Zwischenstopp auf dem Weg von Gibraltar nach Granada

Nach meinem Besuch im Tierheim von Los Barillos will ich unbedingt noch das nahe Gibraltar sehen. Von dort bleiben mir noch knapp drei Stunden, um zu meiner Verabredung in der Nähe von Malaga zu kommen. Los geht’s.
Es ist dießig an diesem Morgen, als ich in meinen VW Polo steige, zwischendurch regnet es ein paar Tropfen. Mein Verstand sagt mir: „Vergiss Gibraltar. Fahr direkt zu deiner Verabredung um 13 Uhr bei Malaga. Ganz ohne Stress“. Aber ich habe nun einmal „ihn“ im Kopf… den Felsen von Gibraltar. Ich will ihn unbedingt sehen. Die Zeit wird schon reichen, denke ich. Und gebe Gas.
Man vergisst es leicht: Gibraltar an der Spitze Spaniens gehört tatsächlich zum Vereinigten Königreich, ist also britisches Staatsgebiet. Dementsprechend muss man durch den Zoll, wenn man sich den Felsen näher ansehen will. Und das Museum der Militärgeschichte, die berühmten frei auf dem Felsen herum turnenden Affen… und angeblich köstliches Gebäck in dem großen britischen Supermarkt. Kulinarische Leckereien und englische Küche schließen sich für mich Vorurteilsbehaftete zwar aus, aber ich muss es in diesem Fall einfach glauben, denn letztendlich verpasse ich alle diese Touristenattraktionen.
Ich habe einfach zu wenig Zeit, dämmert es mir, um alles zu machen, was ich gern machen würde, und um alles zu sehen, was ich an diesem Morgen in Gibraltar gern sehen würde. Stattdessen fahre ich die Strandpromenade entlang, werfe mehrere Blicke auf den mächtig und einsam dastehende Felsen – und kehre vor dem Zoll mit meinem Polo wieder um. Um 13 Uhr bin ich in der Banana Kitchen in Mijas bei Malaga mit der Kinderbuchautorin Natalie Knox verabredet. Das hat Vorrang. Außerdem muss ich bis spätestens 16 Uhr in Granada sein. Ein straffes Programm, aber auch ein sehr spannendes.

Von Natalie Knox habe ich zum ersten Mal von Anna Clements erfahren, die Mitbegründerin von SOS Galgos, einer Schutzeinrichtung für spanische Windhunde, der Galgos, in Barcelona. Sie zeigte mir das Bilderbuch „Bonito, the Hero“ (Bonito, der Held), in dem der Galgo Bonito so mancherlei Abenteuer besteht. Mit diesem Buch sensibilisieren die Mitarbeiterinnen von SOS Galgos Schulkinder für das Leid und Leben dieser als Jagdhunde benutzten und oft brutal behandelten Tiere (siehe meine Story unten). Natalie Knox hat die Geschichte über Bonito nicht nur geschrieben, sondern auch illustriert.


Die preisgekrönte Kinderbuchautorin lebt mit ihrer Familie in Mijas nahe Malaga am Mittelmeer. Da mein Weg von Gibraltar nach Granada mich an Malaga vorbeiführt, nutze ich die Gelegenheit und verabrede mich mit ihr. Als die gebürtige Südafrikanerin, die seit mehr als zwei Jahrzehnten in Spanien lebt, mir dann an einem runden Cafehaus-Tischchen gegenüber sitzt, holt sie allerdings nicht die Geschichte von Bonito, dem jungen Galgo, aus ihrer Handtasche, sondern packt die fünf Hefte ihrer jüngsten Katzenbuchreihe vor sich auf den Tisch. „The Adventures of Kitty Corner“ (Die Abenteuer der Katzenecke). Die Serie begleitet das Mädchen Lucy und ihre Freunde bei ihrer Pflege von Straßenkatzen in einer „Katzenkolonie“ im Wald. Seit einer Tierschutzreform im September 2023 sind die Kommunen in Spanien verpflichtet, die Streuner zu füttern und kastrarieren bzw. sterilisieren zu lassen.
Inspiration für die Geschichten war eine Futterstelle für wilde Katzen in der Nähe von Natalie Knox‘ Haus. „Meine Tochter liebt es, Katzenfutter zu holen und es den scheuen Kätzchen hinzustellen. Wir warten dann in einiger Entfernung, um zu sehen, welche Katzen auftauchen, und bewundern ihr buntes Fell“. Knox‘ eigener Kater Sterling sei während des Schreibens und Illustrierens der Katzenbücher ein treuer, wenn auch etwas verschlafener Begleiter gewesen, scherzt die Autorin.

