Reisen

Roadtrip Berlin – Spanien, Teil 4

Auf dem Weg nach Barcelona leigt das Städtchen Figueres in Katalonien, in der Salvadore Dalí geboren wurde und starb.

Katalonien: Figueres, Stadt von Salvadore Dalí

Endlich erreiche ich Spanien. Ich mache einen Zwischenstopp in Katalonien, an dem Ort, in dem der berühmte Maler geboren wurde und auch verstarb. Und ich fahre an einen ganz besonderen Ort am Ufer der Costa Brava.

Kapelle bei Dalís Haus ©Rebecca Hillauer

Bevor ich am Morgen in Montpellier losfahre, konsultiere ich nochmals das GPS auf meinem Smartphone. Google Map sagt mir: Die Fahrt nach Figueres in Katalonien dauert a) auf der Autobahn mit Mautgebühr rund 2,5 Stunden, b) ganz ohne Autobahn und Mautgebühr 4,5 Stunden. Ich entscheide mich für den Mittelweg: teils auf Autobahn, aber ohne Mautgebühr. Angezeigter Fahrtweg sind 3,5 Stunden. So spare ich nicht nur Geld, sondern erspare mir auch das langweilige Geradeausfahren auf der Schnellstraße.

Das GPS lotst mich entsprechend nach 33 Kilometern Autobahn auf die Nationalstraße. Sie hat nur eine Fahrbahn in jede Richtung, Tempolimit 70 bis 90 kmh. Mir genügt das. Vor allem fahre ich endlich hautnah durch südfranzösische Landschaft und sehe kleinere Ortschaften beim Durchfahren aus der Nähe. Das frisst Zeit, richtig. Aber meine Sinne werden stimuliert und ich bekomme gute Laune. Ich starte bei Sonnenschein, doch am Horizont verdüstert sich der Himmel zusehends. Langsam nähere ich mich dem Mittelmeer. Nahe der Küstenstadt Narbonne, das heißt etwa auf halber Strecke, wundere ich mich gewaltig, denn die Weinstöcke rechts und links der Straße stehen knietief im Wasser. Soll das so sein? Als das Wasser sich Kilometer um Kilometer hinzieht, wird mir klar: Hier hat es heftigst geregnet und die Wiesen, Felder und Weinstöcke überflutet. Später lese ich in der Zeitung, dass Bewohner zweier Stadtteile die Nacht in Notunterkünften hätten verbringen mussten. Die Wassermassen hatten jedoch auch einen positiven Effekt: In der sonst regelmäßig von Dürre geplagten Region normalisierte sich der Pegelstand vieler Flüsse und die unterirdischen Wasserreserven erholten sich.

Dann sehe ich endlich das Meer. Es begleitet mich ein ganzes Stück auf der linken Straßenseite. Gleichzeitig taucht in der Ferne ein mit Schnee bedeckter Gebirgszug auf: die Pyrenäen. Eine Abzweigung geht rechts ab zum Mini-Staat Andorra, ich fahre jedoch geradeaus. Die Straße steigt zügig an und windet sich den Berghang hinauf. Auf einer Autobahnbrücke hoch über dem Tal stehen so lang wie die Brücke Lastwagen Stoßstange an Stoßstange und warten vermutlich auf ihre Abfertigung. Vor mir taucht endlich der letzte kleine Ort auf französischem Boden auf und gleich danach ein Zollhaus. Noch ein paar Meter und mein „roter Blitz“ und ich rollen über die Grenze: Spanien. Nur noch eine halbe Stunde bis zu unserem Tagesziel, dem Städtchen Figueres und Salvadore Dalí.

In Figueres steige ich in einem „Hostal“ ab, einer Pension. An der Rezeption begrüßt mich eine junge Frau mit Kopftuch. Sie spricht Spanisch und Französisch, ich radebreche, und wir verständigen uns irgendwie. Mir kommt die räumliche Nähe Frankreich in den Sinn, wo Millionen Nachkommen seiner früheren nordafrikanischen Kolonien leben. Vielleicht ist die junge Frau oder ihre Familie von Frankreich hierher gezogen. Sie drückt mir den Schlüssel in die Hand: dritter Stock ohne Aufzug. Ich hatte extra um ein Zimmer nicht in der ersten Etage gebeten und schleppe nun mit Mühe meinen Koffer die Treppe hinauf. Das kleine Zimmer hat ein großes Bett und einen Tisch, Fernseher und ein winziges Badezimmer mit Minibadewanne. Also alles, was ich brauche, eben nur auf engstem Raum, der bis auf den letzten Zentimeter ausgefüllt ist. Von den zwei Jalousien vor dem Fenster lässt sich nur eine öffnen, und die Vorhangstange ist an einer Seite lose, so dass ich das Fenster oder die Schranktür daneben öffnen muss, um die Stange darauf zu legen, damit sie nicht herunter fällt. Aber was kann ich erwarten? Das Zimmer kostet 30,66 Euro pro Nacht.

