Mein Roadtrip Berlin-Spanien geht nun durch Andalusien.

Weil ich länger in El Gor geblieben bin, hat sich mein Aufenthalt an der Südspitze Spaniens verkürzt. Mir bleiben nur drei Tage, um zu sehen, was ich sehen will: die Hafenstadt Cadiz, Tarifa und Gibraltar. Und natürlich ein Tierschutzprojekt.
Die ersten zweieinhalb Stunden fahre ich auf der Autobahn durch das Gebirge gen Westen, Richtung Granada. Erstaunt sehe ich entlang der Straße Mandelbäume in weißer oder hellrosa Blüte, während sie in El Gor diesen Schmuck bereits abgeworfen haben. Hier wachsen die Bäume jedoch in höherer und kühlerer Lage, blühen also etwas später. Ich freue mich über ihren Anblick. Er bildet einen reizvollen Gegensatz zu den kargen sandfarbenen Gügeln im Hintergrund. Mitunter erinnert mich die Weite der Hochebene und die scheinbar ins Unendliche führende Fahrbahn an die Highways im Südwesten der Vereinigten Staaten.


Gegen Mittag taucht in der Ferne der Gebirgszug der Sierra Nevada mit seiner weiß leuchtenden Schneekappe auf. Von hier stammt das Wasser, das ich in El Gor aus der Quelle in einem Felsen in Plastikflaschen abgefüllt habe. Das Trinkwasserreservoir der gesamten Region. Es liegt nun vor mir, majästetisch und kühl-eisig den Gebirgsrücken bedeckend, während die pralle Mittagssonne auf das Dach meines alten VW Polos knallt, der keine Aircondition hat. Das Wageninnere erwärmt sich zunehmend, ich spüre, dass ich müde werde. ES gilt aufzupassen, dass ich nicht in einen Sekundenschlaf falle! Ich kurbele das Seitenfenster ein Stück herunter, um den Fahrtwind herein zu lassen. Er kühlt zwar nicht, frischt aber die Luft im Auto auf.


Die Rettung naht, als ich rund eine halbe Stunde hinter Granada von der Autobahn abfahre. Ab hier kurve ich einspurige Landstraßen entlang. Endlich. So möchte ich das Land erfahren. Jetzt wird es wirklich spannend – und atemberaubend schön. Zudem muss ich mich auf das Lenken des Wagens konzentrieren, was meine Müdigkeit nimmt und meinen Geist belebt. Aus dem Fahren von Punkt A nach Punkt B wird doch noch ein kleines Abenteuer. Zumindest nehme ich es so, andernfalls wäre es einfach zu langweilig. Die Hügel, Wiesen, Felder und Bäume, die die Straßen begleiten, leuchten nach den üppigen Regenfällen des Winters in unglaublich vielen und satten Grüntönen. Meine Fotos geben diese Farbeinpracht leider nicht wieder. Wer es mir einmal nachtun will: Ich befinde mich in der Region rund um Olvera. Ab und zu sehe ich dazwischen gestreut weitläufige Solaranlagen, wie ich sie in den vergangenen Wochen auch in der Provinz Almería gesehen habe.




In bester Stimmung komme ich über einen Umweg gegen Abend in Cádiz an. Als ich auf die Stadt zufahre, ragt plötzlich eine monumentale, sanft geschwungene Schrägseilbrücke vor mir auf. Sie trägt mich über die Bucht von Cádiz in das Stadtzentrum. In modern „zart-luftiger“ Bauweise laufen die gigantischen Metallseile an den Brückenträgern nach oben hin wie bei einer Spitzhaube zusammen.

Die Puente de la Constitución de 1812 („Brücke der Verfassung von 1812„) hat die größte Spannweite aller spanischen Schrägseilbrücken und die drittgrößte Spannweite in Europa. Sie ist außerdem mit 540 Metern die längste Brücke Spaniens. Ich bin wie berauscht, als ich in der Abenddämmerung unter den beleuchteten Metallseilen auf der geschwungenen Fahrbahn mit meinem alten VW Polo in die Stadt „hineingleite“. Am nächsten Tag – meinem einzigen in der Stadt – lasse ich es mir nicht nehmen, zur Brücke zu spazieren und Fotos zu schießen. Wie erwartet, ist der Eindruck weit weniger spektakulär als am Abend zuvor, aber ich kann die Begeisterung jener Überfahrt noch spüren.




Ich schlendere die Strandpromenade entlang. Cádiz liegt auf einer schmalen Halbinsel, die vom Atlantik umgeben ist. Eine alte Stadtmauer umschließt das historische Zentrum, das geprägt ist von gewundenen Gassen und Plätzen. Die Stadt gilt als eine der ältesten kontinuierlich bewohnten Siedlungen Westeuropas. Vor über 3.000 Jahren von den Phöniziern als Handelsposten gegründet, entwickelte sie sich später unter karthagischer, römischer und spanischer Herrschaft zu einem bedeutenden maritimen und wirtschaftlichen Zentrum. Der typisch andalusische Charakter ebenso wie der lokale Dialekt spiegeln die Lage der Stadt an der Kreuzung mediterraner und atlantischer Zivilisationen wider.

