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Unterwegs: Oatman, die Esel-Stadt in Arizona

Ein Tag in der ehemaligen Goldgräber-Stadt Oatman mit ihren berühmten Eseln in Arizona

Wild-West wiederbelebt in einer alten Goldgräberstadt

Bevor ich Las Vegas verlasse, fahre ich noch ins benachbarte Arizona, nach Oatman, berühmt für seine wilden Esel. Wegen ihnen zieht es Scharen von Menschen in diese abgelegene Wüstengegend. Hier gibt es ein legendäres Revolver-Duell.

Ortsschild historisches Oatman ©Rebecca Hillauer

So muss es im Wilden Westen ausgesehen haben! Das ist der erste Gedanke, der mir in den Kopf kommt, als ich am Anfang der Main Street, der Hauptstraße, stehe und auf die im besten Sinn urwürzige Kulisse vor mir blicke. Die Holzhäuser an beiden Seiten sind liebevoll instandgehalten oder originalgetreu renoviert. Als ich beim Weiterlaufen auf einen der Gehsteige wechsele, knarren bei jedem Schritt die Holzplanken.

Die Mormonin Olive Oatman, die 1851 von Indianern entführt und fünf Jahre später im Tausch gegen Decken und Pferde wieder freigelassen wurde, ist Namensgeberin der Stadt. Umgeben von den Black Mountains, liegt der Ort inmitten schroffer Bergkämme. Im Jahr 1905 wurden Goldgräber hier tatsächlich noch fündig, etwas spät in der allgemeinen Goldrausch-Ära. Doch Oatman erblühte – und verblühte wieder, als das Goldfieber zu Ende war, und die Goldgräber weiterzogen.

Im ersten Stock des Oatman Hotel ist ein Museum, in dem Besucher alles über die Blütezeit der Goldgräberstadt erfahren können. Zu besichtigen ist auch die Flitterwochen-Suite der beiden Hollywood-Legenden Clark Gable und Carole Lombard. Seit Jahrzehnten kleben Gäste Ein-Dollar-Scheine an die Wände und die Decke des Saloons, eine Tradition, die bis heute fortbesteht. Ich frage einen Ladeninhaber, wie viele Menschen heute in Oatman leben. „So um die 75“, bekomme ich als Antwort.

Die Stars der Stadt sind allerdings die ungehindert herumstreunenden Wildesel. Wegen ihnen bin auch ich hierher gefahren. Mark Meyers, der Besitzer des Eselmuseums in Mesquite (s. meine Reportage), Nevada, hat mir von ihnen erzählt. Seitdem war es für mich klar, dass ich hierher kommen MUSS. Da Las Vegas nur zwei Autostunden entfernt ist, mache ich mich also am Tag vor meiner Weiterfahrt auf den Weg, begleitet von den Hits der 1970er Jahre aus dem Autoradio…

Bei meinen vorherigen Ausflügen in die Umgebung von Las Vegas hatte ich keinen einzigen der angeblich dort ansässigen Wildesel gesehen. Deshalb mischt sich in meine ganze Vorfreude und Begeisterung auch eine Brise Skepsis, ob ich an diesem Tag wohl Wildesel zu Gesicht bekommen würde. Doch kaum bin ich auf den alten Highway „Route 66“ eingebogen, der mich die letzen Kilometer bis nach Oatman führt, sehe ich in einiger Entfernung zwei graue Gestalten mit vier Beinen und spitzen Ohren, die sich, kaum dass sie mich entdeckt haben, auch schon gemächlichen Schritts und frei von Scheu auf mein Auto zubewegen. Endlich!

