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Ein Leben für die Sache

Zum 80. Geburtstag der Grünen-Mitbegründerin Eva Quistorp

Die Grünen-Mitbegründerin Eva Quistorp wird 80.

Im Jahr 1979 gründete sie mit Petra Kelly Die Grünen, in den 80ern organisierte sie die großen Friedensmärsche im Bonner Hofgarten. Zudem kämpft sie für Frauenrechte. Heute wird Eva Quistorp 80 Jahre alt.

Eva Quistorp ©privat

Vor 400 Jahren hätte man sie vielleicht als Hexe verbrannt. Nicht nur wegen ihrer roten Löwenmähne, sondern vor allem wegen ihrer Streitbarkeit, Sturheit bis Penetranz, wenn es darum geht, ihre eigene Meinung zu vertreten. Auch wegen dieser für ihr Gegenüber durchaus anstrengende Eigenschaft habe ich über viele Jahre hinweg Eva Quistorp als Interviewpartnerin für eigene Radiobeiträge schätzen gelernt.

Eva-Maria Quistorp wird am 27. August 1945 in Detmold geboren. Die Familie ist seit dem 17. Jahrhundert von Theologen geprägt und Evas Vater Pfarrer der Bekennenden Kirche. Die Tochter studiert ab 1965 an der Freien Universität Berlin Germanistik, Politologie und – fast möchte man sagen, „natürlich“ – Evangelische Theologie unter anderem bei Helmut Gollwitzer. Danach wird sie zunächst Gymnasiallehrerin, wechselt dann aber in den Bundesvorsitz von Bündnis 90/Die Grünen und sitzt für sie von 1989 bis 1994 im Europaparlament.

Eva Quistorp ist mit dabei, als Studenten am 2. Juni 1967 vor der Deutschen Oper in Berlin gegen den Besuch des Schah von Persien protestieren und der Student Benno Ohnesorg dabei von einem Polizisten rücklings in den Kopf geschossen wird und stirbt. Auf einem darauf folgenden „Erschütterungs-Teach-In“ im vollbesetzten Audimax der Freien Universität tritt Eva Quistorp an die „Kanzel“. So habe sie Eva kennen gelernt, erinnert sich Uraltfreundin Annette Eckert, „wie sie wirklich mutterseelenallein beherzt auf dem Podium stand und mit hoher zarter und doch bestimmter Stimme begann… zu singen“. Eva Quistorp ist mit dem Wortführer der Demonstrierenden, Rudi Dutschke befreundet. Seit den 1970er Jahren kämpft sie für Frauenrechte und ist bei der Vorbereitung von Weltfrauenkonferenzen eingebunden. 1983 spricht sie in Washington auf der 20jährigen Gedenkveranstaltung zu Martin Luther Kings legendärem „Marsch auf Washington“ und lernt unter anderem dessen Frau Cora, Stevie Wonder und Angela Davis kennen. Die vielen berühmten Namen, die aus Quistorps Mund sprudeln, wenn man mit ihr spricht, fühlen sich weniger an wie ein „Name Dropping“ als vielmehr wie ein notwendiges Aufzählen von Persönlichkeiten, die sie im Lauf ihres langen politischen Engagements eben getroffen hat.

In dem Buch „Weltoffenes Deutschland? – Zehn Thesen, die unser Land verändern“ (Herder, 2018) kritisiert Eva Quistorp als Koautorin neben den ehemaligen DDR-Bürgerrechtlern Richard Schröder und Gunter Weißgerber die Zuwanderungspolitik der Bundesregierungen. Die Autoren fordern als zentrale Notwendigkeit, zwischen Asylsuchenden und Wirtschaftsmigranten klar zu unterscheiden, um die Anreize für unkontrollierte Migration abzubauen. Mit dieser Position stellt Eva Quistorp sich gegen die Parteilinie von Die Grünen. Sie lehnt zudem das islamische Kopftuch ab wie auch das Selbstbestimmungsrecht (Self-ID), das es seit November 2024 erlaubt, einmal pro Jahr durch offiziellen Eintrag das eigene Geschlecht ändern zu lassen. Trotz ihrer konträren Ansichten ist Eva Quistorp Mitglied bei Die Grünen geblieben.

Mich persönlich beeindruckt an der politischen Aktivistin insbesondere ihr unermüdlicher Kampfgeist, trotz aller Rückschläge – und ihr Humor. Zwar ist er oft mit Sarkasmus unterlegt. Aber immer mit einem Augenzwinkern. Nie hat sie verwunden, wie ihrer Ansicht nach vor allem männliche Grüne sie parteiintern rücksichtslos ausmanövrierten. Andererseits ist Eva Quistorp realistisch und ehrlich genug um anzuerkennen, dass teils sie selbst – typisch Frau, könnte man sagen – der „höheren Sache“ wegen Parteikollegen und auch Parteikolleginnen den Vortritt ließ. Die ließen sich diese Chance nicht entgehen – und sind nun diejenigen, die üppige Pensionen einstreichen. Neben ihrem Galgenhumor schwingt deshalb auch oft eine gewisse berechtigte Portion Verbitterung mit, wenn Eva Quistorp über ihr Leben spricht.

Für mich tat sie dies zuletzt in meinem Hörfunkfeature vom Juni 2025 über eine spezielle feministische Methode des friedlichen Widerstands: „Sexstreik als Protest„. Im Jahr 2022 fragte ich die Friedensaktivistin, die in den 80er Jahren „Raus aus der Nato“ sowie ein Nein zur Stationierung von amerikanischen Pershing-Raketen in Deutschland forderte und inzwischen Waffenlieferungen an die Ukraine unterstützt: „War alles umsonst?“ Waren all die Friedensinitiativen, einschließlich ihrer eigenen vergeblich?

Eva Quistorp (rechts) mit Petra Kelly und Gerd Bastian (v.l.) © privat

Dann war da noch der Aufruf „Berlin muss die iranische Opposition unterstützen“ (2020). Bis hin zum „Beginn der neuen Frauenbewegung“ (2018) über die oft unterschätzte Rolle von Frauen in der Außerparlamentarischen Opposition (APO) der 68er Studentenrevolte in Deutschland. Und, last but not least, Quistorps berührender Nachruf auf ihre politische Weggefährtin Petra Kelly, mit der sie, zusammen mit Roland Vogt und dem Aktionskünstler Joseph Beuys einst Die Grünen gründete.

Zu ihrem 80. Geburtstag gratuliert ihr auch die Heinrich-Boell-Stiftung mit einem Fundstück aus dem Archiv Grünes Gedächtnis – einem Interview aus dem Jahr 2010 mit dem Titel „Die Seele der Grünen“.

Liebe Eva, ich wünsche dir von ganzem Herzen Alles Gute zu deinem Geburtstag!
Weiter viel Kraft, Mut und Zuversicht für deine politischen Aktivitäten.

PS: Als Reaktion auf mein Porträt emailte Eva Quistorp:

Ich finde deinen ersten Satz furchtbar passend. Ich wurde als Kind ja tatsächlich als Hexe schief angeguckt. Und ich wäre wohl nur so klug, wegen der langen Haare… (…) Daher machte ich dann in West-Berlin meine Examensprüfung als Lehrerin über das Thema HExen. Wo dann die Schülerinnen fragten: „Frau Quistorp, warum haben sich denn die HExen nicht organisiert?“ Das ist mir, wie ihr gemerkt habt, bis heute hängen geblieben: Ich liebe es, potentielle Hexen zu organisieren.

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