Natur/Umwelt Reisen USA

Unterwegs: Ein Pferd, ein Pony und ein Eselmuseum

In Süd-Utah dreht sich plötzlich für mich vieles um Pferde, Ponys und Esel.

New Harmony, Süd-Utah: Alltag als Abenteuer

New Harmony ©Rebecca Hillauer

Seit ich über die Roundups von wilden Pferden und Eseln hier in den USA gelesen habe, sind Pferde und Esel für mich plötzlich ein Thema. Aktuell hüte ich ein Pferd und ein Pony. Wilde Esel gibt es in dieser Gegend ebenfalls zu Hauf – und sogar ein Eselmuseum.

Da meine letzten Beiträge so viel Grausamkeiten enthielten, heute ein munteres und hoffentlich ebenso aufmunterndes Update - auch endlich wieder eine persönliche Erfahrung. Das heißt, eigentlich sind es viele persönliche Erfahrungen, denn bei meinem aktuellen Aufenthalt lerne ich völlig neue Fertigkeiten. Deshalb bin ich auch immer noch nicht im Tritt eines regelmäßigen Erzählens und Postens, weil einfach zu viel im richtigen Leben passiert, über das ich oft auch erst einmal reflektieren will, bevor ich darüber schreibe. Ich hoffe, ihr seht es mir nach.

Diejenigen, die mir auf einem sozialen Medium folgen, wissen bereits, dass ich zur Zeit in dem Weiler New Harmony in Süd-Utah bin. Bitte überspringt einfach die ersten beiden Absätze und lest dann nach den Fotos weiter.

New Harmony in Süd-Utah, das ich für drei Wochen mein Zuhause nenne, hat weniger als 300 Einwohner. Die einzige Kirche im Ort gehört der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage an, umgangssprachlich auch HLT-Kirche oder Mormonenkirche genannt. Wie könnte es auch anders sein? Schließlich befindet sich in Salt Lake City, der Hauptstadt Utahs, der weltweite Hauptsitz dieser Religionsgemeinschaft. Sie unterhält dort mit der Family Search Library die größte genealogische Sammlung weltweit (s. mein Bericht). Soeben habe ich gelesen, dass Wade S. Christofferson, ein Bruder von D. Todd Christofferson, Zweiter Ratgeber in der Ersten Präsidentschaft der HLT-Kirche, wegen Kindesmissbrauchs angeklagt und verhaftet wurde.

Ich hüte hier quasi in der Pampa zwei Hunde, ein Pferd und ein Pony. Das Haus liegt direkt neben der kleinen Post. Von der Küche und der Veranda an der Rückseite aus kann ich den Bergzug des Kolob Canyon sehen, der seit 1937 zum Zion-Nationalpark gehört. Anhaltender Regen, ungewöhnlich für diese Jahreszeit, so sagen mir Einwohner, hat die Koppel in eine riesige Schlammpfütze verwandelt.


Die verschlammte Pferdekoppel hat mehrere Haken. Zum einen muss ich jedes Mal, wenn ich dorthin gehe, in die klobigen Gummistiefel steigen und stampfe dann, gefühlt wie Knecht Ruprecht, durch den klitschigen Matsch, immer auf der Hut, ja nicht hinzufallen. Das wäre was! Mir kommen all die Filme in den Sinn, in denen tolpatschige Leute in Gülle, Kuhfladen oder eben Matsch fallen und dann, von oben bis unten braun eingefärbt, für heftige Lacher sorgen. Nun, hier wäre zwar niemand, der über mich lachen könnte… aber ich bleibe lieber trocken.

Ich stampfe also, mit einer Mistgabel in der linken Hand, und balanciere mit der rechten, umschiffe Sam, das Pferd, und Peanut, das Pony, die beide gern ein Stück Möhre bekämen und mir deshalb erwartungsvoll ihre Köpfe entgegen recken. Peanut wälzt sich gern im Sand – und nun eben im Schlamm. Dementsprechend sieht er aus. Sein Fell zu bürsten, erübrigt sich. Ich muss warten, bis der feuchte Schlamm getrocknet ist. Das wird einige Tage dauern, denn jetzt im Spätherbst ist die Sonne schwächer. Tatsächlich wird es nachts bereits empfindlich kalt. Ich hatte mir von Süd-Utah mehr Wärme erwartet. In den ersten Tagen wurde ich auch noch von der Sonne verwöhnt, was sich leider schnell geändert hat. Solange es regnet, verbringen Sam und Peanut natürlich mehr Zeit im Stall, und Peanut hinterlässt dann dort seine kleinen Ponyäpfel, die ich mit der Mistgabel in einer Ecke aufhäufe, damit der Stall und das Heu sauber bleiben, das ich zwar in einen Metalltrog gebe, das Sam und Peanut aber gern und oft im Stall verstreuen. Sam macht netterweise sein Geschäft draußen.

