Die Geschichte von Gage und wie er ein Zuhause fand. Gastbeitrag

In den USA werden wilde Pferde und Esel mittels Hubschraubern zusammengetrieben. Manche Tiere verletzen sich dabei oder sterben. Glücklichere landen in einem privaten Tiergehege. Dort entdeckt der Musiker Will Stenberg den Wildesel Gage.
Kaum hatte ich von den "Roundups" in den USA, dem Zusammentreiben von Wildpferden und Wildeseln auf Anordnung der Landmanagement-Behörde, gelesen und angefangen zu recherchieren, als der Zufall, den es im Leben ja nicht gibt, mich zu einer berührenden Geschichte von Freundschaft und Verlust führte. Auf Facebook stach mir ein Post des Musikers Will Stenberg aus Portland, Oregon, ins Auge. Darin trauert er um den Wildesel Gage, den er vor drei Jahren im Oregon Donkey Sanctuary, einem privaten Esel-Tiergehege in Oregon City, gesehen und sofort ins Herz geschlossen hatte.
Ich habe eine Auswahl seiner Posts, die er mir freundlicher Weise zur Verfügung gestellt hat, ins Deutsche übersetzt.
Eine traurige und doch wunderschöne Liebesgeschichte zum Sonntag.
Wie alles begann.

Dreimal versuchte die Landmanagementbehörde, dich zu versteigern – und niemand wollte auch nur ein paar Cents geben. Ein kleiner Esel mit abgenutzten Ohren von Kämpfen mit deinen Rivalen und einem gebrochenen Bein, wahrscheinlich passiert während des Terrors des Zusammentreibens.
Eine Rettungsaktion brachte dich nach Washington, wo dich das Tierheim hier fand und dir ein dauerhaftes Zuhause gab. Dort habe ich dich kennengelernt, als ich eines Tages zu Besuch kam und dich hinter deinem Tor sah: jedem gegenüber misstrauisch, voller Wachsamkeit, übersät mit Brandmalen und Kampfnarben, hinkend und allem gegenüber unsicher.
Ich habe mich an diesem Tag in dich verliebt und bin Mitarbeiter beim Tierheim geworden, um dir nahe zu sein. Und im Laufe der Jahre, als ich mit dir in deiner Scheune saß, versuchte, Ruhe auszustrahlen, Gitarre für dich spielte, als ich deine Liebe zur Musik entdeckte, und schließlich mit dir im Sand und den Spänen kuschelte, erfuhr ich dein Geheimnis.
Du warst niemandes Diener. Niemandes Haustier.

Erinnerungen


Es schneite, und die meisten anderen Esel blieben im Stall. Nicht der „behinderte“ Gage. Er beschloss, spazieren zu gehen.“

Ich liebe dieses Bild. Die männlichen und weiblichen Esel werden größtenteils getrennt gehalten, weil die Jungen so ruppig sein können. Gage war eine bemerkenswerte Ausnahme. An diesem und anderen Tagen fand ich fast die gesamte Herde der Eselinnen mit ihm in seiner kleinen Scheune dicht aneinander gedrängt.

Alle im Oregon Donkey Sanctuary liebten Gage, und ich hatte tatsächlich eine besondere Beziehung zu ihm. Er war – und ist – mein Bruder, Lehrer und Freund. Aber es gab eine kleine Kerngruppe von Menschen, die ihm dabei halfen, Vertrauen zu lernen – und ich war einer von ihnen. Diane war eine andere. Sie erzählt, dass sie jedes Mal, wenn sie zum Tierheim kam, aus ihrem Auto stieg und von der anderen Seite der Koppel rief: „Hallo, Hübscher!“ Er spitzte die Ohren, weil er genau wusste, wer mit „Hübscher“ gemeint war.
Wie ich erkannte auch sie seine Liebe zur Musik und sang für ihn. Ich habe den Eindruck, sie war eine mütterliche Figur in seinem Leben. Und er war einmal jemandes Baby: ein wildes, freies Fohlen, das mit vier gesunden Beinen durch die Wüste Utahs tollte, jahrelang mit seiner Mutter, wie es Eselbabys nun einmal tun, bevor er beim Zusammentreiben gefangen und von allem, was er kannte, getrennt wurde. Ich glaube, mit Diane konnte er wieder dieses Baby sein. Das war ein entscheidender Teil seiner Heilung.



Mein großer Lehrer, Bruder und Freund Gage wird heute gegen 15:30 Uhr Ortszeit von uns gehen. Ich bitte alle, die dazu bereit sind, um Gebete für einen schmerzlosen, friedlichen Abschied, der seiner großen Würde entspricht. Bitte betet auch für mich. Danke.

Sie begraben seinen Körper heute neben der Sandgrube, zu der er jeden Tag ging, zusammen mit meinem Hemd, einigen meiner Gitarrensaiten und seinen rosa Lieblingsdecken. Eine Frau, die im Tierheim Körpertherapie für die Esel macht, sagt, sie sei eine Tierpsychologin. Ich weiß nicht, ob ich das glauben soll, aber ich bin offen dafür. Sie sagt, er hatte überhaupt keine Angst und hat nicht vor, das Tierheim zu verlassen. Das war der einzige Ort, an dem er sich jemals zu Hause gefühlt hat.
Epilogue

Ich war gestern gegen Mitternacht bei dir in deiner Scheune, als du dich endlich in meine Arme gelegt hast, um zu ruhen, und ich war heute bei dir, als du friedlich von mir gegangen bist. Meine Hände lagen auf dir, meine Tränen flossen über dich, und ich versuchte ein letztes Mal, dein Lieblingslied zu singen. Ich schwor dir, dass ich da sein würde, wenn der Moment gekommen ist. Ich habe dir die Treue gehalten, glaube ich.
Und ich möchte dich bitten, wenn du kannst, mir die Treue zu halten. Mich weiterhin zu unterrichten. Manchmal mit mir zu sitzen. Wenn du kannst. Ich würde es dir niemals befehlen. Niemand könnte das.
Der Gründer des Tierheims berichtet: „Die Beerdigung verlief reibungslos. Er wurde behutsam in sein Hemd gehüllt und mit Gitarrensaiten im Ärmel und Pfefferminz in den Taschen bestattet. Ich muss euch sagen, dass ich völlig außer mir war, als ich ihn vorbereitete und frei legte. Davor fürchte ich mich, weil es normalerweise kein besonders schöner Anblick ist. Aber als ich seine Decken entfernte, war ich schockiert! Vor mir lag ein wunderschöner Esel mit einem lächelnden Gesichtsausdruck. Er sah wirklich aus, als wäre er zwei Jahre alt. Unglaublich ruhig und wunderschön! Ein Gefühl von Frieden und Dankbarkeit überkam mich, wie ich es noch nie erlebt hatte.“


„Mein süßer Kumpel. Ich kehre am Montag nach zwei Wochen Trauerpause ins Tierheim zurück. Ich hoffe, ihn dort zu finden.“


