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Gerechtigkeit für Anna Mae Aquash?

Vor 50 Jahren wurde die indigene Aktivistin Anna Mae Aquash von AIM-Aktivisten hingerichtet.

Vor 50 Jahren wurde die indigene Aktivistin ermordet.

Anna Mae Aquash ©Denise Pictou Maloney 

Anna Mae Aquash wurde gekidnappt, verhört und regelrecht hingerichtet, weil sie angeblich eine FBI-Informantin gewesen sein soll. Bis heute fordern Angehörige eine Aufklärung über die Hintermänner. Der Streamingdienst Hulu zeigt eine Doku-Serie über ihre Geschichte.

„In den nächsten 72 Stunden jähren sich die schreckliche Entführung, Vernehmung, Misshandlung, Vergewaltigung und die unmenschlichen Ereignisse, die zur Ermordung meiner Mutter Annie Mae Pictou führten. Ihr letzter Wunsch war, für ihre Töchter zu beten, bevor sie in den Hinterkopf geschossen und in der Wildnis von South Dakota abgelegt wurde. Ein Unfall? Nein. Ein Irrtum? Nein. Eine Kontroverse? Nein. Es ist nichts anderes als unverfälschter Frauenhass und geschlechtsspezifische Gewalt“.

Denise Pictou Maloney, Tochter von Anna Mae Aquash, findet in ihrem Facebook-Post vom 9. Dezember 2025 harsche Worte für die Ereignisse vor 50 Jahren, die ihr eigenes Leben und das ihrer Schwester Deborah von Grund auf veränderten. Denise war 11, als ihre Mutter, eine Aktivistin des American Indian Movement, im Pine Ridge Reservat im US-Staat South Dakota ermordet wurde. Wann genau dies geschah, ist unbekannt, das letzte gesicherte Datum, an dem sie noch am Leben war, ist der 11. Dezember 1975. An diesem Tag soll sie laut Zeugen im Reservat von AIM-Angehörigen verhört worden sein – auf Geheiß der AIM-Führung.

Aquash, geboren am 27. März 1945, war Angehörige des Mi’kmaq-Stamms im kanadischen Neuschottland. 1972 schloss sie sich dem militanten American Indian Movement in den USA an. Im Februar 1973 beteiligt sie sich zusammen mit ihrem zweiten Mann an der Besetzung von Wounded Knee, einer Ortschaft im Pine Ridge Reservat. Die Aktion führt zu einem teils tödlichen Showdown mit US-Marshalls und dem FBI (s. meine Radiofeature). Wenig später gerät Anna Mae Aquash unter den Verdacht, für das FBI zu spitzeln. Nach dem Verhör im Dezember 1975 verliert sich zunächst ihre Spur. Mehr als zwei Monate später, am 24. Februar 1976, entdeckt der Rancher Roger Amiotte während einer ungewöhnlichen Wärmephase ihre Leiche. Wegen der fortgeschrittenen Verwesung, konnte sie nicht identifiziert werden. Die offizielle Autopsie führte ihren Tod auf Unterkühlung zurück. Beide Hände wurden abgetrennt und zur Fingerabdrucknahme zum FBI nach Washington geschickt, die Leiche anonym begraben. Als das FBI Aquash dann doch identifizierte, forderten ihre Familie und Freunde eine zweite Autopsie. Diese ergab, dass sie durch einen gezielten Schuss in den Hinterkopf getötet worden war.

Die AIM-Aktivisten Arlo Looking Cloud und John Graham wurden wegen ihrer Beteiligung an dem Mord an Aquash zu lebenslanger Haft verurteilt. Nicht wenige halten sie für Sündenböcke. Zum Umfeld der Tatverdächtigen gehörten hochrangige Mitglieder und juristische Vertreter des AIM. Nicht nur Aquash Tochter Denise glaubt zudem an eine Mitschuld des im Januar 2025 von Joe Biden begnadigten Aktivisten Leonard Peltier. Er saß fast ein halbes Jahrhundert im Gefängnis, weil er 1975 zwei FBI-Beamte erschossen haben soll. Seine Unterstützer aus aller Welt betrachten ihn als politischen Gefangenen und feiern dementsprechend seine zum Hausarrest umgewandelte Haftstrafe. Nicht nur die beiden Aquash Töchter Denise und Deborah, sondern auch andere Stimmen aus der indigenen Community fordern, Peltier möge sich äußern und gegebenenfalls Rechenschaft ablegen.