Mistgabel und Ponyäpfel ©Rebecca Hillauer
Sam und der Mini-Misthaufen im Stall ©Rebecca Hillauer

Bei trockenem Wetter fahre ich einmal am Tag die Schubkarre von Pferdeapfelhaufen zu Pferdeapfelhaufen, spieße sie mit der Mistgabel auf und leere die Ladung auf dem Misthaufen aus. Das fällt nun weg, solange die matschige Erde in der Koppel an Stiefeln und Schubkarrenrädern klebt und damit das Schieben erschwert. Ist das Bild einigermaßen klar? Ich verstehe nichts von Pferden. Ich habe zuvor nur ein einziges Mal Pferde gehütet. Das war vor fast genau einem Jahr in Montana, es lag Schnee. Ich musste morgens, wenn es noch dunkel war, und abends vor Sonnenuntergang Heu abwiegen, in Plastiktaschen stecken und diese über die Koppel tragen zum Futterplatz. Die beiden Pferde folgten mir bei meinem Gang, eines mit seinem Kopf und seinem warmen Atem dicht an meinem Gesicht, weil das Tier noch während des Laufens Heu aus der Tasche zupfte und zu mampfen begann.

Hier in Utah hat es inzwischen zwar aufgehört zu regnen, vermutlich wird es aber noch eine Woche dauern, bis die Koppel wieder normal begehbar ist. Dann wird mein Aufenthalt hier in New Harmony auch schon bald zu Ende sein. Heute ist es mir allerdings gelungen, sowohl Peanut, das Pony, als auch den großen Sam, das Pferd, zu striegeln und ihre Hufe zu säubern. Mein Erfolgserlebnis des Tages! Bisher tat ich beides nur bei dem Pony und hatte noch zu viel Respekt vor den Hufen des großen Pferdes. Für alle, die ebensolche Pferde-Greenhorns sind wie ich: Das Tier muss jeweils einen Fuß heben, man umfasst den Unterschenkel mit einer Hand, in der anderen hält man eine kurze Hacke. Mit ihr kratzt man festsitzende Erde und Steine aus den Hufschalen… was körperlich überraschend anstrengend sein kann. Ich jedenfalls kam ganz schön ins Schwitzen.

Weil es nun nicht mehr regnet, entschloss ich mich gestern, das Donkey History Museum in Mesquite, Nevada, zu besuchen. Ich wollte ursprüngliche Landschaft sehen und bin deshalb, statt die Interstate-Autobahn zu nehmen, über Landstraßen gefahren. Die ersten 40 Kilometer ab New Harmony waren nicht asphaltiert. Wegen des kürzlichen Dauerregens waren einige Stellen auch noch immer tiefer Matsch, in die Lastwagen oder andere größere Fahrzeuge breite Rillen gegraben hatten. Ich mit meinem kleinen SUV hatte Mühe, ein Schleudern zu verhindern – und das auf relativ schmaler sandiger Fahrbahn, of auf beiden Seiten von einem Abhang oder einen Berghang flankiert. Erst als ich asphaltierte Straße erreiche, wird das Lenken leichter, zugleich aber langweiliger. Die Aussicht ist noch ebenso atemberaubend, nun aber weiter und flacher, gelegentlich immer noch mit den für diese Gegend typischen roten Bergen durchsetzt.

Witzig: Auf dem Weg fahre ich durch drei US-Staaten binnen einer halben Stunde: von Utah in einen Südzipfel von Arizona und von dort in den Westen von Nevada. Jedes Mal begrüßt mich aus dem Smartphone eine charmante weibliche Stimme: „Willkommen in Arizona!“ „Willkommen in Nevada!“

Dann komme ich endlich in dem Donkey History Museum, dem Eselmuseum, an. Ich habe mich hier mit Michelle Butz aus St. George, Utah, verabredet. Wir sind beide Mitglieder der Friedensorganisation Servas und sind uns im letzten Jahr einmal kurz in Salt Lake City begegnet.

