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Der Feuerstier von Medinaceli

Im spanischen Medicaceli soll am 15. November wieder das archische Ritual des „Feuerstiers“ stattfinden.

Spanien pflegt noch immer grausame Stier-Rituale

Feuerstier ©Aitor Garmendia Anima Naturalis / CAS

15. November 2025: An diesem Samstagabend soll in dem spanischen Städtchen Medinaceli wieder ein Stier „in Flammen aufgehen“. Der „Toro Embolado“ gilt in vielen Regionen als kulturelle Tradition, Kritikern ist er eine unsägliche Tierquälerei.

Toro Júbilo (Bullenjubel) heißt das Spektakel, das an diesem späten Samstagabend wieder in dem Ort Medinaceli in Spanien stattfinden soll. Die knapp 700 Einwohner nennen das jährliche Stierritual im November eine „Fiesta“, Tierschützer fordern seit Jahren ein Verbot. Dennoch halten auch andere Orte und Regionen an der Tradition fest, die dort meist Toro Embolado („Flammenstier“) genannt wird.

Obwohl die Regeln je nach Ort leicht variieren, folge das Spektakel stets einem ähnlichen Muster, schreibt die Tierschutzorganisation Anima Naturalis Spanien auf ihrer Webseite: Nachts oder in der Dämmerung werd der Stier, vor Angst keuchend, durch einen dunklen, engen Gang in die Arena geführt. Ein Dutzend Männer zieht ihn an einem Seil, das an seinem Genick oder seinen Hörnern befestigt ist, und schleift ihn zu einem Holzpfosten in der Mitte des Platzes. Dort wird dem Stier ein dickes Seil um seine Hörner gewunden und solange daran gezogen, bis das Tier mit dem Kopf am Pfosten fixiert werden kann.

Als Nächstes kommt das Team der Emboladores. Sie schrauben oder klemmen zwei Metallstangen wie doppelte Zangen an den Hornansatz. An ihren Enden stecken zwei Woll- oder Hanfknäuel, die die Männer mit brennbarer Flüssigkeit oder Harz tränken. Währenddessen brüllt der Stier und schrammt den Pfosten, versucht sich zu befreien, die Augen weit aufgerissen, Schaum tropft ihm aus dem Maul. Dann, auf ein Signal hin, werden die Hanfknäuel mit Fackeln entzündet. Augenblicklich sieht der Stier Flammen auf seinen eigenen Hörnern. Das Seil wird wieder gelöst, und das Tier ist frei – aber nun mit zwei lodernden Flammen auf dem Kopf.

Der Stier rennt in Panik auf dem Platz herum, rammt Seitenwände und Tore, um die Flammenballen abzuwerfen. „Tapfere“ junge Männer reizen ihn derweil wie bei einem Stierkampf, vor den Augen einer Menschenmenge, die um den Platz herum steht und die Männer anfeuert. In den Videos von Tierschützern sieht man genau: Der Stier atmet schwer, die Nüstern blähen sich, seine Augen und sein Maul sind weit aufgerissen und er ringt nach Luft. Zwar hat man das Tier vorher mit Schlamm eingerieben, der das Feuer abhalten soll, doch die chemischen Rückstände des Treibstoffs und die Hitze verbrennen ihm Augen und Schnauze; er brüllt vor Schmerzen und Verzweiflung. Nun werden noch knatternde Feuerwerkskörper auf den Platz geworfen, die um den Stier herum explodieren und ihn völlig verwirren. Nach vielen vergeblichen Versuchen, die Glut abzuschütteln, schwinden schließlich seine Kräfte. Er verharrt keuchend, die Fackeln auf seinen Hörner noch immer brennend. Wenn er Glück hat, ist das Brennmaterial aufgebraucht, und die Flammen erlöschen. Das Publikum applaudiert.

