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Roadtrip Berlin – Spanien, Teil 3

In Montpellier gibt es das weltweit einzige Museum für weibliche Fruchtbarkeit.

Montpellier: Ein ungewöhnliches Museum und ein Autoproblem

Museum Montpellier ©Rebecca Hillauer

Von Dijon fahre ich gen Süden, nach Montpellier. Hier besuche ich das weltweit einzige Museum für weibliche Fruchtbarkeit und löse ein Problem mit meinem Auto.

Über das Museum für Kunst und Fruchtbarkeit in Montpellier werde ich für das Radio berichten. Daher verrate ich in diesem Text nur das Notwendigste und mache hoffentlich Appetit auf mehr.

Genau genommen führt mich die dritte Etappe meines Roadtrips nicht von Dijon nach Montpellier, sondern erst einmal „nur“ bis Bourg de Péage, einem Ort mit 5.000 Einwohnern südlich von Lyon. Weil ich hier aber nichts anderes tue als übernachten (wieder bei sehr angenehmen und gastfreundlichen Servas-Mitgliedern), überspringe ich Details.

Allerdings: Als ich am nächsten Morgen in meinem Auto sitze und den Motor anlasse, höre ich ein schrilles, schwirrendes Geräusch, das wie ein misstöniges Singen in Dauerschleife klingt und eindeutig von meinem Wagen stammt. Auweia. Soll das vielleicht bereits das Ende unseres Roadtrips sein? Ich mache, was ich in solchen Lagen öfters mache: Ich rufe den Freund in Berlin an, der mir vor zwanzig Jahren meinen VW Polo vermittelt hat. Er tippt auf einen lockeren Keilriemen und empfiehlt, den Motor vor Anfahren erst ein paar Minuten warm laufen zu lassen, dann sollte das Geräusch weg sein. Danach bei meiner nächsten Station eine Werkstatt nachsehen lassen. Und so passiert es.

Strecke Dijon – Bourg de Péage, Frankreich

Meine nächste Station ist nun tatsächlich Montpellier. Der Himmel ist verhangen, die Sonne glimmt nur matt durch die Wolkendecke. Am Straßenrand tauchen die schlanken spitzzulaufenden Bäume auf, die ich aus mir unerfindlichem Grund mit dieser Gegend, in der ich noch nie war, verknüpfe: Mittelmeer-Zypressen. Dieser immergrüne Nadelbaum findet sich auch in der italienischen Toskana (die mir ebenfalls unbekannt ist).

Nach Montpellier trieb mich ursprünglich kein besonderes Interesse, sondern die Stadt liegt einfach auf direkter Strecke zu meinem Reiseziel: Spanien. Wieder fragte ich bei Servas-Mitgliedern nach, ob sie mir für zwei Nächte Unterschlupf gewähren würden. Vincent Fauveau sagte „Ja“. Und erzählte mir zudem von seinem „Musee Art et Fécondité“ (Museum für Kunst und Fruchtbarkeit), das er im Jah 2022 in Montpellier eröffnet hat. Wie bereits erwähnt, verrate ich in diesem Text nur so viel, dass meine Radioreportage für die Hörerinnen und Hörer noch spannend ist, wenn sie gesendet wird.

Ich erwarte ein veritables Museum und bin etwas überrascht: Fauveaus Ausstellung im Kunstviertel von Montpellier ist in den Räumen des „Shambhala“-Zentrums untergebracht, einer ehemaligen Gemeinschaftspraxis von drei Ärzten. Einer von ihnen ist ein Freund Fauveaus und vermietet die Räume nun an Menschen, die in seinen Augen die Welt mit etwas Sinnvollem bereichern: Yoga, Meditation, Psychotherapie, Vorträge – und eben die Sammlung ethnographischer Objekte seines Freundes rund um die Themen Konzeption, Schwangerschaft und Geburt. Vincent Fauveau öffnet sie immer montags für Besucher und führt dann auch selbst auf Französisch und Englisch durch die Ausstellung. Gruppen melden sich meist vorher an. Die Exponate reichen von 12.000 v. Chr. über die neolithische Jungsteinzeit bis in die moderne Gegenwart. Bei seiner Führung zeigt Fauveau etwa ein Bild, das die Geburt Buddhas aus der rechten Rippe einer Frau darstellt, ähnlich der im Alten Testament überlieferten „Geburt“ Evas aus einer Rippe Adams. Aus unserer heutigen Zeit stammt eine schwangere Barbie-Puppie aus den USA, deren dicker Bauch abnehmbar ist und ein Baby beherbergt. Fauveau erzählt, seine Tochter hätte mit einer solchen Puppe spielerisch Tatsachen über Fortpflanzung begriffen.

Lediglich die kleinen Figuren von Schwangeren aus der neolithischen Periode sind Repliken, alle anderen Ausstellungsstücke hat Fauveau über mehr als vierzig Jahren auf seinen Reisen durch die halbe Welt gesammelt. Der frühere Kinderarzt, Neonataloge und Geburtshelfer, der in vielen Ländern der sogenannten Dritten Welt gearbeitet hat, bringt in seinen Exponaten seine berufliche Erfahrung mit seinem Interesse an der künstlerischen Darstellung weiblicher Fruchtbarkeit zusammen. Seine ersten Sammelobjekte waren überwiegend primitive Kunst aus Afrika, nach und nach kamen welche aus aller Welt hinzu.

Unter die Vitrinen mit den Artefakten hat Fauveau kleine Rädchen geschraubt, damit er die Exponate jeden Montagabend aus den gemeinschaftlich genutzten Räumen rollen kann. Er stellt die Vitrinen in einem separaten Zimmer ab, deckt sie mit weißen Baumwolltüchern ab und rollt sie am nächsten Montag vor Museumsöffnung wieder zurück. Neben der Eingangstür des Shambahla, an der Kasse, ist Fauveaus Buch ausgestellt, das er begleitend zur Ausstellung geschrieben hat. Zwei Schwangere aus Ton, die neben der schwangeren Barbie in einer Vitrine stehen, sind ebenfalls sein Werk. Ebenso ein Sitz-Ei, das an die 1960er Jahre erinnert und dem er den Namen „Zurück in das Ei“ gegeben hat. Ich bekomme zum Abschluss meines Besuchs das Vergnügen, mich in das mit einer Plastikplane verschließbare Ei zu setzen und dem über Lautsprecher zugespielten Herzschlag der Mutter zu lauschen, wie dies Babys in der Gebärmutter tun. Ich empfinde die Töne als sehr laut. Vincent Fauveau vermutet, dass sie für das Baby im Mutterleib noch lauter wirken müssten. Störende Geräusche wie Verkehrslärm oder Streit zwischen Menschen würden damit übertönt.

Last but not least, fahre ich mit meinem Auto noch zu einer Werkstatt. Sie hat den amüsanten englischen Namen „Speedy“ wie Speedy Gonzales, also „schnell“, weil man sofort bedient wird, wenn man als Kundin vorfährt. Da ich nicht annehme, dass französische Automonteure Englisch oder Deutsch sprechen, habe ich vorsorglich einen Zettel dabei, auf den ich auf Französisch geschrieben habe, was mein Freund in Berlin als Probleme diagnostiziert hat. Der Monteur schaut kurz unter der Motorhaube nach, befindet alles in Ordnung – und ich fahre wieder los.

Nächste Station: Figueres, Katalonien, Spanien, Stadt des surrealistischen Malers Salvadore Dalí

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