5. Todestag des libanesischen Politaktivisten Lokman Slim
Er galt als unerschrocken. Mit Worten und Kulturarbeit kämpfte er gegen sektiererische Gewalt, für einen demokratischen und säkularen Libanon. Das machte ihm in seiner Heimat mächtige Feinde. Am 3. Februar 2021 wurde Lokman Slim ermordet.

Dieser Text hätte vor einem Monat erscheinen sollen, ich bitte um Nachsehen für die Verspätung. Der Protagonist rechtfertigt es in jeder Hinsicht, auch abseits von Jahrestagen in Erinnerung gerufen zu werden.
Zumal mit dem aktuellen Angriff Israels und der Vereinigten Staaten auf den Iran wieder einmal überdeutlich wird, welches Minenfeld der Nahe Osten ist. Nicht nur zwischen den Staaten. All diejenigen, die es wagen, die Mächtigen der Region an den Pranger zu stellen, stehen mit einem Bein im Grab.
Der libanesische Verleger, Filmemacher, Publizist und Aktivist Lokman Slim gehörte zu jenen Mutigen. Er stellte sich unter anderem gegen die Hisbollah, die der Iran fördert und unterstützt.
Anlässlich von Lokman Slims 5. Todestag wurde in Beirut eine Fotoausstellung in der Cocktailbar Union Marks eröffnet. Die Ausstellung trägt den Titel „REMAINING“ (Verbleibend). Gezeigt werden Fotos des Journalisten Edouard Alias, die an die zwanzig Menschen erinnern, die im Libanon zwischen 2004 und 2025 aus politischen Gründen ermordet wurden.
Lokmans Witwe, die deutsche Dokumentarfilmerin Monika Borgmann, verlas bei der Vernissage ihre Namen. Sie betonte, wie wichtig das Erinnern als Voraussetzung für eine gerechte Aufarbeitung und juristische Bewältigung sei.

An der Wand lief in Endlosschleife ein Video, das die Bergung der vielen Leichen und Verletzten des Autobombenanschlags vom 14. Februar 2005 auf Rafik Harriri zeigt. Der Unternehmer war der erste Ministerpräsident nach dem Ende des libanesischen Bürgerkriegs. Das Sondertribunal für den Libanon stellte später fest, dass Mitglieder der schiitischen Hisbollah für den Anschlag auf den sunnitischen Muslim verantwortlich waren.
„Allein diese Bilder zu sehen, bereitet seelische und körperliche Schmerzen“, kommentiert die pensionierte Pfarrerin Renate Ellmenreich aus Nürnberg, die seit zwei Jahren in der Evangelischen Gemeinde Beirut tätig ist. Aufarbeitung der Geschichte, vor allem des Bürgerkriegs sei ein Riesenthema im Land und ganz schwer zu gestalten. „Noch schwieriger scheint es zu sein, juristisch Verantwortliche zu belangen – ob im Bürgerkrieg oder in den vielen Katastrophen, die das Land heimgesucht haben – Explosion im Hafen, Bankencrash und andere Absonderlichkeiten“.

Lokman Slim, am 17. Juli 1962 als Luqman Selim in Beirut geboren, machte die sektierische Spaltung des Landes für den Bürgerkrieg (1975-1990) verantwortlich. Er selbst kam aus einer alteingesessenen schiitischen Familie im Süden Beiruts, die enge Beziehungen zu den christlichen Eliten des Landes pflegte. Sein Vater war Rechtsanwalt, Großgrundbesitzer und Abgeordneter, seine Mutter eine Christin aus Ägypten.
1982 ging Lokman nach Paris, um an der Sorbonne Philosophie zu studieren. Nach seiner Rückkehr gründete er, gemeinsam mit Ehefrau Monika Borgmann, das Dokumentations- und Forschungszentrums UMAM, um die Geschichte des libanesischen Bürgerkriegs zu bewahren – ausgerechnet im Stadtteil Haret Hreik. Dort, wo Slim geboren worden war und nun im Familienanwesen lebte – mitten in der Hochburg der von ihm immer wieder angeprangerten Hisbollah. Während des „Libanonkriegs“ zwischen Hisbollah und Israel 2006 wurden das Archiv wie auch Slims Haus bei einem israelischen Luftangriff in großen Teilen zerstört. Das Archiv ging daraufhin auch online. Im „Hangar“ daneben, einem ehemaligen Lagerhaus für Obst und Gemüse, richteten Slim und Borgmann ein Kulturzentrum für Kunstausstellungen und Filmvorführungen ein.
Als Slim sich im Oktober 2019 dem Volksaufstand und der Forderung nach außenpolitischer Neutralität anschloss, machte er sich die Hisbollah endgültig zum Feind. „Über mehrere Quadratmeter plakatierten Hisbollah-Anhänger seine Grundstücksmauer mit ausgedruckten Verwünschungen und Drohungen, dass er bald an der Reihe sei, auf dem Müllhaufen der Geschichte landen werde“, schreibt Christoph Reuter in seinem sehr persönlichen Nachruf im Nachrichtenmagazin Spiegel. Slim sei nichts als ein „israelischer Agent“ und Teil der „zionistischen Verschwörung“.
Die Urheber der Wand-Schmierereien hatten offenbar den Dokumentarfilm „Massaker“ vergessen, den Slim mit Monika Borgmann und Hermann Theißen 2004 gedreht hatte. Er handelt von dem dreitägigen Massenmord an palästinensischen Zivilisten in den Beiruter Lagern Sabra und Schatila im Jahr 1982. Sechs der Beteiligten sprechen erstmals darüber, was sie getan und wie sie sich dabei gefühlt hatten. Ihre Gesichter bleiben im Film verborgen, man sieht ihre tätowierten Körper, ihre Hände mit Eheringen, die Rosenkränze halten. Die Männer gehörten damals den christlichen „Falangisten“ an, einer libanesischen Bürgerkriegsmiliz, die mit Israel verbündet war. Der Film lief weltweit auf Festivals und wurde auf der Berlinale 2005 ausgezeichnet.
Hören Sie im Anschluss an diesen Artikel meinen Radiobeitrag aus dem Jahr 2012 mit Monika Borgmann über den Film "Massaker" und das Dokumentationszentrum UMAM.
2016 brachten Slim und Borgmann ehemalige libanesische Gefangene des syrischen Foltergefängnisses von Tadmor zusammen. Dies war während der syrischen Besatzung des Libanons nach dem Bürgerkrieg bis 2001 aktiv. Die US-amerikanische Website „Criminal Justice Degree Hub“ für Kriminaljustiz listete das Gefängnis unter den „10 brutalsten Haftanstalten der Welt“.

