10. November: Anklageerhebung wegen Tierquälerei in Wyoming

Im US-Staat Wyoming sind Wölfe und andere Raubtiere vom Tierschutz ausgenommen. Viele machen sich sogar einen Sport daraus, sie zu töten. Dennoch muss sich nun ein Mann wegen schwerer Tierquälerei vor Gericht verantworten.
Was am 29. Februar 2024 in Daniel, einem Flecken von 108 Einwohnern in West-Wyoming, geschah, sorgte für einen weltweiten Aufschrei. Der 42-jährige Cody Roberts fährt mit seinem Snowmobile einen jungen Wolf an – ein in Wyoming legaler „Sport“, der „Whacking“ (Wolfsquälerei) genannt wird. Nachdem Robertsdas Tier schwer verletzt hatte, klebt er ihm Berichten zufolge das Maul mit Klebeband zu, legt ihm ein Elektroschockhalsband an und transportiert es zur Green River Bar. Dort führte er den leidenden Wolf stundenlang den Gästen vor, die Fotos und Videos machten.
Raubtiere sind in Wyoming vom Tierschutzgesetz ausgenommen. Dazu zählen: Kojote, Hase, Stachelschwein, Waschbär, Rotfuchs, Stinktier, streunende Katzen und in bestimmten Gebieten auch der Grauwolf. Die Naturschutzbehörde von Wyoming (Wyoming Game and Fish) verurteilte Roberts im März 2024 wegen illegalen Besitzes eines Wildtieres – eine Ordnungswidrigkeit – zu einer Geldstrafe von 250 US-Dollar.
Ein Augenzeuge ging später zur Polizei und meldete, was er beobachtet hatte. „Cody Roberts betrat die Green River Bar und scherzte, er habe einen verlorenen Hütehund gefunden. Augenblicke später tauchte er mit einem angeleinten Wolf wieder auf, dem er einen Maulkorb umgebunden hatte“. Dem Online-Nachrichtenmagzin WyoFile überließ der Augenzeuge ein kurzes Video, das er in der Bar aufgenommen hatte. Dies allerdings nur nach Zusage absoluter Anonymität, aus Sicherheitsgründen, also aus Angst vor Roberts. „Er erzählt überall in der Stadt, es habe sich gelohnt“, sagt der Augenzeuge. „250 Dollar? So viel kostet eine Runde in der Kneipe.“ Im Video hört man einen anderen Anwesenden über den Wolf sagen „Armer Kerl“, doch geholfen hat dem armen Tier niemand.
Nach etlichen Stunden, in denen das verängstigte und von Schmerzen gepeinigte Tier, abwechselnd, an einen Kleiderständer gebunden, in einer Ecke liegt oder den anderen Gästen in der Bar vorgeführt wird, nimmt Roberts schließlich den jungen Wolf nach draußen – und erschießt ihn.
Nach einem Monat gehen die Bilder der Green River Bar und die Info über die von vielen als zu milde empfundene Geldstrafe viral. Unter dem Hashtag #boycottwyoming bekommt das staatliche Touristenbüro „Travel Wyoming“ hunderte E-Mails von empörten Menschen aus allen Teilen des Landes, die mitteilen, dass sie ihre geplante Reise nach Wyoming streichen und den US-Staat boykottieren würden. Der getötete Wolf wird von Tierschützern „Hope“ getauft. Sogar in Australien berichten Medien über sein Schicksal.
Zunächst beteuern die für das Wildtiermanagement zuständigen staatlichen Behörden, dass diese Untat nicht typisch für Wyoming sei. „Da sie die weltweite Empörung und den öffentlichen Aufschrei in den USA nicht besänftigen konnten, gaben sie schließlich zu, dass das Überfahren von Raubtieren mit Schneemobilen in Wyoming ein lukrativer Sport ist und seit über 50 Jahren praktiziert wird“, schreibt das Natur- und Wildtierschutzprojekt Wyoming Untrapped (übersetzt etwa „Befreites Wyoming“) in seinem Blog. Sprecher der Agrarindustrie hätten sogar eingeräumt, dass das Töten von Kojoten, das „yote mashing“, als Mittel zur Artenkontrolle eingesetzt werde. „Dieser ‚Sport‘ zieht, ebenso wie Wettbewerbe im Töten von Wildtieren, Söldner aus anderen Bundesstaaten sowie Enthusiasten aus Wyoming an. Es ist ein lukratives Geschäft“.
