Barcelona: Autos, ein Postamt und ein schwarzer Kater
Barcelona, die Haupstadt Kataloniens, gilt als eine kreative und künstlerische Stadt. Ich will ein Tierschutzheim besuchen. Zuerst muss ich mich allerdings durch den Straßenverkehr kämpfen.

Barcelona ist ein Alptraum für Autofahrer. Aber wer kommt auch nach Barcelona mit dem Auto? Ich, aus andernorts erläuterten Gründen. Normalerweise reise ich in Europa nicht mit dem Auto, sondern mit der Bahn. Normalerweise hätte ich es trotzdem als Vorteil angesehen, vier Räder unter mir zu haben, die mich vermeintlich unabhängig machen. So kann man sich täuschen. „Am besten, du parkst dein Auto irgendwo am Stadtrand und nimmst dann eine Bahn in die Stadt“, bekomme ich als Ratschlag, als ich mich erkundige, wie die Parkmöglichkeiten dort seien, wo ich für eine Woche wohnen werde. Sie sind mehr als schlecht. Denn die Wohnung liegt im Stadtzentrum, und Parken ist dort fast nur noch für Anwohner erlaubt und zeitlich wie räumlich eng begrenzt. Ich parke mein Auto also vor der Wohnanlage eines Bekannten, wo es sicher stehen wird, wie er sagt. Allein bis ich zu ihm an den Stadtrand gelange, über diverse Stadtautobahnen, lässt mich die Barceloner aus ganzem Herzen bedauern. Was für ein Verkehr. Zudem lieben die Spanier wohl Kreisverkehre ebenso wie die Franzosen! Gefühlt alle hundert Meter ein Kreisel. Erste Ausfahrt nehmen, dann die zweite, die vierte… Mein GPS kommt durcheinander, so dass ich einige Male den ganzen Kreisel umrunde, bevor ich dann endlich die richtige Ausfahrt finde. Kann auch Spaß machen, wenn man es als solchen nimmt, denke ich. Es ist bereits dunkel, als ich bei meinem Bekannten ankomme und meinen VW Polo in einer mir völlig unbekannten Gegend zurücklasse.
Ich brauche mehr als eine Stunde, bis ich per Bus und einmal Umsteigen mein temporäres Quartier im Stadtzentrum erreiche. Als ich die Tür aufschließe, erwartet mich zu meinen Füßen ein kleiner schwarzer Langhaarkater, Draco, und macht mit einem Schlag für mich die Mühen des Weges wett.

Die Wohnung liegt in dem historischen Viertel El Barri Gòtic, das bei Touristen und Partygängern sehr beliebt und daher am Wochenende entsprechend bevölkert ist. Wenn ich aus dem Wohnzimmerfenster schaue, blickt mir, nur durch eine Gasse getrennt, die neoklassizistische Steinfassade des Hauptpostamts von Barcelona entgegen. Das imposante Gebäude aus dem Jahr 1928 gilt als ein Wahrzeichen des Stadtteils. Ich mache die Probe aufs Exempel, steige die breite Zugangstreppe aus Steinquadern hinauf und betrete das Gebäude durch eine der drei Drehtüren. Sie haben Fenster in originalen Holzrahmen und Messinggriffe. Die große Halle, die durch eine Glaskuppel mit Tageslicht erhellt wird, dient tatsächlich als Postamt und kann frei betreten werden. Beim Anblick einer anderen Treppe in der Eingangshalle kommt mir der Hollywood-Kultfilm „Die Unbestechlichen“ mit Sean Connery und Kevin Kostner in den Sinn, in dem ein Kinderwagen wie in Zeitlupe, Stufe für Stufe unkontrolliert die Treppen der Chicago Union Station hinunterrollt, während zwischen Polizei und Gangstern eine wilde Schießerei tobt. Eine unvergessliche Szene.



Wieder im Freien, schlendere ich in kaum fünf Minuten zum Alten Hafen, wo neben dem Museu d’Historia de Catalunya, dem Heimatmuseum von Katalonien, schnittige moderne Yachten angedockt haben. Das Meerwasseraquarium ist ebenfalls ganz in der Nähe. Da ich aber kein Freund von gefangenen Tieren bin, spare ich mir den Weg. An der Strandpromenade erfeue ich mich aber an der Gambrinus-Skulptur. Die riesige Garnele hat große Hummer-Scheren statt Füße und ein freches Lächeln. Dieses cartoonartige Werk entstand anlässlich der Olympischen Spiele 1992, ebenso wie, kaum hundert Schritte entfernt, das “Cap de Barcelona” („Barcelonas Gesicht“) des verstorbenen amerikanischen Pop-Art-Künstlers Roy Lichtenstein. Ein farbenfrohes Porträt eines Frauengesichts in der für ihn karikaturistischen Art. Beide Skulpturen zählen zu den ikonischen Straßenkunstwerken der Stadt. Wider Erwarten und Plan komme ich so doch noch zu einigen künstlerischen Impressionen.