Ich quetsche meinen Koffer in die einzige freie Zimmerecke und mache mich auf den Weg zum Dalí-Hausmuseum in Portlligat, einem Fischerdorf nahe Cadaqués in der Provinz Girona, Katalonien, das der Öffentlichkeit als Casa-Museu Salvador Dalí zugänglich ist. Das Haus war von 1930 bis zum Tod seiner Frau Gala im Jahr 1982 Salvador Dalís ständiger Wohnsitz.

Mein GPS zeigt mir 53 Minuten Fahrzeit für nur 38 Kilometer an. Meine Verwunderung darüber weicht schnell, als nach fünfzehn Kilometern durch flache Ebene die Straße steil und sich in stetigen engen Serpentinen windend ansteigt, während rechts das Tal in immer größere Tiefe entschwindet. Durch das geöffnete Autofenster höre ich die Blätter der Bäume am Wegrand rauschen. Trotzdem bin ich überrascht, als ich an einem Aussichtspunkt aussteige, wie heftig der Wind mir ins Gesicht und um die Ohren pfeift.

Blick ins Tal nahe Figueres ©Rebecca Hillauer

Auf dem Bergrücken angelangt, sehe ich links tief unten das Mittelmeer leuchten. Nun geht es, wieder in Serpentinen, auf der anderen Seite des Berges etliche Kilometer hinunter, um schließlich nach einer Linkskurve den Blick frei zu geben auf Cadaqués. Weißgetünchte Häuschen und das Blau der Costa Brava im Hintergrund. Ich atme tief durch. Eine mediterrane Augenweide.

Doch auch hier haben in den letzten Tagen Unwetter gewütet, wie ich an den Rinnsalen entlang der Berghänge und den gelegentlichen Wasserlachen auf der Straße erkennen kann. Wenn ich mit dem Auto hindurchfahre, spritzt das Wasser auf beiden Seiten hoch. Ausgedehnte Regenlachen auch auf dem ausgewiesenen Parkplatz. Ab hier tragen nur noch ihre Füße die Besucher zu Dalís Haus.

Blick auf Dalís Haus in Cadáqués ©Rebecca Hillauer

Dazu geht man nun beständig bergab. Dabei eröffnet sich ein herrlicher Ausblick auf die Bucht von Portlligat, an der Dalís Haus liegt. Vom Gehweg aust ist die Villa zwar noch hinter dem üppigen Baumwuchs verborgen. Zwischen den Baumwipfeln lugen jedoch zwei überdimensionale weiße Köpfe hervor, die der Künstler gestaltet hat. Während ich mich an dem Ausblick etwas berausche, rüttelt der Wind auch hier an den Bäumen und schüttelt deren Kronen heftig hin und her.

Die letzten hundert Meter zum Dalí-Hausmuseum steigt man über eine Kopfsteintreppe hinunter an die Meeresbucht, über die die strahlend weiße Villa des Künstlers blickt. Einige kleine weiße Fischerboote liegen am Ufer und warten auf ihre Besitzer. Neben dem Dalí-Haus fließt Regenwasser den Hang zum Meer hinunter. „Das ist kein Gehweg mehr, sondern ein Bach“, sagt ein Anwohner zu mir. Und: „Ruhetag“. Denn die Tür zur Villa ist verschlossen. Warum, kann mir der freundliche Herr nicht sagen. Vielleicht ja wegen des Sturms. Ich verpasse also die 3.000 Exponate, Dalís Atelier mit Staffeleien, Pinseln und Lösungsmitteln, die Bibliothek, die Schlafzimmer, den Garten mit surrealistischen Skulpturen und das berühmte riesige Ei auf dem Dach, das ein „intra-uterines Haus“ symbolisieren soll. Was immer damit gemeint ist. Ursprünglich war das Haus eine Ansammlung von Fischerhütten, lese ich, die Dalí und seine Frau Gala über 40 Jahre hinweg zu einem labyrinthischen Bauwerk erweiterten und umgestalteten, das er als „wahrhaft biologische Struktur“ beschrieb – mit Räumen, die durch schmale Gänge, Höhenunterschiede und Sackgassen miteinander verbunden sind. Sie zu besichtigen, wäre sicherlich beeindruckend gewesen. Ich bin aber auch ohne Besichtigung zufrieden und schaue noch eine Weile auf die beruhigend sich wiegende See. Dalí und Gala haben sich zum Wohnen ein paradisiesisches Fleckchen ausgesucht.