Als ich mich von meiner Gastgeberin Trini verabschiede, gibt sie mir noch den Tipp, in der Ortschaft Vejer Halt zu machen. Vejer de la Frontera liegt etwa 50 Kilometer südöstlich und auf meinem Weg, also fahre ich die Serpentinen hinauf zu dem Hochplateau. Die Ansiedlung weiß getünchter Häuschen ist bekannt als eines der schönsten Dörfer Spaniens sowie das besterhaltene Pueblo Blanco („Weiße Stadt“) der Region. Die historische Stadtmauer beherbergt vier Tore und drei Türme, darunter eine ehemalige maurische Burg aus dem 10./11. Jahrhundert, die im 14./15. Jahrhundert von den Christen erweitert wurde. Am nächsten Tag werde ich etwas erfahren, das mich das malerische Örtchen mit anderen Augen betrachten lässt, aber davon weiß ich in diesem Moment noch nichts.





Ich fahre weiter. Rund eine Stunde dauert es, bis ich einen einzigartigen Ort erreiche – den Strand von Tarifa. Genau gesagt, Playa de los Lances. „Strand der Lanzen“. Die genaue Herkunft des Namens ist nicht dokumentiert. Allerdings deuten mehrere Quellen darauf hin, dass er sich auf die geografische Lage und historische Merkmale der Region bezieht: Die Region mit ihren starken Winden war historisch ein strategisch wichtiger Punkt für Navigation und Verteidigung, was die „Lanzen“ begründen könnte. Der Strand liegt zudem an der Südspitze des europäishen Kontinents an der Atlantikküste und grenzt an die Straße von Gibraltar. Eine Landzunge erstreckt sich in Richtung Afrika – eine geografische Form, die als „Lanze“ beschrieben werden könnte.
Das Einzigartige an diesem Ort – und der Grund, warum ich unbedingt hierher kommen „musste“: Das nahe gelegene Städtchen Tarifa liegt an der engsten Stelle der Straße von Gibraltar, dort, wo das Mittelmeer und der Atlantik aufeinander treffen – und somit auch das warme, milde mediterrane auf das kühlere, herbere atlantische Klima. Eine Wasserscheide besonderer Art.
Der Strand steht hoch im Kurs bei Kite- und Windsurfern. Entlang der Straße sehe ich entsprechende Angebote für Unterkünfte. Auf dem Parkplatz stehen mehrere Campingbusse. Es ist noch Vorsaison und deshalb sind auch nur drei Dutzend Leute am Strand. Einige Männer stapfen barfuß durch den feinen Sand und lassen ihre Drachen in die Höhe steigen. Auf dem Meer tanzt ein einsamer Windsurfer seinen Tanz mit den Wellen. Am gegenüber liegenden Ufer kann ich Ausläufer des Atlas-Gebirges von Marokko erkennen. So nahe war ich Afrika lange nicht mehr.




Der Ort Tarifa selbst, nur wenige Kilometer entfernt, gilt wegen des nahen Strandes als eine der „Welthauptstädte“ für Wind- und Kite-Surfer. Mehrmals täglich verkehren zudem Fähren, darunter Hochgeschwindigkeits-Katamarane, zum oder vom marokkanischen Tanger. „Das da drüben ist Afrika“, sagt ein Passant zu mir und deutet auf die Hügelkette am gegenüberliegenden Ufer. Knapp 20.000 Menschen leben in der Stadt. Am westlichen Rand liegt „Punta de Tarifa“ (Punta, span: „Spitze“ oder „Horn“), der südlichste Punkt des europäischen Festlandes, auf der Isla de Las Palomas, die durch einen Damm mit dem Festland verbunden ist. Bis Marokko am anderen Meerufer sind es nur 14 Kilometer. Nirgendwo sonst liegen Europa und Afrika näher beieinander. Das Zusammentreffen der Wassermassen von Atlantik und Mittelmeer führt zu einem einzigartigen Ökosystem, das Tarifa zu einem hervorragenden Ort zum Beobachten von Walen, Delfinen und Vogelzügen macht. Das ist mir neu – und ein guter Grund, vielleicht wieder zu kommen.


Gegen Abend erreiche ich dann noch mein eigentliches Ziel und komme damit zum 2. Teil meines Andalusien-Trips: das Hunde-Schutzgehege in Los Barillos. Eine Gruppe von Frauen führt es seit 18 Jahren unter widrigsten Bedingungen. Mehr in meinem nächsten Reisebericht.