Ein Fall von aktiver Sterbehilfe bewegt aktuell Spanien.

Gestern, am 26. März 2026, starb in Barcelona die 25-jährige Noelia Castillo durch aktive Sterbehilfe. Nach einer Vergewaltigung durch mehrere Männer war sie aus dem fünften Stock eines Hauses gesprungen und saß seitdem im Rollstuhl.
„Ich möchte jetzt gehen und aufhören zu leiden“. Mit diesen Worten verabschiedete sich Noelia Castillo in einem TV-Interview mit dem spanischen Sender Antena 3 einen Tag vor ihrem Freitod. Glaubt man auch anderen spanischen Medien, dann hat die junge Frau mit den langen dunklen Haaren und dem zarten ovalen Gesicht viel in ihrem Leben durchgemacht. Sie muss einen großen Teil ihrer Kindheit und Jugend in Heimen verbringen, weil ihre Eltern Sucht- und psychische Probleme haben. Zudem erfährt sie mehrfach sexuelle Gewalt, versucht mehrmals, sich das Leben zu nehmen und wird psychiatrisch behandelt. Schließlich, so berichtet sie, hätten ein Ex-Freund und drei andere Männer sie vergewaltigt. Wenige Tage später, am 4. Oktober 2022, stürzt sie sich unter dem Einfluss von Kokain aus dem fünften Stock eines Hauses. Seitdem ist sie an einen Rollstuhl gefesselt. Sie sieht nur einen Ausweg: Sterbehilfe. Als Erlösung von ihrem Siechtum und den nach eigenen Angaben beständigen und unerträglichen Schmerzen.
In Spanien sind sowohl die aktive Sterbehilfe als auch Beihilfe zum Suizid seit 2021 erlaubt. Nach der jüngsten Statistik des spanischen Gesundheitsministeriums haben 1.123 Menschen bis Ende 2024 von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht. Die Kosten trägt die staatliche Krankenkasse. Castillo beantragt die Leistung im Juli 2024. Obwohl sie damals bereits 23 Jahre alt ist und damit volljährig, muss Castillo ihren selbstbestimmten Tod gegen den Widerstand ihrer Eltern durchsetzen. Denn nach der Bewilligung der Sterbehilfe durch die katalanischen Behörden klagt ihr Vater gegen den Bescheid. Unterstützt wird er dabei von den ultrakonservativen katholischen „Abogados Cristianos“ (Christlichen Anwälten). Ihr Argument laut der Tageszeitung WELT: Castillos psychischer Zustand sei so labil, dass sie keine eigenständige Entscheidung über ihr Lebensende treffen könne. Dies ist jedoch eine Voraussetzung dafür, dass sie Sterbehilfe erhalten kann. Kandidaten müssen zudem volljährig sein, an einer unheilbaren Krankheit oder chronischen Behinderung leiden, die medizinisch unheilbar und mit „nicht hinnehmbaren Schmerzen“ verbunden ist. Sie müssen zwei schriftliche Anträge einreichen und sich Konsultationen mit medizinischen Fachkräften unterziehen, die zuvor nicht in den Fall involviert waren, bevor ihr Antrag von einem regionalen Expertengremium genehmigt wird. Castillo erfüllte nach Ansicht der begutachtenden Ärzte diese Voraussetzungen. So sehen es auch die obersten spanischen Gerichte, die Castillos Vater anruft. Am 24. März 2026 weist schließlich der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die beantragte Aussetzung der Sterbehilfe ebenfalls zurück.
Noelia Costillo kündigt an, am 26. März 2026 um 18 Uhr sterben zu wollen. Konservative Poltiker und Vertreter der katholischen Kirche laufen dagegen Sturm. Das katholische Online-Medium kath.net behauptet mit Verweis auf Castillos „Anwalt“: Die junge Frau hätte ihre Entscheidung für die Sterbehilfe zurücknehmen wollen, sei aber von Behörden und Krankenhaus zur Durchführung gedrängt worden, da es bereits Empfänger für die Organe gäbe. In einem Video, das kath.net von der Platform X heruntergeladen hat, spricht allerdings die Anwältin Polonia Castellanos, die die Familie Castillos vertreten hat. Sie beruft sich wiederum auf eine Aussage von Castillos Mutter.
Vor allem in konservativen und sozialen Medien wird der Vorwurf erhoben, Castillo sei im Oktober 2022 durch eine Gruppe minderjähriger Migranten vergewaltigt worden. Die Polizei hat dies offiziell nicht bestätigt. Frauenrechtlerinnen wiederum betonen, dass die sexuelle Gewalt, die Noelia Castillo – mehrfach – erfuhr – bei der öffentlichen Debatte wesentlich vernachlässigt würde.
Mir ist es in der Kürze der Zeit nicht möglich, in der Berichterstattung die Streu vom Weizen zu trennen. Fest steht, dass einige Interessensgruppen die tragischen Umstände des Lebens und des Todes der jungen Frau für ihre eigene Agenda nutzen. Dass kath.net berichtet, Gläubige würden vor dem Gebäude, in dem der Eingriff stattfinden soll, für Costillo beten, ist eine harmlosere Variante. Nach ihren Aussagen in dem TV-Interview zu urteilen, wäre die seelisch und körperlich gepeinigte junge Frau vermutlich am liebsten einfach still und leise in Frieden und für sich gegangen. Die große Frage bleibt: Hätte mehr Unterstützung von seiten des Staates die familiären Defizite aufwiegen, Noelia vor sexuellen Übergriffen bewahren und letztlich ihren Freitod unnötig machen bzw. verhindern können?
Noelia Costillo stirbt am Abend des 26. März 2026 in einem Pflegeheim in Sant Pere de Ribes nahe Barcelona durch eine tödliche Injektion in ihre Vene. Laut Medienberichten verzögert sich der Sterbetermin von 18 Uhr, weil sie sich noch von ihrer Familie und Freunden verabschiedet. Sie wolle „schön“ sterben, hat sie laut BILD in ihrem TV- Interview mit Antena 3 gesagt. Deshalb würde sie zu dem Termin ihr „schönstes Kleid“ anziehen. Ob Noelia es am Donnerstagabend getragen hat?
Vor wenigen Wochen, Anfang Februar, lief auf DeutschlandradioKultur mein Radiofeature über Sterbehilfe in Kanada, einem der Vorreiterländer für aktive Sterbehilfe. An diesem kommenden Montag, 30. März, sendet der Österreichische Rundfunk, Ö1, mein wesentlich längeres und ausführlicheres Hörfunkfeature mit dem Titel „Tod auf Wunsch?„. Nach der Sendung werde ich hier auf meinem Blog einen entsprechenden Eintrag mit Link posten.