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Roadtrip Berlin – Spanien, Teil 2

Der zweite Abschnitt meines Roadtrips von Berlin nach Südpanien führt durch Frankreich.

Frankeich: Dijon, Stadt des Senfs und Gewürzbrots

Hinter der Kirche Notre Dame ©Sylvaine Brosseau

In Frankreich war ich seit Jahrzehnten nicht mehr – und noch nie mit Auto. Wird mein „roter Blitz“ mich heil durch den Nachbarstaat bringen? Und dabei selbst heil bleiben? Meine Spannung steigt.

Dass man für die Fahrt auf Frankreichs Autobahnen Mautgebühren bezahlen muss, hatte ich ganz vergessen. Kürzere Abschnitte sind frei, ebenso die älteren „Nationalstraßen“ („routes nationales“), die parallel zu den neueren, schnittigeren Autotrassen verlaufen und durch Städte und Dörfer führen. Wenn man diese gemütlichere Variante wählt, verdoppelt sich pi mal Daumen die Fahrtzeit. Ich zahle also – und ärgere mich. Was mir auffällt: Im Autoradio haben ab sofort englischsprachige Songs das Nachsehen. Während in Deutschland gefühlt vor allem US-Hits gespielt werden, höre ich seit Grenzübertritt Französisch, Französisch, Französisch… Da ich meine entsprechenden Schulkenntnisse seit Jahrzehnten habe brach liegen lassen, schalte ich das Autoradio irgendwann einfach aus.

Auf großen blauen elektronischen Anzeigetafeln am rechten Straßenrand wird nicht nur die Entfernung bis zu den nächsten Tankstellen ausgewiesen, sondern auch, wieviel das Benzin dort jeweils kostet. Eine autofahrerfreundliche Einrichtung. An elektronischen „Galgen“ über der Fahrbahn kann man zudem in Abständen die Uhrzeit ablesen, oder Verkehrshinweise. Die Höchstgeschwindigkeit ist 130 km/h, oft jedoch auf 110 km/h herabgesetzt. Das ist das Tempo, das ich mit meinem VW Polo im Durchschnitt fahre. 130 km/h schafft er zwar noch locker, aber er soll noch lange fahren. Daher besser Einsicht statt Nachsehen.

Ab der deutsch-französischen Grenze ist es aus mit dem Übernachten bei Verwandten und Freunden. Zum Glück kann ich als Mitglied der Friedensorganisation Servas International (s. meine Berichte) auf deren Online-Mitgliedsliste zurückgreifen und per Mail bei Mitgliedern an meinem Zielort anfragen, ob sie mich für eine Nacht oder zwei Nächte bei sich aufnehmen wollen. Ich habe auf diese Weise bisher sehr viele spannende und liebenswürdige Menschen kennen gelernt – und so ist es auch dieses Mal. Sylvaine lädt mich zu sich nach Dijon ein, zwei Autostunden ab Ländergrenze. Rund 160.000 Menschen leben in dem Handelszentrum der Provinz Burgund mit ihren köstlichen Weinen. Sylvaines Wohnung liegt im fünften Stock, von der großen Terrasse aus kann ich die Stadt überblicken. An klaren Tagen, wenn Regen die Luft gereinigt hat, kann Sylvaine mitunter den 200 Kilometer Luftlinie entfernten Mont Blanc sehen, erzählt sie und zeigt mir ein Foto, das sie an einem solchen Tag geschossen hat.

Die pensionierte Psychologin ist leidenschaftliche Hobbyfotografin – und eine ausgezeichnete dazu. Als sie vor Jahren fünf Wochen lang im Krankenhaus liegen musste, kehrte sie die Perspektive um und blickte durch ihre Kamera auf die Menschen, die sie in ihrem Krankenbett besuchten, auf den Fernseher, der an der Wand hing, um sie zu unterhalten, auf die Schläuche, die sie mit Notwendigem versorgten. Etliche Bilder fangen die Trostlosigkeit ihres Daseins auf dem Krankenlager ein, andere verleiten regelrecht zum Lachen. Etwa wenn ihr auf einem Foto die Gesichter von zwei Freunden entgegen strahlen – und zugleich ihre eigenen nackten Zehen unter der Bettdecke hervor lugen. Fünf Jahre und eine gute ärztliche Prognose später, kann ein Freund Sylvaine davon überzeugen, ihre Fotos einem Publikum zu zeigen. Sie nennt die Ausstellung „Vu du lit“, Blick vom Bett.

