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Roadtrip Berlin-Spanien, Teil 10

In meiner letzten Woche in El Gor besuche ich noch etliche Tierschutzorganisationen.

Ein Tagesausflug auf den Spuren der spanischen Windhunde

Wegen des Irankriegs sitzt das Paar, dessen Tiere ich hüte, in Indien und wartet auf seinen verschobenen Rückflug. So kann ich eine Woche länger erforschen, weshalb ich eigentlich nach Spanien gekommen bin – Galgos und Galgo-Tierheime.

In der Pampa zwischen Mazzaroón und Murcia ©Rebecca Hillauer

Die E-Mail ist kurz: „Vielen Dank für Ihre E-Mail. Hier ist Tina. Wie kann ich Ihnen helfen?“ Am Tag zuvor hatte ich Galgos del Sol kontaktiert, ein bekanntes Tierheim für spanische Windhunde in der Nähe von Murcia, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz und somit auch der autonomen Region Murcia. Etwa eine Autostunde von meinem temporären Domizil El Gor entfernt. Da ich in meiner Mail genau erklärt hatte, dass ich zwei Radioberichte über das Tierschutzprojekt machen wolle, bin ich etwas verwundert über die lapidare Antwort. Sie stammt von Tina Wales Solera, der Gründerin und Leiterin von Galgos del Sol, und klingt, als würde sie den Inhalt meiner Mail nicht kennen. Ich schiebe also eine weitere nach, in der ich mich nochmals ausführlich erkläre, und warte danach auf eine Rückmeldung. Da keine kommt, hake ich nochmals nach, dass ich mich über eine Antwort freuen würde – vergeblich. So beschließe ich, am Ende meines Aufenthalts in El Gor, unangemeldet zu Galgos del Sol zu fahren. Irgendjemand würde Tierheim sein und mir hoffentlich sogar die Anlage zeigen. Auf dem Weg dorthin will ich noch einen Abstecher zu einer anderen Tierschutzeinrichtung machen.

Es regnet in Strömen, als ich frühmorgens losfahre. Eine Stunde über Autobahn. Der Regen bricht erst ab, als ich rechts die Ausfahrt nach Mazzarón nehme. Dort ist eine Perrera, ein „Hundezwinger“. Eine Auffangstation für Hunde. Geöffnet ist sie dienstags und freitags von 9 bis 11 Uhr. In dieser Zeit gehen Ehrenamtliche des Tierschutzvereins „Freunde der Tiere von Mazzarón“ Gassi mit den Hunden, die die restliche Zeit über in den Käfigen eingesperrt sind. Das Wort „Käfig“ kommt mir spontan in den Sinn, als ich die Metallcontainer sehe, die in schmale Gitterabteile abgetrennt sind, die wenig Bewegungsspielraum für die Tiere lassen; die Rückwände sind aus grünem Wellblech. Kot wird mit einem Gartenschlauch gegen die Rückwand gespritzt, wo er durch ein Gitter in eine Auffangrinne rutscht. Die Stadtverwaltung bezahlt ein privates Unternehmen dafür, die Anlage zu betreiben.

Es ist verboten, Fotos oder Videos von den Hunden zu machen, heißt es in den Richtlinien des Betreibers für die ehrenamtlichen Hundeausführer. Ich halte mich dran und poste hier nur ein Foto der Zwinger – und nicht, wie die Hunde darin an den Gittertüren hochspringen, bellen, weil sie auf ein Stück Freiheit hoffen, solange sie die Besucherinnen an diesem Morgen hören und sehen. Eine Vereinsfrau der Freunde der Tiere von Mazzarón holt die Hunde aus ihrem Zwinger, leint sie an und übergibt sie an die Ehrenamtlichen. Drei Runden über das Betriebsgelände sind die Regel, dann wird der Hund in seinen Zwinger zurück gebracht und ein anderer Hund über das Areal geführt. Nein, die Bedingungen seien alles andere als ideal, „aber so ist die Realität“, seufzt die Vereinsfrau, die mich einweist. Da ich erzählt habe, dass ich an einer Geschichte über Galgos arbeite, bekomme ich eine wunderschöne, zierliche braun-karamel-gemusterte junge Galga an die Hand. Sie zittert am ganzen Körper… aus Angst oder vor Kälte? Ich frage nach ihrem Namen, den die Vereinsfrau kennt ihren Namen nicht, die Hündin wird unter der Nummer des Zwingers zugeteilt. Sie hat kleine offene Wunden an den Gelenken ihrer vier Beine. Ich warte deshalb mit ihr vor dem Holzhaus, in dem eine Tierarztpraxis eingerichtet ist. Der Arzt oder ein Assistent kommt zu uns heraus, sprüht Wundspray auf die roten Hautstellen – und wir können zu unserer letzten Runde starten. Dann wird die Hündin zurück in ihren Zwinger geführt.

