Statt die Alhambra genieße ich die Ruhe nach dem Sturm.
Nach meinem Autofahrt-Marathon von El Gor über Cadiz, Tarifa, Los Barrios, Gibraltar und Malaga nach Granada bin ich froh, wieder zehn Tage an einem Ort sein zu können.

Mit Granada ist es ein bisschen wie mit Gibraltar: Ich verpasse die wichtigste Touristenattraktion. In Granada ist dies natürlich die Alhambra. „Tickets sind fast immer ausgebucht, buche also frühzeitig!“. Ein guter Rat, den ich mehr als einmal höre – und doch finde ich mich vor Ort wieder, ohne eine Eintrittskarte ins Innere des maurischen Kleinods in Händen zu halten. Die nächsten Tickets gibt es erst wieder in einem Monat, auch eine Pressekarte würde ich erst frühestens in zwei Wochen erhalten. Pech. Aber, um ehrlich zu sein, so richtig unglücklich bin ich darüber nicht.
Ich wohne zwanzig Busminuten außerhalb der City von Granada, in dem kleinen Städtchen Cenes de la Vega, das sich entlang eines Hügels schmiegt. Ich genieße den Ausblick von der großen Terrasse auf den gegenüberliegenden Bergzug, hinter dem sich die Sierra Nevada mit ihren Schneekoppen vor meinen Blicken verbirgt. Die Sonnenuntergänge sind grandios. Kaum fünf Minuten gehe ich bis zu einem engen Flusstal, steige einen Anhang hinunter, zu dessen Füßen ich am Flussufer entlang spazieren kann. In meinem temporären „Zuhause“ leisten mir die beiden Kater Cielo und Bertie beim Arbeiten Gesellschaft und teilen nachts mit mir das Bett.






Es ist die Woche vor Palmsonntag. Er markiert den Beginn der „Semana Santa“ (Heiligen Woche), ab diesem Tag finden überall in Spanien aufwändige Prozessionen statt. Es ist ein vom Katholizismus geprägtes Land. Die Feierlichkeiten dauern die gesamte Karwoche über bis zum Ostersonntag und ziehen Massen von Schaulustigen an, die in Städten wie Granada, Malaga und Sevilla die Straßen im Zentrum regelrecht verstopfen. Die Semana Santa ist insbesondere in Andalusien eine der wichtigsten religiösen und kulturellen Feierlichkeiten, die oft als bedeutender als Weihnachten gilt. In Sevilla allein finden mehr als 120 Prozessionen statt, bei denen rund 50.000 Teilnehmer in charakteristischen langen Gewändern und Ku-Klux-artigen Spitzhauben (Nazarenos) mit verdeckten Gesichtern durch die Straßen ziehen. Die Prozessionen werden von Musikkapellen mit Trauermärschen und traditionellen Saetas (Flamenco-Klagelieder von Balkonen) begleitet. Die zentralen Elemente sind die „Pasos“, kunstvoll geschnitzte Holzkonstruktionen mit Heiligenfiguren, die von Costaleros auf den Schultern getragen werden. In Granada haben in diesem Jahr für die acht Tage bis Ostersonntag 32 Bruderschaften und Ordensgemeinschaften Prozessionen angekündigt.

Ich lasse dieses Spektakel ohne mich stattfinden. Werfe mich an einem Tag jedoch in den städtischen Bus und finde meinen Weg zur Alhambra. Sie ist auch von außen beeindruckend. Ich umrunde die verschiedenen Gebäude, soweit wie möglich, zu Fuß und nehme dann einen Minibus nach Albacin, in das arabische Viertel auf dem gegenüberliegenden Hügel. Von hier aus, in etwa gleicher luftiger Höhe, eröffnet sich ein fantastischer Ausblick auf die Alhambra.
Mir gelingt ein für meine Verhältnisse zufriedenstellendes Selfie, während wenige Meter weiter auf dem niedrigen Mäuerchen um den kleinen Marktplatz einige Straßenmusiker sitzen und für typisch spanische Musik und fetzige Stimmung sorgen.
Vielleicht denken sich nun manche von euch, ich hätte mehr aus diesen zehn Tagen machen können. Vielleicht. Ich kann sagen, dass ich jeden Tag genossen habe, und denke, das ist die Hauptsache.
Wie in den meisten Städten Spaniens ist auch in Granada Parken ein Riesenproblem. Viele Miet- oder Eigentumswohnungen kommen daher samt einem Parkplatz im Vertrag. So kommt es, dass ich in Cenes de la Vega meinem roten Blitz in der Tiefgarage die verdienten Ruhetage bieten kann. Ein Kuriosum: Die Parkplätze scheinen regelrecht mit dem Millimeterband abgemessen, kein Zentimeter ist vergeudet. Wer einen Eckstellplatz zugeteilt bekommen hat, ist am übelsten dran. Ich ziehe den Hut vor denen, die ihr Gefährt auf einer solchen Parkscholle abstellen müssen.


Nach zehn Tagen ist es Zeit, mich von den beiden Katern zu verabschieden. Ich steige wieder in meinen „roten Blitz“ und fahre meinen letzten Stationen in Spanien entgegen, bevor wir beide ein neues unbekanntes Land erobern: Portugal.