Sylvaine lässt es sich nicht nehmen, mir bei meinem Besuch ihre Stadt zu zeigen. Beim Namen Dijon fällt mir natürlich der gleichnamige Senf ein. Eine Spezialität der Stadt. Bis 2006 gab es sogar ein Senfmuseum in Dijon. Bei Edmond Fallot, einem traditionellen Senfhersteller im Zentrum, lasse ich mir von einem Verkäufer die Herstellung erklären. Der Laden hat 25 Geschmackssorten im Angebot. Unter anderem „Cassis“, schwarze Johannisbeere, aus der man in Frankreich einen Likör gewinnt, den man mit Weißwein zum beliebten „Kir“ mischt. Sylvaine hat mir am Vorabend ein Gläschen zum Essen serviert. Nun also als Beigabe zum berühmten Dijon-Senf. Ich kaufe ein Gläschen als Mitbringsel und eines mit dem süßlich-zimtenen Geschmack des „Pain d’éspice“, einer weiteren Spezialität der Stadt. Das Gewürzbrot wird traditionell mit Honig gesüßt und mit Anis, einem charakteristischen Gewürz der Region, sowie mit Zimt, Nelken, Ingwer und Muskatnuss gewürzt.

Das Stadtzentrum lässt sich gut zu Fuß erlaufen. Viele winklige Gassen, prächtige Fachwerkhäuser und Antiquitätenläden. Frankreich eben. Der markanteste Bau ist der Palast der Herzöge von Burgund aus dem 14. Jahrhundert. Heute beherbergt er sowohl das Rathaus als auch das Musée des Beaux-Arts, eines der ältesten Museen Frankreichs, mit altägyptischer Kunst bis zur modernen Malerei.

Sylvaine macht mich jedoch auf etwas anderes aufmerksam: Sie lenkt meinen Blick auf Häuser, deren Dächer mit verschiedenfarbigen Ziegeln gedeckt sind.

Solche Ziegel zierten im Mittelalter und der frühen Neuzeit als Prestigesymbol Dachstühle von Kathedralen sowie Residenzen von Fürsten und wohlhabenden Städtern. Die charakteristischen Farben – darunter Senf, Grün und Burgunderrot – entstehen durch Zusätze von Mineralien und Metalloxiden, die beim Brennen eine leuchtende Oberfläche bilden. Die glasierten Dachziegel werden dabei nicht nur farblich, sondern auch witterungsbeständig. Die Verwendung von Glasuren verbreitete sich über ganz Europa – von Magdeburg bis nach Süddeutschland und in die Schweiz.

Dach mit Katzen- und Eulenfigur ©Rebecca Hillauer
Farbige Dachziegel und Prunk à la Burgund ©Rebecca Hillauer

Wer keine solch kundige Führerin hat wie ich, kann sich dem „Eulen-Rundgang“ anvertrauen. Der kostenlose Stadtrundgang führt die Besucher in 22 Etappen durch die historische Altstadt. Man folgt dabei den glänzenden, bronzenen Pfeilen mit Eulen-Motiv, die zwischen den Pflastersteinen am Boden eingelassen sind – ähnlich der Stolpersteine, die seit 1996 in Berlin verlegt werden, um an Opfer des Nationalsozialismus zu erinnern. Hier in Dijon sind die Eulen-Pfeile jedoch positiv konnotiert. Für Kinder gibt es zusätzliche Highlights in Form von Figuren an Hauswänden, etwa Tarzan, dem Dschungelhelden, der sich scheinbar von einem Klettergewächs neben einem Haus mit Hilfe einer Liane zur Hauswand schwingt. Sie führen unter anderem an dem historischen Karussel vorbei. Es ist eines der ältesten erhaltenen Karussells in Europa und wurde im 19. Jahrhundert errichtet. Es wurde mehrfach restauriert, unter anderem im 20. Jahrhundert, und steht unter Denkmalschutz. Vor einigen Jahren habe ein Unbekannter eine Brandanschlag auf das Karusell verübt, erzählt Sylvaine, es wurde jedoch wieder originalgetreu restauriert. Zwei Mädchen sitzen in einem Feuerwehrauto und juchzen vor Freude.

Natürlich hat Dijon eine Kirche Notre Dame und auch eine „Rue de la Liberté“ darf nicht fehlen. Die Straße der Freiheit wurde so nach der Französischen Revolution benannt, um die neu entdeckten Ideale von Freiheit und Demokratie zu symbolisieren. Anders der nahe gelegene „Place de la Libération“, der Platz der Befreiung. Angelegt im 17. Jahrhundert, umgibt er in einem Halbrund den ehemaligen Herzogs-Palast und lädt mit seinen Cafés, Restaurants und dem eingelassenen Springbrunnen zum Verweilen ein. Seinen Namen erhielt der Platz nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Allierten Dijon von den deutschen Besatzern befreit hatten.

Sylvaine in der Altstadt ©Rebecca Hillauer

Danke, Sylvaine, für diesen kurzweiligen wie lehrreichen Stadtrundgang!

Nächste Station: Montpellier, Südfrankreich

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