Weil es nun anfängt, auch hier heftig zu schütten, brechen die Vereinsfrauen die Gassistunde frühzeitig ab. Ich nutze die Gelegenheit, noch einige Blicke ins Innere der Zellen zu werfen. Nackte Fliesen und Plastikwannen als Schlafstätten. Anfangs hätten sie Handtücher und Decken mitgebracht, um die Wannen damit auszubetten, erzählt mir auf Nachfrage eine Vereinsfrau. Doch etliche Hunde hätten die Decken gefressen und einige seien deshalb sogar gestorben. Ich stelle mir die kleine dünne Galga vor, wie sie die ganze Zeit über auf hartem Untergrund liegt… Zumindest stehen ihre Chancen gut, dass eine Adoptivfamilie sie bald zu sich aufnimmt, weil sie jung und hübsch ist. Was passiert mit den anderen Hunden? Eingeschläfert würden sie nicht, versichert mir die Vereinsfrau. Ich will es gern glauben.

Ich verabschiede mich und und gehe zurück zum Auto. Mein nächstes Ziel ist nun also Galgos del Sol. Ich gebe den Namen ins GPS ein, wundere mich, dass mir noch 58 Minuten angezeigt werden, ich hätte die Fahrzeit kürzer eingeschätzt – und gebe Gas.

Statt über die erwartete Autobahn fahre ich über eine einspurige Landstraße, deren Asphaltdecke Risse und Löcher hat. Mäßiges Tempo ist angeraten, das erklärt die überraschend lange Fahrtzeitangabe meines GPS. Die Landschaft ist sanft hügelig und wegen des regenreichen Winters saftig grün. Wie auf der Autobahn nach Almería fahre ich streckenweise kilometerlang an Plastikgewächshäusern vorbei, in denen Gemüse für die Masse der Menschen in Europa produziert wird.

Vor allem aber fahre ich durch abgelegene Dörfer. Der Regen, der noch immer fällt, und der wolkenverhangene Himmel verstärken den Eindruck der Ödnis. Ich habe das Gefühl, auf einem kleinen Alltagsabteuer zu sein, und genieße jeden Augenblick. In einem Kaff, das aus nur zwei, drei Häusern zu bestehen scheint, zeigt ein Pfeil auf einem Schild mit der Aufschrift „BAR“ auf ein verfallenes Gebäude gegenüber. Hier gab es offenbar einmal munterere Tage. In einem anderen Ort, in dem ich weit und breit nur ein einziges Fahrzeug sehe, regeln allerdings drei Ampeln hintereinander den nicht existenten Verkehr. Ich komme mir etwas lächerlich vor, als ich dort auf das Umschalten der ersten Ampel warte. Monty Python kommt mir in den Sinn. Oder, weil ich in Spanien bin, wäre Don Quichote wohl passender: der „Ritter von der traurigen Gestalt“, der in dem berühmten Roman von Miguel de Cervantes gegen Windmühlen kämpft, weil er sie für mächtige, feindliche Riesen hält.

So fahre ich also durch die Pampa, „en el campo“. An einer Weggabelung blühen hellgelbe Kamillen – oder sind es Margariten? Leider stechen mir auch immer wieder die verhassten Schweinemästereien ins Auge, die ich an den hochragenden raketenförmigen Futtersilos erkenne. Manche Ställe sind weiß gestrichen, was sie freundlicher erscheinen lässt, aber das, was im Innern vorgeht, ist bei allen ähnlich. Auch in El Gor, wo ich wohne, gibt es nicht nur die eine Mästerei nahe des Wohnhauses, sondern ich habe inzwischen mindestens drei weitere entdeckt.

