Am Ziel: Erstens kommt es anders, zweitens, als man denkt.
Als ich vor zwei Monaten zu meinem Roadtrip aufbrach, tat ich dies mit dem Ziel, bei dem Tierheim Galgo Rescue Almeria ehrenamtlich mitzuhelfen. Ich erlebe eine Überraschung und mache das Beste daraus.

Wie erzähle ich diese Geschichte, ohne jemandem Unrecht zu tun und doch bei der Wahrheit zu bleiben? Ich bin mit John Petrol seit mehr als einem Jahr über Facebook in Kontakt und habe meine Ankunft für Anfang diesen Februar angekündigt. John und seine Frau Sandy Cortebeeck haben vor elf Jahren das Schutzgehege Galgos Rescue Almería eröffnet. Es liegt etwas außerhalb des Städtchens Cuevas del Almonzera, eine gute halbe Autostunde von meinem temporären Domizil in El Gor entfernt. Das Paar kommt aus Belgien, wo John aus gesundheitlichen Gründen bereits seit mehreren Monaten wieder ist. Sandy managt das Galgo-Projekt seither solo in Eigenregie, bei Bedarf unterstützt von ehrenamtlichen Helfern aus der Region. Unter solchen Bedingungen können meine beiden Hände doch zusätzlich nur nützlich sein, denke ich.
Da das Tierheim keine postalische Adresse habe, weil es irgendwo zwischen Orangenplantagen am Ende einer Schotterstraße liege, hat John mir die geographischen Koordinaten geschickt. Mein GPS führt mich beim ersten Versuch, den Ort zu finden, allerdings in die Irre, und ich mach an einem unbefahrbaren steinigen Flussbett eine Kehrtwende. Beim zweiten Mal hat mich John außer mit den Koordinaten auch noch mit zwei Fotos bestückt, die zeigen, wo ich von der asphaltierten Hauptstraße abfahren muss. Ein ortskundiger Mann vor einem Restaurant gibt mir schließlich den entscheidenden Tipp. Ich biege richtig ab, fahre eine schmale, sich windende und zu meinem Erstaunen asphaltierte Straße entlang, durch ein enges, aber umso schöneres mit Palmen bestandenes Tal, das sich nach einem Kilometer weitet. Ich sehe Plantagen mit Orangenbäumen, so weit mein Auge blickt. Leider ist hier auch die Asphaltdecke zu Ende. Ich muss scharf manövrieren und teils im Schritttempo fahren, trotzdem rumpelt das Auto gewaltig. Ich überlege gerade, ob ich umkehren soll, als die Fahrbahn ein Stück weit besser wird. Dann wieder Steine und Löcher und abwechselnd so weiter. Nach anderthalb Kilometern erreiche ich endlich das Ziel. Das heißt, ich muss noch das breite Metalltor aufschieben und die steile sandige Auffahrt hoch chauffieren, bis ich in das unerwartet weitläufige Gelände fahre. Ich höre Hundebellen und sehe linker Hand ein mit Maschendraht umzäuntes Freigehege. Sechs Galgos laufen aufgeregt an den Zaun, als ich mein Auto parke. Sandy Cortebeeck und eine andere Frau sitzen vor einem Camper auf Klappstühlen und begrüßen mich. Der Camper gehört Janette, erfahre ich, die mit ihm aus den Niederlanden hierher gefahren ist und Sandy seit zwei Monaten ehrenamtlich zur Hand geht und noch bis April bleiben will. Die beiden seien inzwischen ein eingespieltes Team und bräuchten keine Dritte im Bunde mehr. Ich traue meinen Ohren nicht. Hinter mir liegen 3.000 Kilometer mit dem Auto – und jetzt soll das alles umsonst gewesen sein? Sandy erklärt, dass sie durchaus Hilfe brauchen kann, allerdings bei handwerklichen Aufgaben oder Unkraut jäten. Natürlich sollten auch die Hunde, die nicht im Freigehege, sondern in den Zwingern sind, Gassi geführt werden. Ich bin trotzdem innerlich sprachlos. Wie kann ein solches Missverständnis passieren? Ich würde es ja eher ein Kommunikationsdisaster nennen. Denn sogar wenn Sandy meine Hilfe wie erwartet benötigen würde: Die mir von John angekündigte „Schotterstraße“ ist in einem solch verheerenden Zustand, dass ich nicht risikieren will, das Auto zu beschädigen. Mit der ehrenamtlichen Galgo-Hilfe, auf die ich mich so gefreut hatte, wird es so nichts.

