Valley of Fire, eine Samstagnacht und Sonntag im Casino
Natürlich bin ich in die „Unterhaltungshauptstadt der Welt“ auch gekommen, um sie zumindest einmal gesehen zu haben – und um mein Spielglück herauszufordern. Die Umgebung hat auch spektakuläre Landschaften zu bieten.

Rafael Rivera, irgendwann vor 1829 in Mexiko geboren und irgendwann nach 1829 verstorben, wäre wohl nie in die Geschichte eingegangen, wenn er sich nicht entschieden hätte, Scout zu werden. Dass er überhaupt je gelebt hat, wissen wir nur, weil er im Jahr 1829 eine Handelskarawane auf dem Old Spanish Trail begleitete. Die 2000 km lange Route verbindet damals die Stadt Santa Fe in Nuevo Mexico, dem heutigen New Mexico, im nördlichsten Teil des spanischen Vizekönigreiches Neuspanien, mit Los Angeles und der pazifischen Küste in Kalifornien. Händler können so Felle, Talg und in Kalifornien gezüchteten Maultiere gegen Schafe, Wolle und gewebte Decken aus Nuevo Mexico tauschen. Die Reise ist jedoch lang und beschwerklich, führt durch Gebirge, Wüsten und tiefe Canyons. Der spanische Händler Antonio Armijo schickt deshalb 1829 seinen Kundschafter los, um eine Alternativroute zu finden. Der Scout, Rafael Rivera, entdeckt dabei in der ansonsten kargen Mojave-Wüste artesische Quellen, bei denen das Grundwasser oberhalb der Erdoberfläche austritt. Wegen der damit verbundenen fruchtbaren Vegetation nennt er die Oase Las Vegas (span. „Die Auen“, „Die Wiesen“). Seither gilt Rivera als die erste nicht eingeborene Person, die das heutige Las Vegas Valley betrat. Wegen der lebenswichtigen Wasserquellen wurde der neue Ort zu einem wichtigen Zwischenstopp für Wagentrecks und ab 1905, dem offiziellen Jahr der Stadtgründung, für die Eisenbahn.
Und heute? Wie könnte es anders sein und doch eine Überraschung: Bereits in der Ankunftshalle des Harry Reid International Airport stolpere ich förmlich über Spielautomaten.
Nach sechs Jahren treffe ich endlich meine älteste Freundin aus Deutschland wieder, die inzwischen in Kalifornien lebt. Sie fliegt aus Sacramento ein. Ich bin mit dem Minibus-Shuttle aus St. George, Utah, gekommen. Las Vegas ist ein vielseitiger Verkehrsknotenpunkt.

Red Rock Canyon
Meine Freundin, Linda, und ich wollen erst einmal Natur sehen und uns erst am nächsten Abend ins Nachtleben stürzen. Unsere erste Station ist der Red Rock Canyon, ein Naturschutzgebiet rund 30 Autominuten vom Stadtzentrum Las Vegas entfernt. Ein rund 20 Kilometer langer „scenic drive“, eine „malerische Fahrt“, führt uns in Schlangenlinien an den rötlichen Felsen vorbei. Wir steigen ein paar Mal aus und vertreten uns auf den sandig-steinigen Wanderpfaden die Beine.





Im Red Rock Canyon sollen angeblich viele wilde Esel zu Hause sein. Schilder warnen zudem: „Achten Sie auf Schildkröten! Sehen Sie unter ihrem Fahrzeug nach, bevor sie los fahren!“ Wir sehen leider weder Esel noch Schildkröten. Stattdessen begegnen wir einem schwulen Pärchen, das sieben kleine Hunde spazieren führt.


Weil wir doch noch wilde Esel sehen wollen, kehren wir auf der Rückfahrt in Diamond ein. Das idyllische und penibel saubere Örtchen mit knapp 300 Einwohnern, schmucken Häuschen und stolzen Grundstückspreisen ist für seine vierbeinigen Mitbewohner bekannt.





Doch auch hier haben wir Pech. Kein einziger Esel in Sicht. Ob das etwas mit dem großen Schild am Ortseingang zu tun hat, das das Füttern der Wildesel bei 500 Dollar unter Strafe stellt? Die Touristen sollen die Esel nicht mehr mit Ungesundem füttern. Völlig verständlich. Doch mit dem Futter bleiben vielleicht nun auch die Esel aus.
Valley of Fire
Am nächsten Tag fahren wir eine Stunde länger aus der Stadt hinaus – in das Valley of Fire. Das „Feuertal“ leitet seinen Namen von den roten Sandsteinformationen ab, die sich vor 150 Millionen Jahren aus großen Wanderdünen formten. Die „Bee Hives“ (Bienenkörbe) etwa. Große rundliche Felsblöcke mit kleinen wabenartigen Einbuchtungen. Andere Felsformationen bestehen aus Kalkstein, Schiefergestein und Konglomeratgestein aus Kies und Geröll. Manche aus verschiedenfarbigem Gestein. Sie erinnern mich an Souvenirs in Australien: Glasfläschen, befüllt mit Wüstensand in verschiedenen Farbtönen.





