Mein Aufenthalt in Odeceixe geht zu Ende. Ich nutze die Zeit.
Einmal mehr durchkreuzt das Leben meine Pläne. Mein Notebook und mein VW Polo müssen zur Reparatur. Das kostet mir zwei Tage, in denen ich Schreibrückstände hätte aufholen können. Stattdessen gehe ich auf Fotopirsch: nach Störchen.

Der Fernsehsender Phoenix hat erst vor kurzem die Dokumentation „Portugal. Küste der Störche“ ausgestrahlt: Über die Störche, die statt auf Rathausdächern in der Algarve – als weltweit einzigen Ort – an Steilklippen nisten. Hier geicht ihr Leben eher der einer Sturmmöwe. Obwohl, das werde ich gleich an meinem ersten Safaritag erfahren, Möwen eher Feinde dieser Störche sind.
Aber von vorn: Als ich von diesem Dokumentarfilm erfahre, sage ich mir zwar: „Ich bin ja gerade in der Algarve.“ Dass die Störche aber sozusagen um die Ecke von mir nisten – darauf bringt mich erst Paula. Paula Vieria ist Hundetrainerin und führt eine Art Hundepension. Da ich in Odeceixe „nur“ auf einen kleinen Kater aufpassen muss, biete ich meine Hilfe beim Gassigehen an. Paula wohnt ganz nahe und hoch oben bei den Klippen und bei einem unserer Spaziergänge auf dem Plateau erwähnt sie, dass „ein Stück weiter“ auf den Felsen Störche nisten. Blink, blink! So komme ich auf die Idee, an diesem meinem letzten Sonntag in Odeceixe mit meinem Smartphone auf „Storchenjagd“ zu gehen…
Odeceixe


… und finde mich wieder auf dem berühmten Fischerweg, auch Fischerpfad genannt. Er gilt als einer der schönsten Wanderwege in Europa. 120 Kilometer immer an der Westküste der Algarve entlang, mal am Strand, mal in den Dünen, mal auf den Klippen. Der Fischerweg ist ein Teil der Rota Vicentina, die ein Wanderwegenetz von mehr als 450 Kilometern umfasst. Die grün-blauen Wanderweg-Markierungen machen es leicht, sich zu orientieren, und zeigen mir, dass ich tatsächlich auf dem Fischerweg bin, der – nördlich von Porto Covo kommend – hier in der Heidelandschaft oberhalb von Odeceixe endet.
Bei dem Anblick von Meereswogen, Gischt und blauem Wasser übersehe ich beinahe die Störche, die auf den vorgelagerten Felsen nisten. Als ich sie endlich erblicke, frage ich mich für einen Moment, ob sie nicht vielleicht Möwen seien… doch dann setzen zwei der Vögel sich mit dem typischen „gestelzten“ Storchengang auf dem Felsrücken in Bewegung. Kaum zu glauben, wie sie sich und ihre Nester, sprich Horste, bei diesem Wind, der beständig vom Atlantik weht, dort oben halten können.
Um noch näher an die Störche heranzukommen, gehe ich um die Biegung des Felsplateaus herum. Plötzlich sehe ich, nur zwei Meter entfernt, einen ausgewachsenen Storch vor mir. Er säubert gerade sein Gefieder. Wir sind beide von der Begegnung überrumpelt. Ich bin dazu noch erstaunt, wie groß der Storch ist. Was für eine Freude. „Foto machen!“, schießt es mir durch den Kopf. Aber, ach, natürlich hat der Storch sich längst über den Klippenrand geschwungen und fliegt in Richtung Brutfelsen davon.
Zeit für Enttäuschung beibt mir kaum, denn eine Frau mit einem imposanten Teleobjektiv nähert sich. Claire aus Belgien lebt bereits 18 Jahre in der Gegend und fotografiert aus Leidenschaft die Störche entlang der Algarveküste. Dieses Jahr wären wesentlich weniger Nester belegt als in den Vorjahren, hat Claire beobachtet. Was die Gründe dafür sind, ob ein Mangel an Futter (Mäuse, Frösche usw.) oder eine Verlagerung des Brutplatzes, kann sie nicht sagen. Sie erzählt mir aber, dass die Möwen, die um die Brutfelsen der Störche segeln, sowie der ebenfalls hier beheimatete Wanderfalke gern die Eier und soger die Küken in den Storchenhorsten verspeisen. Deshalb muss zum Schutz immer ein Elternteil im Nest bleiben.