Als ich nach gut einer Stunde am Zeil der GPS-Führung ankomme, bei Galgos del Sol, stehe ich aber nicht vor dem Tierheim, sondern vor dem im Secondhand-Laden, den der Verein ebenfalls betreibt, um Einnahmen zu generieren. Das Schutzgehege sei nur zehn Autominuten entfernt auf dem Land, erzählt mir eine ehrenamtliche Verkäuferin im Laden. Die genaue Lage soll aber geheim bleiben, denn die Leiterin, Tina Wales Solera, sei von Jägern bedroht worden. Hätte ich einen Termin mit ihr? Ich erkläre, dass ich genau das seit Wochen versucht hätte. Sie ruft Tinas Ehemann Jamie an, der den Secondhand-Laden managt und freundlicherweise herkommt. Seine Frau sei telefonisch leider nicht erreichbar, und niemand außer ihr befugt, auf das Tierheimgelände zu lassen, erklärt er mir. Ich zeige ihm meine Mailkorrespondenz mit Tina. Doch: „Ich kann nichts tun, sie ist der Boss“. Was ich mit meinen feministischen Ohren in anderem Zusammenhang nur allzu gern gehört hätte, ist in diesem Augenblick eine herbe Enttäuschung – wenn auch nach der Vorgeschichte keine große Überraschung. Bevor ich wieder fahre, sagt ihr Mann Jamie noch, er würde seine Frau bitten, mich anzurufen. Doch wie erwartet, höre oder lese ich von ihr nichts mehr.

Als Journalistin habe ich gelernt, mit negativen Verhaltensweisen und verweigerten Interviewanfragen umzugehen. Von Menschen im Tierschutz hatte ich mehr Entgegenkommen erwartet und ein grundsätzliches Interesse an einer Berichterstattung. Natürlich hat Tina Wales Solera jedes Recht, mir ein Gespräch und den Zugang zu ihrem Tierheim zu verweigern. Warum sie dies tun sollte, leuchtet mir allerdings nicht ein. Sicherheitsbedenken können es in meinem Fall nicht sein. Ich bin im übrigen überzeugt, dass es einheimischen Jägern ein Leichtes ist, die Lage eines so großen Tierheims herauszufinden, wenn sie es möchten. Wohnt Tina mit ihrer Familie überhaupt auf dem Tierheimgelände? Von anderen Galgoschützern habe ich wiederum gehört, dass Jäger zunehmend die Einrichtungen kontaktieren würden und sie auffordern, ihre Hunde zu nehmen – anstatt dass sie die Tiere töten.

Rückfahrt gen lichten Horizont ©Rebecca Hillauer

Ich schüttele diesen Gedankenstrom und die negative Erfahrung schnell ab und lenke das Auto gen Norden, Richtung El Gor, „nach hause“. Mit jedem Kilometer bleibt nicht nur Galgos del Sol, sondern auch der Regen zurück. Noch dazu heitert mich ein sich lichtender, in der Ferne blau strahlener Himmel auf.

Am Abend lese ich im Zusammenhang mit Tierschutz noch schlechte Nachrichten auf X: Nach den iranischen Raketenangriffen auf die Vereinigten Arabischen Emiraten Anfang März 2026 verließen Tausende Expats überstürzt Dubai. Sie ließen nicht nur ihre Wohnungen, sondern auch Hunderte Haustiere zurück. Hunde wurden an Laternenpfähle angebunden, in leeren Wohnungen gefunden oder in der Nähe überfüllter Tierheime ausgesetzt. Tierärzte erhielten Anfragen über Anfragen zur Euthanasie von Haustieren. Tierschutzorganisationen wie K9 Friends Dubai und War Paws bezeichnen die Situation als herzzerreißend, insbesondere angesichts der Tatsache, dass Dubai zu den wohlhabendsten Städte der Welt zählt. Scharfe Kritik ernteten in den sozialen Medien vor allem sogenannte Influencer. So schreibt ein User auf X: „Jahrelang stellten sie ihren luxuriösen Lebensstil in Dubai zur Schau. Als es gefährlich wurde, ließen sie das Einzige im Stich, das sie bedingungslos liebte“.

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