Nur widerwillig fahre ich zurück „in die Stadt“, nach Figueres. Ich bin ein Naturmensch, keine Museumsgängerin. Deshalb schaue ich beim anschließenden Stadtrundgang das Geburtshaus von Dalí in der Altstadt und das Dalí-Museum nur von außen an. Auch stelle ich erst jetzt fest, dass Dalís Todestag sich wieder jährt: Er starb am 23. Januar 1989 hier in Figueres, seiner Geburtsstadt.

Wenn es um Surrealismus geht, habe ich darüber hinaus eine andere Favoritin: die britisch-mexikanische Malerin, Bildhauerin, Schriftstellerin und Dramatikerin Leonora Carrington (6. April 1917- 25. Mai 2011). Als Kunststudentin schloss sie sich in Paris der surrealistischen Bewegung an und begegnete auch Salvador Dalí. 1937 lebte sie mit dem deutschen Dadaisten Max Ernst im besetzten Frankreich zusammen. Nach Ernsts Internierung floh sie nach Spanien und emigrierte schließlich nach Mexiko.  

Ich habe einige ihrer Erzählungen gelesen und in meinem Bücherregal in Berlin unter anderem „Das Hörrohr“ stehen. Darin bekommt eine alte Dame ein Hörrohr geschenkt. Das Ein Präsent, das ihr Leben verändert, denn es offenbart ihr die wahren Gefühle ihrer Mitmenschen – auch die Absicht ihrer Familie, sie in ein Heim abzuschieben. Natürlich entpuppt sich das Heim als ein von surrealen Gestalten bewohnter Ort. Aus der Artothek in Berlin entlieh ich zudem einmal ein Gemälde von Carrington in Nachtblau und meiner Erinnerung nach mit Pferden, das die Hälfte meiner Wohnzimmerwand einnahm. Noch zu ihren Lebzeiten meilte ich sogar einem ihrer Söhne und fragte an, ob ich sie für ein Porträt in Mexiko besuchen könnte. Wider Erwarten erhielt ich eine positive Antwort. Doch zu jener Zeit war ich innerlich noch nicht so weit, dass ich einfach los gefahren wäre – und während ich abwartete und die Zeit verstreichen ließ, starb Leonora Carrington 2011 in Mexiko Stadt. Eines meiner Versäumnisse im Leben, das ich bis heute bedauere. Daher zögere ich dieses Mal nicht lange, als ich bei meinem Aufenthalt in Montpellier erfahre, dass mein Weg nach Barcelona an „der Stadt“ Salvadore Dalís vorbei führt, und entschließe mich zu einem Zwischenstopp.

Als ich nach meinem Ausflug zu Dalis Haus am Meer und dem Stadtrundgang in die Pension zurückkehre, sitzt am Empfang eine andere junge Frau, ebenfalls mit Kopftuch. Am Abend höre ich einen Zimmernachbarn lautstark auf Arabisch telefonieren, zum Glück macht er nach einer halben Stunde Schluss und ist für den Rest des Abends still. Ich fühle mich an die Zeit als Rucksackreisende erinnert, als ich in Kairo in einem Billighotel wohnte. Der Lautpegel war der gleiche. Am nächsten Morgen checken zur gleichen Zeit wie ich zwei Herren aus, die beide das traditionelle nachthemdartige Gewand arabischer Männer tragen, samt Bart und Fes auf dem Kopf. Manche Dinge ändern sich nie.

Nächste Station: Barcelona

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