Medinaceli in der autonomen Gemeinschaft Kastilien und Léon, knappe zwei Autostunden nordöstlich von Madrid, ist also kein Einzelfall. Hier findet jedoch eine einzigartige Version des „Feuerstiers“ statt. Und hier sind die Flammen besonders groß. Zudem müsse der Stier hier laut offizieller Richtlinie innerhalb von 48 Stunden nach der Veranstaltung geschlachtet werden, erzählt Maite van Gerwen. Sie ist die Direktorin des Internationalen Komitees gegen Stierkampf mit Sitz in den Niederlanden, kurz CAS International. CAS arbeitet eng mit Anima Naturalis zusammen, beide Organisationen filmen jedes Jahr den „Feuerstier“ in Medinaceli. Im Jahr 2022 sei der Stier nach 48 Minuten vor Erschöpfung zusammen gebrochen. „Wir wurden Zeugen des Leidens des Stiers auf der Plaza Mayor von Medinaceli, von dem Moment an, als er mit blutigem Maul aus der Gasse kam, bis er vor Erschöpfung im Sand zusammenbrach. Am Ende musste er mit Seilen weggeschleift werden“, schreibt CAS auf Facebook.

Anthropologischen Forschungen zufolge hätten diese Stierrituale ihre Wurzeln in alten bäuerlichen Zeremonien, schreibt Anima Naturalis Spanien auf ihrer Webseite. Der Stier mit dem Feuer erinnere an prähistorische Sonnen- und Fruchtbarkeitsriten, bei denen Bündel aus Glut zur Feier der Ernte getragen wurden. Historiker führen Berichte wie den von Hannibal an, der in der Schlacht von Helike (3. Jahrhundert v. Chr.) Stiere mit brennenden Fackeln an den Hörnern einsetzte. Heute wird das Stierritual hauptsächlich in der spanischen Levante praktiziert: Fast die gesamte Provinz Castellón (Valencia) schließt es in die Feierlichkeiten für ihre Schutzpatronen ein, ebenso Städte in Alicante, in Aragón (z. B. Cariñena in Saragossa) und im südlichen Katalonien (Tierras del Ebro, Tarragona).

Nach Schätzungen der Tierschützer werden jedes Jahr rund 2.500 Stiere im Namen der spanischen Tradition zu lebenden Fackeln. Daneben gibt es unzählige andere Arten der Stierrituale. 18.000 solcher „Fiestas“ sollen laut Anima Naturalis Spanien im ganzen Land stattfinden – mit finanzieller Unterstützung von Rathäusern, Gemeinderäten und Regionalregierungen. Die Organisation hat nach eigenen Worten recherchiert und listet auf ihrer Webseite akribisch auf, wieviel Geld die Gemeinden im Jahr 2019 in die archaischen Stierrituale investiert haben. Sie kommt auf die stolze Summe von mehr als 42 Millionen Euro. Darüber hinaus erhalten die Züchter der Stiere und auch der Kühe bei einigen Stierkämpfen EU-Agrarsubventionen aus der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP). „Und jeder EU-Bürger trägt dazu bei!“, schreibt CAS International in einem Facebook-Beitrag. Dies schließt Bürger außerhalb Spaniens ein. Die Organisation schätzt, dass jährlich 200 Millionen Euro an Züchter von Stieren fließen, die für Stierkämpfe oder Rituale wie den Feuerstier eingesetzt werden.“ Die Organisation will deshalb mit einer Petition Druck auf Politiker machen.

Das Spektakel in Medinaceli fand im Jahr 2023 zum letzten Mal statt. 2024 fiel es aus, denn die Tierschutzpartei Spaniens, PACMA, hatte Klage wegen Verstoßes gegen die Regularien eingereicht. Ein Richter gab ihr recht. Doch der Oberste Gerichtshofs von Kastilien und Léon hob das Urteil auf und machte damit den Weg frei für den Toro Júbilo an diesen 15. November. PACMA hat dagegen wieder Beschwerde eingelegt und hofft auf eine positive Entscheidung in letzter Sekunde.

Falls nicht, findet das Schauspiel statt. Um 23 Uhr wird der Stier dann in die Arena gezogen, die Fackeln angezündet – und das Tier bis zur Erschöpfung gehetzt.

PS: Um 18 Uhr, werden die Tierschützer auf der Plaza de Mayor, dem Marktplatz von Medinaceli, protestieren. Wie jedes Mal – seit Jahren.

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