Begrüßung durch Esel auf der Route 66 ©Rebecca Hillauer

Die Esel stammen von den Lasttieren der Bergleute ab, die hier einst in der Oatman-Mine gruben. Ein Gerücht besagt, in der Stadt würden mehr Esel als Menschen leben. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Dutzende von Eseln auf der Hauptstraße herumlaufen und ihre Köpfe durch die Geländer der Holzgehwege stecken, um die Passanten um Leckerlis anbetteln. Weil Touristen die Tiere auch mit Keksen und Bonbons und massenweise mit Karotten füttern, leiden viele der Esel inzwischen an Diabetes. Ein Laden an der Main Street verkauft nun Tüten mit speziellem „Eselsfutter“: gepresste Heuwürfel, die der natürlichen Nahrung der Esel, dem Gestrüpp und harten Gras der Mojavewüste, am nächsten kommt. Als eine Touristin ein Eseljunges damit füttern will, ruft ihr aus einem Laden ein junger Mann zu, sie solle das bitte unterlassen. „Er soll von seiner Mutter trinken. Ihre Milch ist die beste Nahrung für das Fohlen.“

Die Esel sind so sehr zu einem integralen Bestandteil der Identität von Oatman geworden, dass die Stadt nun jährlich einen Eselkot-Weitwurf-Wettbewerb veranstaltet, bei dem Einwohner und Besucher gleichermaßen darum wetteifern, wer einen getrockneten, goldfarben bemalten Eselkot am weitesten werfen kann. Sam, die junge Besitzerin des Souvenirladens neben dem Parkplatz, erzählt mir noch von weiteren jährlichen Ritualen. Dem „Bettenrennen“ etwa, bei dem die Wettbewerber auf Betten, an deren Beinen kleine Räder befestigt sind, die Main Street hinunter rasen. Die geliebten Esel werden vorher natürlich von der Straße geschafft. Im Sommer werden dann auf dem heißen Asphalt Spiegeleier gebraten. Zwei Minuten – und die Eier in der Pfanne seien fertig, meint Sam. So heiß wird es hier. 45 Grad Celsius trockene Hitze sind die Regel. Und dennoch, wegen der höheren Lage, ist es hier meist immer noch fünf Grad „kühler“ als unten im Tal, in den Städten Needles, Bullhead and Laughlin, wo es im Sommer auch schon mal 50 Grad heiß wird. Sam erzählt mir in ihrem Souvenirladen noch, dass Oatman nicht nur hinsichtlich seiner Goldgräbergeschichte eine „Geisterstadt“ sei, sondern es gäbe wohl auch richtige Geister in der Stadt. Sie deutet auf die gegenüberliegende Straßenseite, wo die Goldgräber von einst begraben sind. Ja ja, winkt sie einlenkend ab, als sie meinen zweifelnden Blick sieht. Aber sie selbst habe ein merkwürdiges Erlebnis gehabt, das sie sich logisch nicht erklären könne. Ich bin mehr als bereit, ihr zu glauben. Einen Geist hätte ich auch schon immer mal gern getroffen.

Inszeniertes Duell ©Rebecca Hillauer

Auf der Hauptstraße finden das ganze Jahr über auch alle möglichen Veranstaltungen statt, die den Wilden Westen wieder zum Leben erwecken sollen. Tagtäglich um die Mittagszeit etwa kann man ein inszeniertes Revolverduell bestaunen, „Zwölf Uhr mittags“ à la Oatman – inklusive lauter Schüsse mit Platzpatronen. Die kostenlose Show wird oskarreif dargestellt von den Oatman Ghost Rider Gunfighters – zwei bereits in die Jahre gekommenen Herren mit Pistolengürtel und Cowboyhut.

Esel werden in den USA auch „Jackass“ genannt („ass“, dt. „Arsch“, bezieht sich auf die ausladenden Hinterteile der Tiere). Wie im Deutschen das Wort „Esel“ wird auch „Jackass“ oft abwertend gebraucht im Sinn von „Vollidiot“ oder „Trottel“. Alle, die das Wort in diesem Sinn gebrauchen, verkennen, welch intelligente Tiere Esel sind. So tragen die Bewohner von Oatman auch stolz ihren Beinamen: Jackass Junction, so viel wie „Eselkreuzung“ im Sinn von Begegnung mit Eseln.

