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Roadtrip: Wo Sindi ein neues Zuhause fand

Nahe Gibraltar betreiben Frauen ein außergewöhnliches Tierheim.

Nahe Gibraltar betreiben Frauen ein außergewöhnliches Tierheim.

Tierärztin Emma (l.) und Assistentin Nadia ©Rebecca Hillauer

Bei allen Grausamkeiten im Umgang mit Tieren in Spanien: Tierschützer setzen ihre Tatkraft dagegen. Eine Gruppe von Frauen tun dies an der Südspitze Spaniens unter widrigsten Umständen.

 Mit dieser Geschichte knüpfe ich an meinen ersten Teil meines Roadtrips durch Andalusien an (verlinkt unter diesem Text). Denn von dort waren es ja noch etliche Kilometer une ein paar aufregende Wochen, bis mein roter VW Polo und ich in Portugal anlandeten.

Zunächst besuchte ich auf meinem Weg von Cádiz nach Granada noch Verónicai Posada Bandrés. Ich machte einen kleinen Umweg, weil ich mehr über das Tierheim wissen wollte, von den sie mir erzählt hatte. Von ihr erfuhr ich auchie von dem "Toro Embalao" (Feuerstier) von Vejer de la Frontera, über den ich zu Ostern berichtete.

Sindi ist mini. Ein kleines Bündel Terrier, das locker auf einen Handteller passt. Wenn Sindi bellt, klingt es eher wie das Gaggern eines Huhnes. Eine Folge der vielen Operationen, die das Häufchen Hund über sich ergehen lassen musste. Anderthalb Jahre ist es her, seitdem Sindi, eine Terrierdame von rund zehn Jahren, in das Tierheim kam, bei dem Verónica Posada Bandrés im Vereinsvorstand ist. Das Gehege von SOS Canya liegt außerhalb des Städtchen Los Barrios, eine gute halbe Autostunde von Gibraltar entfernt, an der Südspitze Spaniens. Ich halte bei Verónica an, als ich vom Strand von Tarifa nach Gibraltar fahre, auf meinem Roadtrip durch Andalusien.

Verónica mit Sindi ©Rebecca Hillauer

Verónica Posada hat Sindi damals, vor anderthalb Jahten, kurzentschlossen mit sich nach Hause genommen. Denn unter all den anderen größeren Hunden hätte das zerbrechliche Wesen kaum eine Überlebenschance gehabt, meint sie. Verónicas fünf Katzen haben die neue Mitbewohnerin, die so viel kleiner ist als sie selbst, ohne Murren akzeptiert.

Vor 18 Jahren betrat Verónica das Tierheim zum ersten Mal. Damals als ehrenamtliche Helferin. Aus einer Gruppe von Interessierten ist sie als einzige geblieben. Was die Einrichtung zu etwas Besonderem macht, ist erst auf den zweiten Blick erkennbar. Sie hat ihren Sitz auf dem Gelände einer sogenannten Perrara. Das ist eine privat geführte Einrichtung, die von der Stadtverwaltung bezahlt wird. Dafür stellt der Betreiber das Gelände zur Verfügung, errichtet Zwinger aus Metallgittern und fängt – zumindest in Los Barrios – Hunde von den Straßen ein. Weil nicht von Anfang feststeht, ob ein „Streuner“ tatsächlich ein Straßenhund ist, oder nur gerade von seinem Herrchen ausgebüchst ist, gibt es eine zehntägige Frist, in der die Perreras die Eigentumsverhältnisse ermitteln müssen. Erst wenn in dieser Zeit kein Eigentümer zu finden ist, gehört ein Hund sozusagen der Einrichtung. Diese Vorschrift gilt landesweit.