Cabo Sardão
Claire oder „Klara“, wie sie ihren Namen selbst eindeutscht, gibt mir noch den Tipp, zum Cabo Sardão zu fahren. Das Kap liegt ebenfalls an der westlichen Algarve-Küste. Dort, gleich beim Leuchtturm, könne ich von oben direkt in die Storchennester schauen. Das klingt verlockend. Da es noch früh am Sonntag ist, entschließe ich mich, nach Mittag eine halbe Stunde gen Norden zu fahren, um mir mein zweites Storchenerlebnis an diesem Tag zu gönnen. Ich werde nicht enttäuscht. Vom Plateau des Kaps aus sehe ich, wie schmal die Klippe ist, auf der die zwei Storchenfamilien ihre Horste gebaut haben. Wie ein Blitz kommt mir die Frage in den Sinn: Wie können die Jungstörche hier sicher das erste Mal ihr Nest verlassen – und fliegen? Ein „Üben“ gibt es für sie nicht, sie haben nur einen einzigen Versuch. Ihr erster Flug muss gelingen – oder sie sterben, zerschellen in der tosenden Brandung oder an einem Felsen. Das führt zur nächsten Frage: Wieso nisten die Störche überhaupt auf diesen Felsen, die sie Wind, Wetter, Wellen und Möwen ausliefern? Als ich die Frage in meinem Browser eingebe, erhalte ich als Antwort, dies sei wissenschaftlich nicht geklärt. Man vermute, dass die Tiere sich dort sicherer fühlen, da Raubtiere die steilen Felsen nur schwer erreichen können. Zudem bietee die exponierte Lage eine gute Aussicht, um das Revier zu überwachen und Beute zu erkennen. So ganz überzeugt mich die Erklärung nicht.
Eines macht dieser erste „Storchentag“ mir allerdings klar: Die Videofunktion meines Smartphones ist in ihren technischen Möglichkeiten und ihrer Bildqualität recht begrenzt. Mein Entschluss steht fest: Ich werde mir demnächst eine reisefreudige kleine Videokamera zulegen.
Erst einmal muss ich allerdings diese herrliche Gegend um Odeceixe verlassen, und das bereits am nächsten Morgen, um zu meinem nächsten Aufenthaltsort zu wechseln. So will es die Natur eines Roadtrips: Ich bin beständig unterwegs – unterbrochen von kürzeren oder längeren Stopps dazwischen. Meine nächste Station heißt Sarnadinha. Auf meinem Weg dorthin liegt die Stadt Silves, die „Stadt der Störche“. Hier sollen – wieder ein Tipp von einer wunderbaren Bekanntschaft – Dutzende von Störchen sich mitten in der Altstadt häuslich eingerichtet haben.
Silves
Alle Störche, die an der Küste Portugals nisten, sind Weißstörche (portugiesisch „Cegonha Branca“). Auch die in Silves, die zwar nicht auf Klippen nisten, aber auf sonst allem, das sie für sich auserkoren – Schornsteine, Dächer, Telefonmasten… Ein Storchennest zu entfernen, ist gesetzlich verboten. Aufgrund dieser rigorosen Umweltpolitik hat die Population in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen. Den gefiederten „Hausbesetzern“ sei es zudem zu verdanken, schreibt The Portugal News, „dass in vielen Fällen ein altes Gebäude nur deshalb noch steht oder oft nur noch der Schornstein vorhanden ist, weil ein Storch stolz darauf thront“. Hauptnistplatz der Störche in Silves ist ein verfallenes Areal im Zentrum, von dem nur noch die Außenmauern stehen. Auf ihr haben die Störche ihre Nester gebaut. Ihr Klappern ist weithin zu hören – wie es sich für „Klapperstörche“ eben gehört. Autohupen, Musik aus vorbeifahrenden Autos, knatternde Motorräder… nichts bringt die zweibeinigen Bewohner aus der Ruhe. Sie fühlen sich offenbar sicher.
So kann ich in aller Muse fotografieren und filmen, während ich das Areal langsam umlaufe. Vom Fuß der Mauer aus kann ich auch das Ausmaß der Nester sehen, die die Störche hier aus dickem Reisig geflochten haben. Ich schätze die Breite auf mehr als einen Meter, auch die Höhe und Dicke der Nestwände erstaunt mich. Was hatte die Storchenfotografin Claire gesagt? Aufgrund der großen Menge an Ästen, Zweigen und Polstermaterial können Nester mehr als eine Tonne wiegen, weil Storchenpaare ihre Horste oft jahrzehntelang nutzen und jedes Jahr erweitern.
Mit dem Klappern der Störche in meinem Ohr gehe ich zurück zu meinem Auto. Wir haben noch eine Stunde Fahrt vor uns. Ich bin in bester Stimmung. Meine beiden „Storchentage“ haben mich energetisiert. Nun bin ich gespannt auf das, was mein nächster Aufenthaltsort bringen wird.