Als ich im Januar 2025 auf meinen Blogs seine Freilassung melde, erinnert mich ein Kommentator daran, dass Peltier bezüglich der Ermordung der FBI-Agenten seine Aussage mehrfach geändert hatte. Von „Ich habe woanders an einem Auto gearbeitet“ zu „Ich war dort, habe aber nicht geschossen“ zu „Ich war dort, ich habe geschossen, aber ich habe die Agenten nicht getötet“. Aquashs Tochter Denise schreibt auf Facebook zudem: „Es ist gut dokumentiert, dass Leonard Peltier gegenüber mehreren Zeugen damit prahlte, die Agenten erschossen zu haben – nur wenige Wochen bevor meine Mutter ermordet wurde“. Ihrer Ansicht war deren Tod Teil eines ausgeklügelten Plans, „um die Bedrohung, die sie für eine Gruppe von Frauenfeinden darstellte, zu vertuschen“. Wusste Aquash eventuell, wer die FBI-Agenten erschossen hatte? Für das Verhalten Peltiers – das Prahlen und das Leugnen – gäbe es denkbare Gründe. Ein Beweis ist nichts. Doch bleibt seine Rolle zweifelhaft. Zeugenaussagen zufolge war zumindest sein Anwalt Bruce Ellison an den Verhören Aquashs im Pine Ridge Reservat beteiligt. Ellison verweigerte später jegliche Aussage, indem er sich auf den Fünften Verfassungszusatz berief, nach dem niemand gegen sich selbst aussagen muss. Der Staatsanwalt nannte ihn einen Mitverschwörer.

„Die Details, die ich über die letzten Stunden im Leben meiner Mutter kenne, sind keine Gerüchte“, schreibt Aquashs Tochter Denise auf Facebook. „Das sind Aussagen von Augenzeugen, die dabei waren“. Das Leben ihrer Mutter sei den AIM-Aktivisten keinen Pfifferling wert gewesen, sagt sie in einem Video von 2010. Alle würden schweigen, um die „Bruderschaft“, sprich AIM, zu schützen. Die Dokumentation Vow of Silence: The Assassination of Annie Mae (Das Schweigegelübde: Die Ermordung von Annie Mae) im Streamingservice Hulu von Disney+ spielt darauf an. Die vierteilige Serie startete am 26. November 2024 im Rahmen des Native American Heritage Month, des Monat -des indigenen Kulturerbes.

TV-Serie „Ermordung Anna Mae“ ©Disney

Ich selbst habe im Jahr 2022 im Pine Ridge Reservat anlässlich des 50. Jahrestags der Besetzung von Wounded Knee recherchiert. Dabei sprach ich auch mit ehemaligen Mitgliedern von AIM, die bei der Aktion dabei waren und Aquash persönlich kannten. Sie erzählten mir, AIM-Frauen hätten im Dezember 1975 Aquash, die damals in Denver, Colorado, gelebt hätte, ins Reservat zurück gelockt. AIM-Männer hätten Aquash dann verhört, gefoltert und ermordet. Diejenige, die Aquash anfänglich beschuldigte, eine FBI-Informantin gewesen zu sein, hätte dies aus Eifersucht getan und sei die wahre Verräterin gewesen. Was ist wahr und was nicht? Die AIM-Führer von damals, Russell Means und Dennis Banks sind tot. Leonard Peltier schweigt. Der 81-jährige wird die Wahrheit beziehungsweise das, was er weiß, vermutlich mit ins Grab nehmen.

Die von Denise Pictou Maloney angeprangerte geschlechtsspezifische Gewalt gegen indigene Frauen dauert bis heute an und hat inzwischen einen Namen: Missing and Murdered Indigenous Women, kurz MMIW, oder MMIWG, für Women and Girls [s. meine Berichte und Artikel]. Organisationen wie die Red Ribbon Skirt Society (Gesellschaft der roten Bänder-Röcke) oder die Motorradaktivistinnen Medicine Wheel Ride (Medizinrad-Touren) machen mit Aktionen auf die Thematik aufmerksam.

Rote Bänder für Anna Mae Aquash (oben) unter andere Opfer von Gewalt gegen indigene Frauen ©Rebecca Hillauer

Im Rahmen meiner Recherchen im Jahr 2022 habe ich ein Opfer, Esther Wolfe, kennen gelernt. Neun lange Tage und Nächte lang hatte ihr Ex-Freund sie gefangen gehalten und missbraucht. Dafür ist er verurteilt worden. Am 21. Februar 2024 wurde Esther Wolfe in Rapid City, South Dakota, auf offener Straße „exekutiert“. Das Motiv: Rache. Sie war 25 Jahre alt.

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