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Roadtrip Berlin-Spanien, Teil 9

Mein erster längerer Aufenthalt in Spanien im Weiler El Gor in der Provinz Almeria

Der Weiler El Gor, die Mandelbaumblüte und viel Wind

Ich bin also in El Gor angekommen, ein Weiler relativ mittig zwischen den Städten Murcia und Almeria im Südosten Spaniens. Hier blühen zur Zeit die Mandelbäume, es windet und regnet ungewöhnlich viel.

Ortsschild, Gemeindezentrum ©Rebecca Hillauer

Ich bin zum ersten Mal in Spanien. Und zwar am südöstlichen Rand. Gibraltar ist nicht einmal fünf Stunden mit dem Auto entfernt. Würde mich jemand fragen, wie ich mir die Landschaft vorgestellt habe, würde ich sagen, so wie hier. Karstige Hügel und Täler, halb verfallene Häuser, Olivenbäume. Palmen und Mandelbäume hatte ich allerdings erst an dem anderen, dem nordafrikanischen Ufer des Mittelmeers erwartet.

Nach Angaben des spanischen Statistikinstituts waren im Jahr 2021 in El Gor 64 Einwohner registriert. Das kleine Gemeindehaus beherbergt zugleich die Briefkästen, die wie Bankschließfächer aussehen und keine Namen, sondern Nummern tragen. Auf der gegenüber liegenden Straßenseite steht der gemeinschaftlich genutzte graue Müllcontainer, hundert Meter weiter kann man in einem grünen Container sein Altglas entsorgen. Das Trinkwasser holt, wer will, aus der nahen Quelle, aus der das ganze Jahr über frisches Wasser sprudelt. Es kommt, lese ich auf Wikipedia, „aus unterirdischen Grundwasserleitern, die durch die geologischen Formationen des Gebirgszugs der Betischen Kordilleren gespeist werden“. Von der Existenz eines solchen Gebirges lese ich zum ersten Mal, ich muss auf Google Maps nachsehen, wo es liegt: nördlich von Malaga. Also in Andalusien. Woher das köstliche Wasser auch immer kommt: Ein 5-Liter-Kanister ist in zwei Minuten damit gefüllt. Abkochen ist unnötig.

Der nächste Ort ist knapp vier Kilometer entfernt, hat gut 600 Einwohner und heißt, sehr spanisch-katholisch, Santa María de Nieva, also „Heilige Maria vom Schnee“, und hat eine alte wunderschöne, ebenso typisch-spanische Kirche. Außerdem zwei Kneipen: In die eine gehen vor allem Einheimische, also Spanier, die andere ist bei den Zugewanderten beliebt. Das sind in dieser Gegend vor allem Briten.

Noch einmal sechs Kilometer weiter ist die nächst größere Stadt, Huércal-Overa. Dort gibt es sogar einen British Supermarket Ideal. Auch Lidl ist vertreten, gleich neben der spanischen Kette Mercadona. Bei diesem Namen fällt mir der verstorbene argentische Fußballstar Diego Maradona ein. Nach ihm ist die größte Supermarkt-Kette des Landes aber nicht benannt. Vielmehr soll ein Angehöriger des Familienunternehmens 1981 während einer Italienreise die Nudelmarke „Mercadonna“ entdeckt haben. Der Klang erinnerte ihn an „mercato“ (Markt auf Italienisch) und passte zu seiner Vision eines expandierenden Marktes. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Valencia hat offiziell bestätigt, dass der Name keine Beziehung zum Valencianischen („mercado“ = Markt, „dona“ = Frau) hat. So viel zur Heimatkunde.

Die Strecke zwischen El Gor und Huércal-Overa bietet nicht nur Ausblicke auf zerklüftete Hügel mit verfallenen Steinhäuschen und Olivenbaumhaine, sondern auch auf blühende Mandelbäumen. Die einen tragen rosa Blüten, andere weiße. Rosa blühen die Bittermandeln oder Ziermandeln, weiß die Süßmandeln. Deren weiße Blüten haben oft ein rötliches Zentrum. Als ich meine Nase in eine solche Blüte stecke, strömt mir köstlich-süßer Duft entgegen. Zum Schnuppern habe ich jeden Morgen Gelegenheit, wenn ich mit den zwei Hunden Gassi gehe: mit dem dickköpfigen Schäferhund-Senior Zak und Florka, einer ebenfalls in die Jahre gekommenen, aber immer noch quirligen, weiß-gelockten Mini-Mischlingsdame. Tina, die junge Siamkatze, begleitet uns oft und nutzt dabei die Hundeleinen als Sprungseil. Aktuell, Mitte Februar, lugt die Sonne höchstens in erwachender Morgenröte über die Hügelspitzen, wenn wir kurz nach 7 Uhr aufbrechen. Am Himmel steht noch der Mond, falls er nicht gerade sein Tarngewand als Neumond angelegt hat. Nachts kann ich die Sterne am Himmel zählen, so wenig künstliches Licht ist hier.

Die Provinz Almería, in der El Gor liegt, zählt zu den trockensten Gebieten Spaniens. Dennoch wachsen hier die Tomaten und anderes Gemüse für den Rest Europas. Sie werden in riesigen Gewächshäusern gezüchtet, die sich Kilometer um Kilometer entlang der Autobahn A7 aneinander reihen. Ein Häusermeer aus weiß glänzenden Plastikplanen. Aufgrund der intensiven Landwirtschaft ist das Grundwasser stark übernutzt. Die Bewässerung der Plantagen erfolgt daher oft durch tiefbohrende Brunnen, die auf die unterirdischen Wasserreservoire zurückgreifen. In einigen Fällen wird zusätzlich Wasser aus der Entsalzungsanlage bei Carboneras, der größten Europas, zur Bewässerung genutzt, um die Versalzung des Grundwassers zu kompensieren. Ein Verbrechen an der Umwelt, finde ich. Eines von vielen, das Menschen aus Bequemlichkeit, Gedankenlosigkeit, finanzieller Gier oder für ihr vermeintliches körperliches Wohl begehen.