Einzigartig an SOS Canya: Der Verein ist auf dem Gelände der Perrera nicht nur stundenweise aktiv, zum Beispiel, um Ehrenamtlichen zu ermöglichen, eingesperrte Hunde Gassi zu führen, wie ich dies andernorts erlebt habe. SOS Canya ist im Gegensatz dazu jeden Tag ab 9 Uhr 30 auf dem Gelände der Perrera tätig. Sieben Tage die Woche. 365 Tage im Jahr. Das mache sie zu dem einzigen Tierschutzverein in Spanien, der auf diese Weise arbeite, sagt Verónica. Zudem wird der Verein nicht nur ehrenamtlich verwaltet und unterstützt, sondern die Schlüsselfunktionen sind mit festangestellten Vollzeitbeschäftigten besetzt. Das Geld dafür stammt aus Spenden; von der Stadtverwaltung bekommen die Frauen keinen Cent.

Gemein hat SOS Canya mit anderen Tierschutzvereinen, dass nicht nur die Gründerinnen, sondern auch die meisten Aktiven Frauen sind. Aus dem Verein „SOS Perrera Los Barrios“ ist inzwischen in die Fundacion SOS CANYA (Stiftung SOS Canya) geworden, Spenden sind nun steuerlich absetzbar. Unter den ehrenamtlichen Helfern und den acht Vollzeitangestellten sind auch Männer. Sie übernehmen oft handwerkliche Aufgaben, die Muskelkraft erfordern. Auf der Teaming-Webseite unterstützen fast 600 Leute den Verein, 200 von ihnen seien tatsächlich aktiv, erzählt Posada, und an den Wochenenden ist in der Regel kein Mangel an Ehrenamtlichen, die die Hunde Gassi führen.

Die Crux mit dem Tierheim ist allerdings: Jedes Jahr im Frühling, wenn nach anhaltenden Regenschauern der Wasserspiegel im nahen Rio des las Cañas O Palomes steigt, tritt der Fluss über seine Ufer, und überflutet nicht nur die Wiese neben dem Tierheim – sondern auch das Tierheim mit. Die Hunde stehen – je nach Größe – bis zur Schulter im Wasser. Die Frauen müssen sie dann evakuieren. Freiwillige nehmen sie zur Pflege, bis ihre Zwinger nach Tagen wieder bewohnbar sind. So geht es jedes Frühjahr – seit 18 Jahren.

Aufgeben? Kommt für die Frauen nicht in Frage. Vor einigen Jahren beschlossen sie jedoch, diesen Zustand nicht länger hinzunehmen. Sie begannen, nach einem neuen, trockenen Gelände zu suchen. Als sie es finden, soll es jedoch mehr kosten, als sie aufbringen können. Sie entscheiden sich dennoch dafür, das Grundstück zu erwerben, und machen einen Deal mit dem Verkäufer: Sie leisten eine Anzahlung und versprechen, die restliche Summe binnen zwei Jahren zu bezahlen. Wie das bewerkstelligen, wissen sie zu dem Zeitpunkt nicht. Sie wissen nur eines: So kann es nicht weitergehen. Sie müssen etwas ändern.

Jährliche Überflutung ©Fundacion SOS Canya

Die Lösung des Problems kommt eines Tages durch die Tür, als ein Mann das Tierheim betritt. „Um die 80, mit grauen Haare“, so beschreibt Verónica Posada ihn. Er fährt mit dem Rad und hat einen Plastikbeutel auf den Gespäckträger gespannt. „Ah, jemand, der Futter spenden will,“ denkt sie damals. Und irrt sich gewaltig. Denn der Mann, der laut Posada weder seinen Namen in den Medien lesen noch dort sein Foto sehen will, hatte etwas ganz anderes im Sinn: Er spendet den Frauen den Großteil des Betrags, den sie noch bezahlen müssen, um das Gelände für das neue Tierheim ihr eigen zu nennen -und das ist keine geringe, sondern eine sechsstellige Summe. Den Rest steuern mehrere andere, treue und großzügige Unterstützerinnen und Unterstützer bei. Ein kleines Wunder ist geschehen.

