Fall ist der afrikanische Kontinent relativ nah. Zumindest das arabische Nordafrika. Von Odeceixe ist es nur eine Stunde mit dem Auto bis nach Sagres an der Südspitze Portugals. Daran schließt sich ein Stück atlantischer Ozean an – und dann bereits Marokko. Kein Wunder, dass die Algarve, die sich entlang der Südküste Portugals erstreckt, früher „Algarbien“ genannt wurde. Heutzutage, wird mir zugetragen, würden Portugiesen im Norden des Landes alles südlich von Lissabon als „Afrika“ bezeichnen.

Mit den Ländern Nordafrikas hat die Algarve tatsächlich viel Vegetation gemein: die Korkeiche etwa. Die dicke Rinde des Baumes darf alle acht Jahre geschält werden, erfahre ich. Damit man weiß, wann dies das nächste Mal sein wird, malt man auf die Stämme eine Jahresahl. Eine 3 etwa für das Jahr 2023. Für alle Bäume, die diese Zahl auf ihren Stamm gemalt bekamen, bedeutete dies ein grausames Ende. Denn kaum waren sie ihrer Rinde entledigt worden, raste ein Waldbrand durch die Hügel. Ohne ihr Rindenkleid waren die Bäume den Flammen schutzlos ausgeliefert. Aus manchen dieser Eichen treiben inzwischen neue Schößlinge, die meisten stehen jedoch als verkohlte Mahner der Natur inmitten der im Frühling bunt werdenden Landschaft. Mir springt ein Meer von weißen Blüten ins Auge: Zistrosen. Die getrockneten Blätter dieser im Mittelmeerraum beheimateten Heilpflanze werden volkstümlich bei Erkältungen, Grippe, Bronchitis und Hautproblemen wie Neurodermitis als Tee oder äußerlich angewendet. Die frischen Blätter enthalten Harz und sind klebrig.

So nah Nordafrika der Algarve ist, kommen jedoch nur wenige der „Gastarbeiter“ in diesem Landstrich von dort. Die meisten Migranten stammen aus Indien, Nepal und Pakistan. Der Mechaniker, der die Bremsen meines VW Polos repariert, gibt sich mit seinem Turban eindeutig als Sikh zu erkennen. Viele dieser Gastarbeiter sind in der Gastronomie und Landwirtschaft beschäftigt. Pflücken unter den Plastikdächern der ausgedehnten Gewächsanlagen Erdbeeren, Blaubeeren und Himbeeren. Deshalb heißt das Arbeitsvisum, das sie für diese Beschäftigung brauchen, im Volksmund „Himbeervisum“. Fünf Jahre müssen die Arbeiter in Portugal bleiben, um den Anspruch auf eine Aufenthaltsgenehmigung innerhalb der Europäischen Union zu erwerben.

Als ein in Deutschland geborenes Bleichgesicht lerne ich die wohlhabendere Seite der Algarve kennen, wohin es Jahr um Jahr mehr „Ex-Pats“ aus dem nördlichen Europa zieht. Als Ausländer ein Grundstück zu erwerben, ist hier mit weniger Bürokratie verbunden als im Nachbarland Spanien. Und: Viele Portugiesen sprechen Englisch. Dies steht im krassen Gegensatz zu Spanien, wo man ohne Landessprache sogar in Städten wie Barcelona ziemlich verloren ist. Portugiesen waren einst Welteroberer, wie die Spanier, doch heutzutage ist nur Spanisch eine Weltsprache. Spanier müssen daher nicht unbedingt eine Fremdsprache erlernen, um mit der Welt zu kommunizieren – ganz so wie Amerikaner, Briten und Australier. Portugiesisch hingegen wird zwar noch in dem bevölkerungsreichen Brasilien gesprochen, doch wer sich mit dem Rest der Welt austauschen will, lernt besser Englisch.

Dieser Umstand macht mein Leben in diesem mir fremden Land, in dem ich zum ersten Mal bin, um einiges leichter. Ob dies der Grund ist, warum ich mich hier mehr angekommen fühle als während der zwei Monate Aufenthalt in Spanien? In Portugal werde ich die gleiche Zeit verbracht haben, wenn ich Ende Mai nach Berlin zurückfliege… Meinen „roten Blitz“ auf vier Rädern werde ich in Odeceixe zurücklassen, denn zum Glück gehe ich nur für kurze Zeit weg – um im August für weitere zwei Monate zurückzukehren. Dieser Ausblick versüßt mir den Abschied erheblich. Abschied: vor allem von Rocky Balboa – dem kleinen orangefarbenen „Tabby“-Kater.

Rocky führte früher ein „wildes“ Leben, bis er sich Karen und Jürgen, die Besitzer dieses Kleinods mit der Terrasse, Hängematte und Mirabellen, als Wahlfamilie auserkor. Der kleine Kater ist noch immer scheu, lässt mich ihn aber nach wenigen Tagen hinter seinen Ohren kraulen. Ab und zu kommt er auch ins Wohnzimmer, wo ich mein Notebook auf dem Esstisch aufgeschlagen habe, und schlummert auf dem Sofa, während ich tippe. Oder er legt sich unter den Tisch draußen auf der Terrasse, wenn ich dort esse oder nachmittags am Notebook arbeite.

Als ich meinen Koffer und alle Habseligkeiten im Auto verstaut habe, um abzufahren, treibt die Neugier Rocky dazu, das Innere des Autos zu inspizieren. Als ehemaliger Straßenkater hat ihn vermutlich der Geruch aus dem Müllsack angelockt, den ich vor dem Beifahrersitz abgestellt habe, um ihn in der nächsten Gemeinschaftstonne am Wegrand zu entsorgen. Zuerst lugt Rocky nur neugierig ins Auto und schnüffelt, dann – zack – springt er hinein. Ebenso schnell aber auch wieder heraus. Aus der Traum, dass ich womöglich mit Kater auf Fahrt gehen werde.

Bis August, kleiner Rocky!

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