Straßenbild mit Witz ©Rebecca Hillauer

Leanne Toohey, die in ihren Laden „Jackass Junction“ Klangspiele und indigene Töpferwaren verkauft, ist auch Fachfrau für die Geschichte der Stadt. Hinter der Kasse hat sie eine Abbildung der historischen Bergbaustadt aufgehänt. Wenn man Leanne rechtzeitig Bescheid gibt, erzählt sie Besuchern gern über diese turbulenten Zeiten. Ich bin dafür leider zu kurzfristig angereist. Auch Erin Ellis ist an diesem Tag in ihrem Souvenirladen voll beschäftigt. Sie betreibt ansonsten den „SOS Donkey Haven“ (SOS Eselshimmel) einige Kilometer außerhalb der Stadt. Bei Voranmeldung kann man ihr Eselgehege besuchen – und gelegentlich sogar einen Esel adoptieren. Walter, der Esel, der dieses Glück hatte, ist inzwischen Kult in der Stadt. In Leannes Laden „Jackass Junction“ liegt neben der Kasse ein Foto von ihm. Darauf liegt er als Fohlen in den Armen einer jungen blonden Frau. Leanne ist so nett und nimmt sich die Zeit, mir Walters Geschichte zu erzählen. Das Ehepaar Brad und Kelly Blake aus dem Ort nahm das von seiner Mutter verstoßene Wildeseljunge zu sich – und die ganze Stadt wählte ihn wenig später kurzerhand zu ihrem Bürgermeister. Walter hat nicht nur eine eigene Facebook-Seite und ziert mit seinem Konterfei T-Shirts, Kalender und Tassen, er ist auch die Hauptfigur der Kinderbuchserie „Walter, the Orphaned Donkey“ (Walter, der verwaiste Esel).

Als ich nach Oatman fuhr, habe ich es nicht wirklich registriert: Mitten durch das Städtchen verläuft ein Abschnitt der historischen Route 66. Die berühmte Straße war von den 1920er bis in die 1950er Jahre die wichtigste Fernstraße quer durch die Vereinigten Staaten. Dass sie durch Oatman führt, bringt viele Biker auf ihren Motorrädern in den Ort. Entsprechend kann man in den Geschäften entlang der Hauptstraße auch Motorradbekleidung kaufen und T-Shirts mit „Route 66“-Aufdruck. Ich bin bequem von Las Vegas aus über die Interstate 95 nach Oatman gefahren. Kommt man dagegen aus östlicher Richtung, aus Utah oder Arizona, muss man über Kingman fahren. Zwischen den Orten Kingman and Oatman ist die Straße nicht flach und breit, sondern gewunden und hügelig. Auf einem Abschnitt von 12 Kilometern gibt es sagenhafte 191 (!) Kurven. Ein Traum für alle Biker. Doch Vorsicht! Was die Strecke gefährlich macht, sind nicht nur die vielen Serpentinen, sondern auch die wilden Esel, die sich in der Hoffnung auf Leckerli oft mitten auf die Straße stellen. Motorradfahrer können die lebenden Hindernisse bei mäßiger Geschwindigkeit relativ leicht umfahren, Autofahrer müssen hingegen doppelt auf der Hut sein. „Du hast gerade 191 Kurven auf 8 Meilen überlebt!“, macht deshalb ein Schild am Ortseingang von Oatman all denjenigen Mut, die aus dieser Richtung in der Stadt eintreffen.

Für mich wird es leider Zeit, mich zu verabschieden. Ich tue etwas, was ich noch nie zuvor getan habe: Ich kaufe in Sams Laden ein T-Shirt und lasse es mir mit meinen Lieblingsmotiv bedrucken. Ich ärgere mich, dass ich so kurzfristig und planlos gekommen bin und mir deshalb die Zeit für Erkundungen entlang der Route 66 fehlt. In beide Richtungen soll es „atemberaubende, fast unwirkliche Ausblicke“ geben, lese ich. Nach Süden führt der Highway bis ans sumpfigen Ufer des Colorado River. Ich muss stattdessen in die entgegengesetzte Richtung – nach Nordwesten. Am Wegesrand steht ein Esel und sagt mir in meiner Vorstellung Adieu. Aber nur für dieses Mal. Ich komme bestimmt wieder. Dann allerdings aus Richtung Kingman – über die kurvige Piste. Und mit mehr Zeit.

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