Zwei Gesetzesentwürfe werden im Parlament eingebracht. Der eine, HB275, will die Folter und Misshandlung von Raubtieren bei der Jagd oder Verfolgung durch Fahrzeuge verbieten. Zudem sollen auch Wildtiere unter die Tierschutzgesetze fallen. Zu den Argumenten, die in den Ausschusssitzungen zur Illustration vorgebracht wurden, gehört unter anderem, dass die Jagd von Wildtieren mit einer 300 Kilogramm schweren Maschine, bis das Tier erschöpft ist, dann das wiederholte Überfahren und Zerquetschen, wodurch es quasi zum „Besitz“ wird, Tierquälerei darstelle.
Das Gesetz mit dem Titel „Treatment of Animals“ (Behandlung von Tieren) wird tatsächlich im April 2025 verabschiedet. Es erlaubt allerdings weiterhin die Verfolgung und Tötung von Raubtieren mit einem Fahrzeug, sofern „angemessene Anstrengungen unternommen werden, das verletzte oder kampfunfähige Tier unverzüglich zu töten“. Verstöße werden mit Geldstrafen, Führerscheinentzug und der Einziehung von Ausrüstung geahndet.
Wäre dieses Gesetz bereits in Kraft gewesen, als Roberts die Bar betrat, hätte er mit einer Geldstrafe von bis zu 5.000 US-Dollar belegt werden und möglicherweise seinen Jagdschein verlieren können. Es trat aber am 1. Juli in Kraft, daher findet es auf Roberts Fall keine Anwendung. Das Gesetz bezieht sich zudem nur auf öffentliches Land, auf privatem Land können „Sportler“, Jäger und Farmer weiterhin tun und lassen, was sie als Maßnahme zur Raubtierkontrolle für sinnvoll betrachten.
Ein zweiter Gesetzesentwurf, HB331, sah vor, das Töten von Wildtieren, einschließlich der Raubtiere mit Fahrzeugen zumindest auf öffentlichem Land gänzlich zu verbieten. Der Entwurf fällt durch.

Dann kommt heraus, Cody Roberts hätte zu wesentlich mehr als 250 Dollar Strafe verurteilt werden können. „Als bekannt wurde, dass Herr Roberts als Auftragnehmer für die Naturschutzbehörde tätig war, wurde die Angelegenheit noch beunruhigender. Bis heute haben das Sheriffbüro von Sublette County (einem dünn besiedelten ländlichen Bezirk mit 8.728 Einwohnern) und die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen nicht abgeschlossen. Es ist zu erwarten, dass der Fall in dieser abgeschiedenen Gegend, in der jeder jeden kennt, auf unbestimmte Zeit ungelöst bleiben wird“.
Doch es soll anders kommen. Neunzehn Monate nach dem verhängnisvollen Abend in der Green River Bar entscheidet im August 2025 eine Grand Jury aus 12 Bürgern, dass Roberts wegen schwerer Tierquälerei angeklagt werden soll. Ein Meilenstein für den Wilttierschutz, sagen Aktivisten. Die Anklage sieht eine mögliche Strafe von bis zu zwei Jahren Gefängnis und eine Geldstrafe von 5.000 US-Dollar vor. Die Anklage bezieht sich auf die Behandlung des Wolfes zu Lebzeiten, nicht auf die Tötung selbst, die nach dem Recht von Wyoming weiterhin legal ist. Der Rechtsrahmen, der Roberts Handeln ermöglichte, bleibt also weitgehend unverändert.
Die Anklageerhebung findet an diesem Montag, 10. Februar, um 13:30 Uhr USA Mountain Time vor dem Dritten Bezirksgericht von Sweetwater County statt (ist von Sublette County hierhin verlegt worden). Wer nicht hinreisen kann, kann online dabei sein. Weder die Richter, noch die Anwälte oder Cody Roberts werden persönlich anwesend sein.
Digitale Prozessbeobachtung:
- Teams-Audio-/Videokonferenz: Anmeldefrist 5. November ist abgelaufen. Ansprechpartnerin: Hollie Bramwell (hbramwell@courts.state.wy.us)
- Audiostream: Via der offiziellen Live-Stream-Seite des Gerichts unter www.wyocourts.gov → Gerichte → Bezirksgerichte → Live-Gerichtssaal-Stream → Sweetwater County → Gerichtssaal 2