Gern hätten wir noch die „Fire Wave“ (Feuerwelle) gesehen. Eine Sandsteinformation, die einer Meereswelle ähnelt und wirbelartige rote, weiße und rosa Steinmuster aufweist, wie manchen Lutscher. Ebenso den „Elefantenfelsen“, dessen baumstammähnlicher natürlicher Bogen einem Elefantenrüssel ähnelt. Doch uns rennt die Zeit davon. Es wird zu spät, um vor Sonnenuntergang noch den Fußweg zu den beiden Formationen zu schaffen. Wir sind darüber zwar enttäuscht, aber von dem, was wir vom Feuertal gesehen haben, auch sehr beeindruckt – mehr beeindruckt sogar als vom Red Rock Canyon. Wir trösten uns mit einem „Das nächste Mal“. Als wir uns auf den Rückweg machen, dämmert es bereits. Bereit für unsere samstägliche Ausgehnacht!
Las Vegas Strip und Fremont Street Experience
Ich oute mich bereitwillig und sofort: Unsere Samstagnacht in Las Vegas wird mich enttäuschen. Keine Ahnung, was ich erwartet habe. Zumindest einen Kick. Der bleibt aber aus. Mit dem Las Vegas Boulevard fängt es an. Die Vergnügungsmeile, kurz der „Strip“ (Streifen) genannt, ist eine normale, viel befahrene breite Straße von knapp sieben Kilometern Länge, an der sich Hotels und Casinos reihen.
Zugegeben: Die Hotels sind beeindruckend in ihrem Ausmaß und ihrer opulenten Ausstattung. Dito die Casinos, die mir jedoch zu lärmig und zu verraucht waren. Die Leute: „gewöhnliche“ Touristen (ich schließe mich ein). Ich habe immer gern Poker gespielt und hatte mich auch darauf gefreut, an einem „einarmigen Banditen“ zu ziehen. Doch sie sind inzwischen gegen eine „moderne“ Variante ausgetauscht worden, bei der man nur noch stumpfsinnig auf einen Knopf drücken muss.
Und obwohl gerade zehn Tage lang die Landesmeisterschaften im Rodeo in der Stadt ausgetragen werden, sehen wir zwei Ladies keinen einzigen Cowboy, der uns einen zweiten Blick wert gewesen wäre. Zwinkersmiley 😉
Ob die sogenannte Fremont Street Experience es raus reißen wird? Dort, sagt mir mein Smartpone, könnten wir noch das „alte“, „wahre“ Las Vegas erleben. Das klingt gut in unseren Ohren. Benannt sei die Straße, so mein Smartphone weiter, nach dem Entdecker und Politiker John C. Frémont, der das Las Vegas Valley im Jahre 1844 auf einer Expedition durchquerte. Es ist bereits nach Mitternacht, als wir einen ganz normalen City-Bus besteigen, je acht Dollar für eine 24 Stunden gültige Fahrkarte bezahlen und eine gute halbe Stunde lang den Strip entlang fahren. Vor unserem geistigen Auge sehen wir uns bereits ein paar Absacker in einer schummrigen Bar genießen… Was uns an unserem Ziel erwartet, ist jedoch das Gegenteil.
Die Fremont Street ist das ursprüngliche Vergnügungsviertel der Stadt. Das Golden Gate Hotel & Casino und das Golden Nugget sind Relikte aus jener Zeit. Unzählige Fernsehshows und Filme entstanden hier, bevor die Touristen in den 1990er Jahren zum neu entwickelten „Strip“ abwanderten. Die Frement Street Experience wurde etabliert, um dem etwas entgegen zu setzen. Das Publikum hier ist deutlich jünger. Laut und „trashy“, das Gegenteil von stilvoll. Ein Straßenzug ist mit einem Leinwand-Himmel überspannt, auf den laufend knallbunte Bilder gebeamt werden. Von drei Bühnen schreit uns undefinierbare Musik entgegen, wir waten durch eine klebrige Bierlache. An der nächsten Ecke besteigen wir einen Bus – zurück. Das war’s.
Sonntag im Casino
Sonntagmittag im Rampart Casino. An den Spieltischen und Spielautomaten kleben bereits eine stattliche Anzahl von Leuten. Und auch wir wollen es nun doch noch wissen. Wozu kommt man auch sonst nach Vegas? Linda streift eine Weile mit prüfendem Blick durch das Labyrinth der Spielautomaten. Als sie sich endlich für einen entschieden hat, ist ihr mäßiger Einsatz in kaum zwei Minuten dahin. Beherzt erhöht sie den Einsatz… doch das Ergebnis ist das gleiche. Nun bin ich an der Reihe. Ich will einen echten „einarmigen Banditen“, einen der alten Sorte, mit einem Hebel an der Seite, den ich dann per Hand herunter drücken kann. Daher auch der Beiname „einarmig“. Ich finde zwar einen dieser zum Tode verurteilten Automaten, doch als ich an dem Hebel ziehen will, sitzt er fest. Die Funktion ist abgeschaltet. Zu früh gefreut auf das haptische Erlebnis! Ich muss wie bei den modernen Automaten nur noch auf einen Knopf drücken. Ach, so langweilig. Dafür werde ich im wahrsten Sinn entgolten mit einem beständigen „Klingeling“. Ich gewinne. Bei einem Einsatz von jeweils 1 Cent gewinne ich satte 10 Dollar!
„Anfängerglück“, kommentiert Linda trocken. Und ich denke: „Achtung!“ Wie oft verleitet solches Anfängerglück Menschen dazu, weiter zu spielen – und zum Schluss „Haus und Hof“ zu verlieren. „Das Casino gewinnt immer“, sagen die Einheimischen. Ich will mein Spielerglück genießen und lasse mich an der Kasse bar auszahlen.

Mit meinem gigantischen Gewinn gebe ich uns zwei alkoholfreie Getränke aus. Dann ist es Zeit für Linda, wieder nach Hause nach Kalifornien zu fliegen. Ich mache mich auf den Weg, meine Begleiter für die folgende Woche, die beiden älteren Hundeherren Alan und Obie, kennen zu lernen.