In El Gor bin ich zum Glück ziemlich weit weg von all dem. Auch wenn es nach Berichten von Einheimischen seit Wochen ungewöhnlich viel regnet und stark windet, und es kühler ist als erwartet, bin ich doch am richtigen Platz. Vor dem Wohnhaus steht ein Zitronenbaum, und zu beiden Seiten sind Gärten, in denen Orangenbäume schwer an den reifen Früchten tragen. Der Wind schüttelt die Orangen heftig. Viele fallen zu Boden und verfaulen, wenn sie länger liegen. Die frischen leuchten wie kleine Sonnenbälle im grünen Gras. Dort suche ich mir jeden Morgen die schönste and größte Frucht zum Frühstück aus. Als Einlage für mein Müsli.

Die Idylle wäre perfekt, gäbe es nicht ganz in der Nähe eine Schweinemästerei. Sie ist nur wenige hundert Meter entfernt. Die drei flachen, länglichen Gebäude ducken sich zwischen die Sandhügel, die Fensterläden sind verschlossen, an ihren Längsseiten ragen jedoch vier große Futtersilos wie silberglänzende dicke Raketen in die Lüfte. Am Eingang warnt ein Schild: Betreten, fotografieren und filmen verboten. Der Name und die Anschrift (vermutlich) der Inhaberin ist angegeben.

Ich sehe diese Anstalt für Tierquälerei jeden Tag mindestens zweimal, wenn ich morgens und abends mit den Hunden Gassi gehe. Am Nachmittag entkomme ich dem Anblick gern und spaziere mit den Hunden eine „Rambla“ entlang. So nennt man in Spanien Trockenflussbette, die nur bei Starkregen oder Schneeschmelze Wasser führen, also den größten Teil des Jahres trocken sind. Der Name leitet sich aus dem arabischen Wort ramla (Sand, sandiges Flussbett) ab. In Ägypten lernte ich vor Jahren, dass man in jenem Teil der Welt solche Flussbetten „Wadi“ nennt. Sie sind typisch für das mediterrane Klima und können als Straßen genutzt werden. Oder eben zum Gassi gehen. Die Hunde und ich laufen auf viel grobkörnigem Sand, der an den Seiten mit immer dickeren Steinen durchsetzt ist. Dort steigen die Ränder an, und zwischen Gestrüpp und Gesträuch führen verwachsene Pfade hinauf – zu verborgenen Gärten oder einfach zu wild bewachsener Hügellandschaft.

Von oben kann ich allerdings wieder die Schweinemästerei sehen. Und riechen. Wenn der Wind aus ihrer Richtung weht. Dann erinnert mich auch dieser Geruch an das Leid der intelligenten Tiere ganz in meiner Nähe. Fünf Wochen werde ich ingesamt in El Gor sein. Werden die Schweine in dieser Zeit reif für das Schlachthaus? Ich hole mir Rat im Netz: „In kommerziellen Schweinemastbetrieben werden Schweine in der Regel sechs Monate alt, bevor sie geschlachtet werden. Dies entspricht einer Mastdauer von etwa 160 bis 180 Tagen. Bei konventioneller Haltung erreichen sie ein Lebendgewicht von 110 bis 120 Kilogramm, während Bio-Schweine etwas länger (ca. acht Monate) gemästet werden und ein Gewicht von bis zu 135 Kilogramm erreichen. Die Mast beginnt meist mit Ferkeln von etwa 30 Kilogramm Gewicht, die nach etwa 100 bis 120 Tagen schlachtreif sind.“

Ich finde online eine Studie mit dem Titel „Wie intelligent sind Schweine wirklich?“ Zudem frage ich „das Netz“, also vermutlich eine namenlose KI: „Sind Schweine intelligenter als Menschen?“ und bekomme als Antwort: „Schweine sind nicht intelligenter als Menschen, aber sie besitzen eine beeindruckend hohe Intelligenz, die in vielen Aspekten mit der von Menschen vergleichbar ist. Sie erreichen in kognitiven Leistungen das Niveau von dreijährigen Kindern und sind mindestens so intelligent wie Hunde. Studien zeigen, dass Schweine sich selbst im Spiegel erkennen können – ein Zeichen für Ich-Bewusstsein – und über ein ausgeprägtes Langzeitgedächtnis verfügen. Sie können menschliche Gesichter unterscheiden, ihre Namen merken, Probleme lösen, strategisch denken und sogar Computerprogramme bedienen. Ihre sozialen Fähigkeiten sind ebenso komplex: Sie bilden enge Bindungen, zeigen Empathie, kommunizieren mit über 20 unterschiedlichen Lauten und können sich gegenseitig unterstützen. Obwohl sie nicht über menschliche Intelligenz im weitesten Sinne verfügen, sind sie eines der intelligentesten Tiere der Welt und weisen ein reiches emotionales und soziales Leben auf.“

Wer will solche Lebewesen töten – und verspeisen? Ich esse seit Jahrzehnten so gut wie kein Fleisch mehr und wenn, nur „Bio“-Fleisch. Vielleicht bringt mich der Anblick und der Geruch dieser Schweinemästerei dazu, auch noch auf den Rest toten Tieres zu verzichten.

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