Michelle Butz (r.) und ich im Eselmuseum ©Barbara

Wie bereits erwähnt, bin ich auf den bzw. die Esel gekommen, als ich von den Roundups, also dem Zusammentreiben von wilden Pferden und Eseln im Westen der USA las. Der endgültige Funke waren dann die Facebook-Posts des Musikers Will Stenberg über seinen geliebten Esel Gage (s. meine Geschichte unten). Als ich im Oktober in Oregon war, habe ich das dortige Esel-Schutzprojekt, Oregon Donkey Sanctuary besucht, wo Gage die letzten Jahre verbrachte. Bei meinen weiteren Recherchen habe ich mit Mark Meyers gesprochen, dem Gründer und Leiter des Peaceful Valley Donkey Rescue, des mit 4000 Wildeseln größten Schutzprojekts in den USA. Er hat auch zusammen mit seiner Frau Amy das Esel-Museum in Mesquite auf die Beine gestellt. Meyers ist Autor, Fotograf und Videograf. Er hat mehrere Bücher über Wildesel geschrieben. Von ihm stammen auch etliche Fotos im Museum und die Videos, die in Dauerschlaufe laufen. Man kann sie ebenfalls auf der Webseite des Peaceful Valley Eselprojekts bzw. auf YouTube ansehen. Nach seiner ersten Dokumentation „The Plight of the American Donkey“ (Die Not der amerikanischen Esel) wandte er sich den „Donkeys in the Carribean“ (Esel in der Karibik) zu und drehte dann „Without a Voice“ (Ohne Stimme) über das Massentöten von Wildeseln in Australien.

Esel-Museum Kriegsgallerie ©Rebecca Hillauer

Was soll ich nun noch schreiben, ohne allzu viel zu verraten, denn der Deutschlandfunk hat mich mit einer Reisegeschichte über Wildesel beauftragt, also werdet ihr auf meinen Webseiten noch einiges über diese Tiere lesen und hören. So viel nur: Als es noch keine vierrädrigen Jeeps gab, setzten die verschiedensten Armeen Esel als Lasttiere ein. Esel schleppten auch das Hab und Gut von Menschen, als diese den Westen der USA besiedelten. In vielen, vor allem ärmeren Ländern, aber auch in Griechenland werden Esel auch heutzutage noch als Lasttiere eingesetzt. Ursprünglich Wüstentiere, können sie mehrere Tage ohne Wasser überleben, sind robuster als Pferde und weniger scheu.

In der „Kriegsgallerie“ des Eselmuseums hängen Dutzende von historischen schwarz-weiß Fotos aus dem 19. und 20. Jahrhundert an der Wand, die Esel in den verschiedensten Kriegen zeigen. Am berührendsten finde ich ein Foto, auf dem ein französischer Soldat während des Algerienkriegs in den 1950er Jahren auf seinem Rücken ein Eselbaby in Sicherheit trägt. Auf einem anderen Foto aus dem Zweiten Weltkrieg trägt ein Esel eine Gasmaske, Soldatenstiefel und Feldflaschen.

Mindestens genauso faszinierend wie die Fotos selbst finde ich, dass ich auf allen lese: Norbert-Schiller-Kollektion. Der Name klingt ziemlich deutsch. Richtig. Oder vielmehr österreicherisch: Norbert Schiller, heißt es auf seiner Online-Plattform Photorientalist, ist ein in Amerika geborener österreichischer Fotograf, der als Nachrichten- und Pressefotograf im Nahen Osten und in Afrika für internationale Nachrichtenagenturen, die New York Times, Getty Images und den Spiegel arbeitete. Er berichtete u.a. über die Irakkriege, den Nahostkonflikt, salafistische Aufstände und Hungersnöte am Horn von Afrika. Zudem hat er Bücher über die Region veröffentlicht. Die Plattform „Photorientalist“ präsentiert seine persönliche Sammlung historischer Fotoabzüge und Negative aus dem Nahen Osten und Nordafrika, die er über drei Jahrzehnte durch Reisen und Ankäufe auf Flohmärkten, Basaren und bei Händlern zusammengetragen hat. Wow! Und Norbert Schiller, Jahrgang 1958, lebt sogar noch.

Ich fühle mich energetisiert von den Eindrücken dieses Tages und lenke das Auto auf der Rückfahrt ziemlich beschwingt. Dieses Mal fahre ich über die Autobahn, die Interstate I-15, was mir eine ganze Stunde Fahrt spart. Genug für diesen Tag. Außerdem: „Zuhause“ in New Harmony warten zwar keine Esel auf mich, aber zwei knuffige Hunde sowie ein vermutlich hungriges Pferd und ein Pony.

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