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Roadtrip Portugal: Kirmes mit Stierkampf

Was gefällt Menschen am Stierkampf? Ich mache eine kleine Umfrage vor einer Arena.

Eine Autostunde entfernt soll eine „Tourada“ stattfinden.

Ankündigung / Instagram

Dies ist die Geschichte, wegen der ich meine Erzählreise von Spanien nach Portugal unterbrochen habe. Sie spielt gestern in dem Ort Garvao. Der dort angekündigte Stierkampf beschert mir einen sehr gemischten Tag.

Von dem für den 9. Mai geplanten Stierkampf erfahre ich durch ein Ankündigungsplakat, das Ana Batista auf Instagram gepostet hat. Batista ist eine „Cavaleira“. Das heißt, sie ist eine Reiterin, die dem Stier in der Arena eine Lanze in den Rücken sticht. Ana Batista ist bekannt. „Letzte Saison habe ich Eisen gehämmert und mir gedacht: Das ist mal ein richtiges Eisen!“, lautet der Titel eines Porträts über die bald 48-Jährige im Januar-Heft von Novo Burladero, einem portugiesischen Fachmagazin über Stierkampf und Reiterei. Burladero ist eine Schutzwand oder ein Sicherheitsbereich, der Stierkämpfern Schutz vor dem Stier bietet. Batista, die am 18. Juni 48 Jahre alt wird, begann bereits mit sechs Jahren zu reiten und mit 20 ihre Profikarriere. Auf meine Interviewanfrage auf Instagram antwortet sie nicht. Ich hätte sie gern gefragt, was ihr an ihrem Beruf Freude macht.

Was macht Menschen überhaupt Freude am Stierkampf? Ich beschließe, mir die Antwort auf diese Frage vor der Arena in Garvao zu holen. Weil nicht alle Besucher Englisch sprechen werden, notiere ich mir drei kurze Fragen auf Portugiesisch: „Was macht Ihnen am Stierkampf Spaß?“, „Denken sie, dass Stiere Schmerz empfinden?“ und für den Fall, dass jemand diese Frage mit „Nein“ beantwortet: „Woher wissen Sie das?“ Ich spreche die Sätze wiederholt laut vor mich hin, während ich am Samstagnachmittag meinen Polo durch eine grüne Landschaft steuere. In der letzten Nacht hat es heftig geregnet, und auch jetzt türmen sich am Himmel Wolken auf. Warum kann es heute Nachmittag nicht wieder so duschen, dass der Stierkampf abgesagt werden muss, denke ich. Doch nach einem Gewitter sieht es nicht aus. Das leichte Kopf- und Magendrücken, das ich seit dem Morgen spüre, verstärkt sich, je näher ich meinem Zielort komme.

Garvao, wo der Stierkampf um 17 Uhr beginnen soll, liegt im Alentejo, einer Region nördlich der Algarve, in der ich zur Zeit wohne. Der unscheinbare Ort hat etwas mehr als 700 Einwohner. Ich hatte gelesen, dass der Stierkampf im Rahmen eines Stadtfestes stattfinden würde, doch die Straßen sind wie leer gefegt. Ich frage ein paar junge Leute, die gerade aus einem Auto steigen, nach der Arena. Sie wissen nur, dass dort heute etwas stattfinden soll, sie selbst würden sich aber keine Stierkämpfe ansehen. Das sagt auch ein Mann um die 50, den ich vor seiner Haustür anspreche. Natürlich könnte ich einfach das GPS anschalten, aber auf diese altmodische Weise bekomme ich einen persönlichen Kontakt – und ein paar Antworten auf die Frage, derentwegen ich hierher gekommen bin.

Plakat Stierkampf ©Rebecca Hillauer

An der Straßenecke, an der ich zur Arena abbiegen muss, blickt mir ein mannshohes Plakat entgegen – mit dem gewaltigen furchteinflößenden Kopf eines schwarzen Bullens. Würden die Bullen eigentlich angreifen, wenn sie vorher nicht gereizt würden? Beim Weiterfahren tauchen vor mir tauchen nun auch Schlangen geparkter Autos auf, Menschen stehen in Grüppchen und plaudern oder schlendern in Richtung Arena, um die ein Meer von Jahrmarktsbuden aufgebaut ist. Es ist Kirmes im Dorf – und Stierkampf ist einfach ein Teil der Verlustierung.