Fast ein Monat vergeht. Dann geschieht ein kleines Wunder: Vermutlich die Stadtverwaltung, genaues weiß ich nicht, lässt die Schotterpiste zum Tiergehege ebnen. Sie ist nun befahrbar wie eine „normale“ Rambla. Ab und zu noch ein Loch, ein Stein, ein Rumpeln, aber doch relativ bequem und gefahrlos für das Auto. Ich mache mich also wieder auf den Weg.
Ich komme im Tierheim an, als Sandy gerade die Zwinger und die blechernen Fressnäpfe mit dem Wasserschlauch reinigt. Sie berichtet, dass Ende März vier adoptierte Galgos von ihren neuen Besitzern abgeholt würden, die in Lettland, Frankreich und Deutschland leben. Galgos Rescue Almeria arbeitet mit Partnerorganisationen in diesen Ländern zusammen, die die Familien zu Hause besuchen, bevor eine Adoption vereinbart wird. Als ich die Zwinger entlang gehe und die Galgos in den Freigehegen besuche, zähle ich mehr als 40 Tiere.
Inga kommt vorbei. Sie ist ebenfalls aus den Niederlanden und lebt in der Gegend. Vor kurzem hat sie einen Galgo entdeckt, den sein Besitzer, ein Jäger mit einer Eisenkette angebunden hatte, die den Hals des Tieres wund rieb. Inga gab Sandy Bescheid, die sofort handelte, zu dem Jäger fuhr und den Hund kurzerhand zu sich genommen hat. (Wie sie den Mann dazu überredet hat, ihr den Hund auszuhändigen, verrate ich demnächst in meinem Radiobericht.)
Sandy ist eine leidenschaftliche Frau, die für den Schutz der Galgos brennt und nicht gern im Rampenlicht steht. Hut ab, wie sie den Betrieb allein – und zur Zeit mit Janettes Hilfe – managt: die Hunde füttern, streicheln, Gassi führen und zum Tierarzt bringen, Zwinger reinigen; Adoptionen organisieren und auf Notrufe wie den von Inga reagieren. Immer häufiger, erzählt Sandy, würden inzwischen auch Jäger sie anrufen oder ihr mailen und sie vor die Wahl stellen: entweder holt sie deren Hunde sofort ab – oder sie werden gnadenlos getötet. Natürlich fährt Sandy in ihrem kleinen Projektbus los und holt die Galgos ab, und sei es mitten in der Nacht.



Last but not least, komme ich dann endlich doch noch zu meiner „ehrenamtlichen Arbeit“: Ich jähte im Freigehege Unkraut. Immerhin leisten mir die Hunde abwechselnd Gesellschaft, so dass ich galgomäßig gefühlt auf meine Kosten komme. Am zweiten Tag bin ich zudem so schlau und bringe Gummistiefel mit, denn die Freigehege sind zwar mit Kieselsteinen aufgeschüttet, so dass Regenwasser und Urin versickern können. Außerhalb der Gehege haben sich hingegen nach den vielen Regenfällen der letzten Tage und Wochen auf dem sandig-lehmigen Untergrund Pfützen und Matsch gebildet. Wegen des Regens sprießt nun auch das Unkraut umso üppiger.



Mit meinem „Unkraut-Einsatz“ schließt sich für mich bei meinem Aufenthalt in El Gor der Kreis. Meine letzten Tage hier sind angebrochen. Ich binde den Sack zu. Ende gut, alles gut.
Von nun an bin ich nicht mehr auf einem Roadtrip Berlin-Spanien, sondern auf einem Roadtrip durch Andalusien – bald auch nach Portugal.
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