Barcelona: Wenn Kinder Windhunden vorlesen
Die spanischen Windhunde, Galgos, werden zur Jagd benutzt und viele am Ende der Jagdsaison von den Jägern grausam getötet oder ausgesetzt. Der Verein SOS Galgos sensibilisiert Kinder für ihr Leiden.

Der Bus, in dem ich eines frühen Morgens saß und über unsere Zukunft mit Robotern sinnierte, fuhr in Richtung der Amerikanischen Schule in Barcelona. Dort veranstaltet der Tierschutzverein SOS Galgos jeden Mittwoch eine Unterrichtsstunde ganz besonderer Art. Wieder werde ich nur das Allernötigste verraten, um meiner geplanten RadioReise-Geschichte nicht vorzugreifen, und lasse vor allem Bilder sprechen.
Am Haupttor der American School of Barcelona treffe ich Sylvia und Julia, zwei der Vereinsgründerinnen. Sie führen sieben spanische Windhunde, Galgos, an der Leine. Genau genommen, sind es einige Galgos, also männliche Hunde, und einige weibliche Galgas. Sie sind zutraulich, schnüffeln und lassen ohne Scheu zu, dass ich sie streichele. Ihr Fell ist samten und weich. Für die nächsten zwei Stunden werden sie im Mittelpunkt des Unterrichts stehen. Denn die 6- und 7-Jährigen der Grundstufe werden den Hunden aus Bilderbüchern ihrer Wahl vorlesen. Natürlich dürfen die Kinder die Hunde auch ausgiebig streicheln…


Die Kinder sitzen auf dem Fußboden im Schneidersitz, ein aufgeschlagenes Buch auf ihren Knien, und fangen an, laut daraus vorzulesen. Alle lesen zur gleichen Zeit, so dass der Raum erfüllt ist von Kinderstimmen und Gemurmel. Die meisten Galgos liegen auf dem Boden zwischen den Kindern und dösen vor sich hin. Ab und zu ermutigt der Klassenlehrer einen Schüler oder eine Schülerin, dem Hund weiter vorzulesen. Einige Hunde lugen neugierig in ein Buch, so als ob sie mitlesen würden.




Vor der ersten Vorlesestunde kamen Sylvia und Julia in die Schule und erzählten den Kindern in altersgerechten Worten etwas über das Schicksal der Hunde. Durch die Begegnungen beim Vorlesen wollen sie ein Band zwischen Kindern und Hunden entstehen lassen und so den Grundstock dafür legen, dass sie als Erwachsene Tiere einmal gut behandeln. Auch die Kinder profitieren von der Vorlesestunde. Sie üben sich nicht nur im Lesen, sondern gewinnen Selbstvertrauen darin, laut vor anderen zu lesen. „Auch diejenigen, die nicht so gut im Lesen sind, verlieren die Scheu vorzutragen“, erklärt mir ein Lehrer, „denn die Hunde hören jedem Kind urteilsfrei zu“.
Sylvia macht diese Bildungsarbeit bereits seit neun Jahren, zudem organisiert sie bei SOS Galgos die Adoptionen von Hunden. In einer der vier Schulklassen, die an diesem Mittwoch den Galgos und Galgas vorlesen, ist die jüngste Tochter einer Lehrerin. Ihre zwei älteren Schwestern haben die Vorlesestunden vor einigen Jahren ebenfalls mitgemacht. Die Chancen stehen gut, dass sie als erwachsene Frauen einen der gequälten oder ausgesetzten Windhunde adoptieren und ihm – oder ihr – ein neues und gutes Zuhause geben.