Ich fange wieder an, meine Fragen zu stellen. Zwei ältere Herren, die zum Stierkampf wollen, sind sich uneins, ob Stiere Schmerz empfinden. Eine Frau, die erst noch recht freundlich bestätigt, dass sie Englisch spricht, zieht ihren Begleiter rigoros von mir fort, als sie mich fragen hört, was ihr am Stierkampf Spaß mache. Ein Ehepaar mit drei Söhnen im Teenager-Alter spricht Englisch und lässt sich auf ein längeres Gespräch ein. „Sie wollen uns nur verurteilen“, wirft die Frau mir anfangs vor. Zum Glück lässt sie sich beschwichtigen, als ich versichere, dass ich nicht verurteilen, nur verstehen möchte. Ich merke dabei allerdings selbst, wie unverständig und vorurteilsbeladen ich im Grunde tatsächlich bin. Um so mehr freut es mich, dass das Ehepaar weiter mit mir spricht. Sie fänden Stierkämpfe nicht gut, würden sie aber gelegentlich ansehen, „weil wir eben damit aufgewachsen sind“, sagen sie. Über das Fortbestehen des Stierkampfs würden Politiker entscheiden, nicht sie. Sie könnten nichts beeinflussen. Ich wende ein, dass sie immerhin Geld für den Eintritt zahlen würden. Ja, aber würde ich nicht auch ab und zu Geld für etwas zahlen, mit dem ich nicht einverstanden bin, kommt die Gegenfrage. Bei dieser Kirmes könnte man für sein Eintrittsgeld auch Pferde und Ponys reiten, ohne den Tieren weh zu tun. Die eingezäunten Reitareale, die ich beim weiteren Umherschlendern sehe, sind allerdings aufgeweicht von Schlamm und tiefen Pfützen, wegen des massiven Regenfalls letzte Nacht. Dann, endlich, erfahre ich von den zwei freundlichen Damen an der Kasse: Der Stierkampf heute ist deswegen abgesagt worden.

Augenblicklich hebt sich meine Laune. Kopfschmerzen, Magendrücken? Wie weggeblasen. Doch einige Aussagen, die ich von Besuchern gehört habe, gehen mir durch den Kopf. Dazu muss man wissen, dass in Portugal – anders als in Spanien – die Stiere nicht in der Arena getötet werden. Ich google die Aussagen und bekomme die folgenden ersten schnellen Suchergebnisse:

  • Aussage: „Jeder Stier darf nur einmal für einen Stierkampf eingesetzt werden, danach kommt er zurück auf die Weide – oder ins Schlachthaus“. Suchresultat: „Es gibt keine gesetzliche Beschränkung, die einen Stier auf nur einen Kampf limitiert. Viele Stiere kehren auf die Weide zurück und können für spätere Kämpfe oder zur Zucht verwendet werden. Nur wenn ein Stier im Kampf schwer verletzt ist oder nicht mehr als Zuchttier taugt, wird von einem professionellen Fleischer außerhalb der Arena getötet“.
  • Aussage: „Die zum Kampf gezüchteten Bullen haben eine dicke Fettschicht auf dem Rücken, so dass sie die Spitzen der Lanzen nicht spüren. Bei diesem Teil des Stierkampfs geht es nur darum, die Kunst der Reitern zu demonstrieren“. Suchresultat: „Die Idee, eine Fettschicht diene als Schutz, widerspricht den biologischen Fakten und wird von der Tiermedizin nicht gestützt. Eine eventuelle Fettschicht bietet keinen ausreichenden Schutz gegen die tief eindringenden Lanzen oder den damit verbundenen massiven Gewebeschaden und Schmerz“.
  • Aussage:„Wenn man den Stierkampf abschafft, sterben die dafür gezüchteten Rassen aus, und Züchter und Torreros werden erwerbslos.“ Suchresultat: „Kampfstiere leben oft nicht auf großen Weiden, sondern hinter Wellblechzäunen und werden künstlich zugefüttert. Es gibt alternative Modelle wie die blutfreien Corridas oder Capeas, bei denen die Tiere nicht getötet werden, sowie Vorschläge zur Umwandlung der Betriebe in Schutzgebiete oder Ökotourismus-Zentren“.

Wie erwähnt, sind dies nur die Ergebnisse meiner Schnellsuche. Ich werde den Inhalten noch gründlicher nachgehen. Eines wird mir auf der Rückfahrt von Garvao aber schnell klar: Der Stier, der heute nicht zum Kampf antreten musste, muss es demnächst anderswo. Er ist nur für diesen Tag gerettet.

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