Wind, Regen, Stare und andere Überraschungen
Es ist ruhig hier in El Gor, abgesehen von vereinzelten Autos auf der Landstraße. Die nächsten Nachbarn sind fern, zu hören bekomme ich lediglich das Bellen ihrer Hunde – und, ganz nah, aus den Bäumen um das Haus, das Kreischen der Stare.

Es dämmerte mir erst vor wenigen Tagen: Ich bin tatsächlich in Andalusien. Und das bereits seit nunmehr drei Wochen. In meinen Texten habe ich die Region hier um El Gor immer als „Südosten“ Spaniens umschrieben. Andalusien – das war in meinem Kopf noch weiter südlich, und mittig, dort, wo die Südspitze des Landes, zwischen Gibraltar und Cadiz, fast das gegenüberliegende Marokko berührt. Doch der gesamte Süden ist Andalusien und Almería die südöstlichste der acht Provinzen.
Das Wort „Andalusien“ begleitet ein Hauch von Dramatik. Flamenco und Stierkampf. Ich fühle nichts von all dem hier. Ich genieße einfach die karge Landschaft. Langsam werden die Tage auch wärmer, nachts und frühmorgens ist es aber zum Teil noch bitterkalt. Wenn ich zum Morgengrauen mit den Hunden spazieren gehe, trage ich meinen leichten Daunenmantel und einen Wollschal um den Kopf. In Berlin hatte ich noch überlegt, ob ich den Mantel besser „zuhause“ lasse, nun bin ich froh darüber, dass er mich gegen die gelegentlichen Windböen schützt und mich beim Gassigehen wärmt. Den andalusischen Winter hatte ich mir anders vorgestellt. Ich sah mich Sonne tanken und hier nur kurzärmelige T-Shirts tragen, nun schlüpfe ich jeden Tag in meinen Merinopulli, den ich mir noch in den USA für kühlere Tage zugelegt hatte und nur dabei habe, weil beim Start meines Roadtrips in Berlin noch Schnee und Eis lag. Alle versichern mir, dass die in Andalusien seit Wochen anhaltenden starken Winde, Stürme und Regenfälle für diese Jahreszeit und überhaupt für diese Gegend ungewöhnlich seien. Und nicht nur Andalusien ist betroffen, sondern auch andere Landesteile sowie das benachbarte Portugal.
Die anhaltenden starken Winde sind womöglich der Grund, warum die Stare sich Mitte Februar immer noch hier aufhalten. Sie lärmen gewaltig in den Büschen, die das Haus umgeben. Wenn ich beobachte, wie sie sich, einer nach dem anderen, oben auf den Stromleitungen zwischen den Hochspannungsmasten sammeln, fühle ich mich in Alfred Hitchcock’s Kultfilm von 1963, „Die Vögel„, versetzt. Zum Glück habe ich es hier und heute nicht mit großen glänzend schwarzen Krähen zu tun, die die Augen von Menschen aushacken, sondern vor mir tummeln sich wesentlich kleinere gefiederte Wesen.
Harmlos sind Stare deswegen noch lange nicht. Daran erinnert mich ein Freund, der mir auf meine begeisterte Schilderung die folgende Antwort mailt: „Stare sind erstaunliche Vögel, sie beherrschen Hochgeschwindigkeitsformationsflug und sprechen viele Fremdsprachen. Aber sie waren die Erzfeinde meines Großvaters, weil sie ihm immer die Kirschen klauten (wenn so ein Schwarm Stare erstmal im Schattenmorellenbaum sitzt, lassen sie nicht viel übrig …).“
Ich gehe gern mit den Hunden die „Ramblas“, die trockenen Flussbette, entlang spazieren. Eines Nachmittags schlug das Wetter innerhalb von nur wenigen Minuten von Wind und Sonnenschein auf Wind und Regen um.
Das Rauschen des vom Wind gepeitschten Gebüsches, das uns auf beiden Seiten begleitet, wirkte ab und zu beinahe bedrohlich. Vor allem aber war es ein beeindruckendes Naturerlebnis.