Barcelona erinnert mich daran, dass es bereits eine ganze Weile her ist, dass ich in einer „richtigen“ Stadt, heißt Großstadt, war. In den USA bin ich ja vorzugsweise in ländlichen Regionen unterwegs und Berlin zähle ich trotz seiner vier Millionen Einwohner nicht zu den „richtigen“ Großstädten. Dafür hat Berlin zu wenig Hochhäuser und ist trotz Regierungssitz und Tourismus in meinen Augen immer noch provinziell und behäbig. Wer schon einmal auf dem kleinen, in traurigem Braun gehaltenen „neuen“ Willy-Brandt-Flughafen in Berlin gelandet ist, dürfte mein Gefühl nachempfinden können. London, New York, Paris – ja, das sind „richtige“ Städte. Und Barcelona erinnert mich architektonisch gewaltig an Paris, angefangen von den superschmalen Wendeltreppen in „meinem“ Wohnhaus, mit den herrschaftlichen Gebäuden ebenso wie mit den weiten Avenidas und den engen Altstadtgassen.
Trotz aller Historie ist Barcelona aber absolut eine moderne und junge Stadt. Auf einer Litfasssäule fällt mir ein Plakat ins Auge, das ein Konzert von Meinstein ankündigt, Die Tribute-Band mit dem vollen Namen „Meinstein – Rammstein Live Experience“ stammt aus Barcelona und hat sich auf die Fahnen geschrieben, Songs der deutschen Band Rammstein zu interpretiert, und zwar so authentisch wie möglich. Das Tempo in Barcelona ist schnell. Ich sehe Fahrradwege, die interessanterweise auf breiten Straßen in der Mitte der Fahrbahnen angelegt sind. Zweispurig. Die Idee gefällt mir auf Anhieb. Es gibt U-Bahn, Tram, aber die vielen städtischen Busse erscheinen mir das öffentliche Verkehrsmittel der Wahl für die meisten Barceloner zu sein. Bezahlen kann man nur digital, per Karte oder Smartphone. Ich erfahre, dass es darüber inzwischen eine öffentliche Debatte gibt, inwieweit diese Praxis aufrecht zu erhalten ist. Denn auch in Barcelona gibt es noch Menschen, die weder Smartphone noch Kredit- oder Debitkarte besitzen. Viele Busfahrer lassen sie trotzdem mitfahren – umsonst, weil die Leute grundsätzlich zahlungswillig seien, argumentieren sie. Wie könnten sie sie ablehnen? Würden sie das tun, könnten sie sich eine Beschwerde einhandeln.



Daran denke ich, als ich eines frühen Morgens in einem der städtischen Busse sitze. Der Fahrer hat mir gerade wegen meiner fehlenden Spanischkenntnisse sehr freundlich und geduldig mit Gesten erklärt, dass ich im richtigen Buss sitze und wie ich meine Debitkarte vor den Fahrkartenautomaten halten muss, um kontaktlos zu bezahlen. Eine gedruckte Fahrkarte bekomme ich nicht. Der Fahrer schüttelt erst den Kopf und nickt dann bestätigend, um mir anzuzeigen, dass ich alles richtig mache. Wie wird eine solche Situation sich wohl abspielen, wenn in ein paar Jahren statt eines Menschen ein Roboter auf dem Fahrersitz des Busses sitzt? Oder wenn der Bus sich per Elektronik selbst fährt? Ein Fahrerroboter könnte eventuell sogar, mit allen möglichen Sprachen „gefüttert“, fähig sein, sich mit mir in perfektem Deutsch zu unterhalten. Und auch bei einem selbstfahrenden Bus wird es vielleicht einen Knopf geben, mittels dessen ich mir auf Deutsch Rat holen kann. Am Ende könnte alles viel effizienter laufen – nur ohne menschliche Interaktion. Doch gerade sie samt ihrer mangelnden Perfektheit macht für mich den Aufenthalt in einer fremden Stadt erst reizvoll, weil ich geistig und emotional Ungewohntes erfahre und neue Gehirnsynopsen und Verhaltensweisen trainieren kann. Bei allem, was ich beobachte, wundert es mich nicht, dass auch an den Supermarktkassen fast ausnahmslos alle bargeldlos zahlen. Sie machen sich offenbar keinen Kopf darüber, wie gläsern und kontrollierbar sie sich dadurch machen. In der Hinsicht bin ich froh, dass Berlin und ganz Deutschland bei dieser globalen Entwicklung hinterher hinken. Von der Verbundenheit bis sogar dem Stolz der Barceloner auf ihre Stadt sind viele Berliner ebenfalls weit entfernt. Vielleicht gibt es dafür zur Zeit einfach zu wenig gute Gründe.