Auch für ihr erstes Buch „Bonito, der Held“ hatte Natalie Knox sich vom realen Leben inspirieren lassen – nämlich von Benji, ihrem spanischen Windhund (Galgo). Er irrte vor Jahren allein durch die Straßen Barcelonas. „Jung, gesund und kräftig, mit glänzendem schwarzem Fell und einem langen, peitschenden Schwanz“, so beschreibt Knox ihn. Zudem leuchtete eine weiße Blesse in seinem schwarzen schmalen Gesicht. Die Tierschutzorganisation SOS Galgos von Anna Clements nahm ihn auf, bis er bei einer Familie ein sicheres und liebevolles Zuhause fand. „Diese Familie waren wir“, sagt Knox. Mehr als zehn Jahre gehörte Benji fortan zu ihnen, bis er zu Beginn des Jahres 2026 mit 16 Jahren gestorben ist. Sein Markenzeichen – und deshalb auch das von Bonito im Buch: „Er hatte keinerlei Angst vor lauten Knallgeräuschen, nicht einmal vor Feuerwerken“.

Obwohl sie in Spanien lebt, schreibt Natalie Knox ihre Geschichten in ihrer Muttersprache Englisch. „Bonito, der Held“ ist mittlerweile auf Spanisch erschienen und wird von einheimischen Lehrerinnen auch im Unterricht benutzt, erzählt die Autorin. Sie wünscht sich, dass dies auch bei den Katzengeschichten bald der Fall sein wird. Natalie Knox wäre zudem nicht Natalie Knox, wenn sie nicht bereits ein nächstes Buchprojekt im Kopf hätte. Dieses Mal sollen die Protagonisten Esel sein. Die Idee dazu ist ihr beim Besuch des „Donkey Dreamland“ (Traumland für Esel) gekommen. Das Esel-Schutzprojekt liegt ganz in der Nähe von Mijas, wo Natalie Knox mit ihrer Familie lebt, und nimmt alte, kranke und misshandelte Esel auf. Denn wie in Spanien Galgos zur Jagd benutzt und von ihren Besitzern häufig misshandelt werden, so werden Esel immer noch als Lasten- und Arbeitstiere genutzt und dabei oftmals geschlagen oder anders brutal behandelt.
Während die Geschichte vom furchtlosen Galgo Bonito ein Bilderbuch zum Vorlesen für 3- bis 6-Jährige ist, und die Katzenbücher 7- bis 10-Jährige begeistern, will Knox das Eselbuch für die Zielgruppe der Teenies von 11 bis 14 Jahre alt schreiben. „Wenn die Kinder noch klein sind, ist es wichtig, ihnen Empathie für Tiere zu vermitteln“, sagt sie, die früher einmal Grundschullehrerin war. Deshalb hat sie sich bei ihren Büchern auch didaktisch einige Gedanken gemacht und geht mit ihnen des öfteren in die nahe Internationale und Britische Schule. „Wenn die Kinder bereits lesen können, unterhalte ich mich mit ihnen über die Botschaft des Buchs, und wie sie selbst eine Botschaft vermitteln können.“ Eines Tages, vielleicht, wird es dann auch eine Geschichte für „die Großen“, sprich für die 15- bis 17-Jährigen geben – etwa über einen jungen Stier, der für den Tod in einer Stierkampfarena vorgesehen ist. Ein hartes Thema. So wie ich Natalie Knox in der vergangenen Stunde kennen gelernt habe, wird der Stier in ihrem Buch – oder ein ihm zugetaner tierliebender Mensch – sicherlich einen Ausweg finden, wie das majestätische Tier diesem grausamen Schicksal entkommen kann.
Ein Blick auf meine Uhr zeigt mir, dass es langsam Zeit wird für mich aufzubrechen. Ich verabschiede mich von meiner angenehmen Gesprächspartnerin und schwinge mich wieder in meinen alten, aber zähen VW Polo, von mir mit offenbar gutem Grund „roter Blitz“ getauft, und mache mich auf die letzten laut Google Map 163 Kilometer dieses Tages. Aus dem von unzähligen ausländischen „Ex-Pats“ bewohnten Einzugsgebiet rund um die Stadt Malaga führen vierspurige Autobahnen. Nach einer Weile biege ich Richtung Granada ab und fahre nun auf einer zweispurigen Schnellstraße weiter. Schließlich taucht der Bergrücken der Sierra Nevada auf und sagt mir, dass ich es fast geschafft habe. Tatsächlich komme ich rechtzeitig gegen 16 Uhr an meinem Zielort an.