Zukünftiges Tierheim ©Fundacion SOS Canya

Seitdem haben die Frauen auf dem neuen Gelände bereits Zwinger errichtet und legen von den Spenden nun Geld zurück, um das Gelände weiter auszubauen – und schließlich das alte marode Gelände verlassen und ihr neues Domizil ganz beziehen zu können. Das Hindernis sei jedoch nicht nur finanzieller Art, hat Verónica mir am Abend zuvor erläutert. „Das eigentliche Problem ist die schleppende Bearbeitung durch die Stadtverwaltung und die Bürokratie.“

Ich hätte das neue Gelände gern gesehen. Doch als ich am frühen Abend bei Verónica eintreffe, ist es zu spät, um noch dorthin zu fahren. Am nächsten Morgen muss sie ihrem Erwerbsjob nachgehen, und die Frauen im Tierheim sind mit den Hunden beschäftigt. So kann ich nur glauben (und tue dies auch), was Verónica mir von dem neuen Gelände erzählt – und was ich davon auf einem Video sehe.

Ich fahre direkt zum jetzigen Standort, die letzten anderthalb Kilometer über eine arg zerbeulte Schotterpiste. Das Tierheim beherbergt zur Zeit fast 200 Hunde. Darunter sind nur wenige Galgos. Zwar wird auch in dieser Gegend mit Windhunden gejagt, doch dafür werden hier die kleineren Podencos eingesetzt. Das Gros der Hunde im Tierheim sind allerding Pittbulls, deutsche Schäferhunde und ihr belgisches Pendant, der Malinois. Sie alle gelten als gute Wachhunde, die aber gut trainiert werden müssen – was vielen Besitzern letztlich zu aufwändig ist, sodass sie die Hunde über kurz oder lang im Tierheim abgeben. Ich höre ihr Bellen bereits, als ich in einiger Entfernung aus meinem Auto steige. Tierärztin Emma und ihre Assistentin Nadia begrüßen mich im Behandlungszimmer am Eingangstor. Daneben an der Wand sind auf einer Tafel die Namen aller Hunde notiert, die Ehrenamtliche am Sonntag zum Gassigehen abgeholt haben.

Emma führt mich durch die Einrichtung. Die Zwinger sind relativ groß und um je eine größere Freifläche gruppiert, auf der die Hunde Auslauf haben können. Die gemauerten Sockel sind grünlich-moderig verfärbt – Zeugnis der alljährlichen Überschwemmungen. An diesem frühen Morgen sind in und zwischen den Zwingern noch nicht alle Hundehaufen mit dem Gartenschlauch in die Auffangrinnen gespritzt worden… Prompt trete ich in einen Haufen. „Das passiert uns jeden Tag“, sagt Emma lapidar. Deswegen tragen alle, die hier arbeiten, Gummistiefel. Sie alle hören auch das andauernde Bellen längst nicht mehr, oder wie Emma es ausdrückt: „Wir würden es vermissen, wenn die Hunde plötzlich still wären.“ Die Tierärztin trägt einen Plastikkasten in ihren Händen, in kleinen Fächern liegen Fleischbällchen, in die Emma die Pillen für die Hunde knetet.

Freilauffläche ©Rebecca Hillauer
Medikamentenvergabe ©Rebecca Hillauer

Die Frauen arbeiten unter extremen Bedingungen. Alle hoffen, dass sie die bürokratischen Hürden für das neue Tierheim bald hinter sich haben – und endlich umziehen können. Vielleicht sogar noch in diesem Jahr, vor der nächsten Überflutung, um so den Tieren eine weitere Evakuierung ersparen zu können.

Weil so viele Vereinsmitglieder das neue Gelände sehen wollen, organisieren die Frauen am Sonntag, dem 10. Mai, einen Tag der Offenen Tür. Von 10 bis 18 Uhr hsben die Besucher die Gelegenheit, mit Verónica, Emma, Nadia und anderen Aktiven zu sprechen und die Arbeit der Stiftung kennen zu lernen.

Ob Verónica Posado an diesem Tag die kleine Sindi mit ins Tierheim bringen wird? Sie hat ein Video ins Netz gestellt, mit dem die Frauen um Spenden für die Arztkosten von 2800 Euro werben, die sie für Sindi bisher ausgegeben haben. Ich sehe das zarte, verletzliche Hündchen von gestern Abend vor meinem inneren Auge, das doch so zäh den Widrigkeiten seines Lebens getrost hat, und denke, dass jeder Cent für Sindi gut ausgegeben ist.

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