Slim und Borgmann ließen erst in einem Theaterstück, dann in dem Dokumentarfilm „Tadmor“ die Jahre des Grauens wiederauferstehen, indem acht Männer, die das Martyrium überlebt hatten, in verteilten Rollen die Erlebnisse von Opfern und Wächtern nachspielten. Der Film wurde 2016 in Hamburg mit dem Preis Der Politische Film der Friedrich-Ebert-Stiftung ausgezeichnet. Zu einer der ersten Aufführungen in Beirut seien schiitische Kleriker gekommen, in vollem Ornat mit Turban und Robe, schreibt Christoph Richter im SPIEGEL. Sie setzten damit öffentlich ein Zeichen, dass nicht alle Schiiten und ihr religiöses Establishment Parteigänger der Hisbollah und der ebenfalls schiitischen Amal-Partei waren.
Dass Slim als Sohn einer schiitischen Familie sich mit den waffengespickten Herrschern der eigenen Konfession anlegte, habe ihm Glaubwürdigkeit verliehen – ihn aber auch in stete Gefahr gebracht. „In der Nacht zum Donnerstag wurde diese Stimme des friedlichen Aufbegehrens zum Verstummen gebracht“, heißt es in Reuters Nachruf. Am Nachmittag des 3. Februar 2021 besuchte Slim einen Freund im Südlibanon, brach am Abend auf und ging nicht mehr ans Telefon. Ehefrau und Freunde bangten, die Suche begann, bis Slim am Morgen nahe der Stadt Nabatiyeh in seinem Auto gefunden wurde – mit fünf Kugeln im Kopf. Er war 59 Jahre alt.
Sofort nach den ersten Nachrichten vom Mord twitterte Dschawad Nasrallah, ein Sohn des damaligen Hisbollah-Generalsekretärs Hassan Nasrallah: „Was für manche Leute ein Verlust bedeutet, ist in Wirklichkeit ein Gewinn und eine unerwartete Güte #KeineReue“. Später löschte er den Tweet und erklärte, er habe damit nicht Lokman Slim gemeint.
Zum 1. Jahrestag von Slims Ermordung am 3. Februar 2022 eröffnete Monika Borgmann ein neues Forschungszentrum in Beirut: die Lokman-Slim-Stiftung. Sie dokumentiert die zahllosen politischen Attentate, die nicht nur den Libanon, sondern den gesamten Nahen Osten heimsuchen. „Mit politischen Attentaten meinen wir nicht nur Politiker, sondern auch Intellektuelle, Journalisten, Geistliche, Diplomaten, Ärzte – kurzum, jeden unbewaffneten Menschen, der getötet wird, weil er seine Opposition zum Ausdruck bringt“, sagt Hana Jaber, Direktorin und Mitbegründerin der Lokman-Slim-Stiftung. Deren Namensgeber ist einer in einer sehr langen Reihe von Opfern. Er ist aber auch der Katalysator für die Gründung der Stiftung. Denn zum Zeitpunkt seiner Ermordung arbeitete Slim nicht nur an einem groß angelegten Projekt über Gefängnisse im Nahen Osten und Nordafrika, dem MENA Prison Forum. Er hatte zudem ein Programm ins Leben gerufen mit dem Titel „Wer hat wen getötet?“.
Wer Luqman Selim getötet hat, und wer die Auftraggeber waren, wird womöglich im Dunklen bleiben. Die Hisbollah bestreitet bis heute ihre Beteiligung an dem Attentat.
Im Jahr 2012 sprach ich mit Monika Borgmann über ihren Film „Massaker“ und ihre Kulturarbeit im Dokumentationszentrum UMAM.
