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Unterwegs: Tierheim und Gassi gehen in Prince George

In Prince George, Britisch-Kolumbien, führe ich ehrenamtlich Hunde Gassi.

Auch auf Reisen zählen die kleinen Dinge oft mehr als die Großen.

Diese Woche bin ich mit Ramses spazieren gegangen. Nicht etwa mit dem ägyptischen König Ramses II, auch Ramses der Große genannt. Nein, mein Begleiter war ein wunderhübscher Mischlingsrüde. Zum Sonntag: eine Geschichte mit Hund.

Ramses alias „Awoo“ ©Rebecca Hillauer

Die Humane Society (Humane Gesellschaft) in Prince George, Britisch-Kolumbien, unterhält zwei Tierheime in der Stadt. Eines nimmt nur Katzen auf, das andere vor allem Hunde. Es ist eine relativ kleine Einrichtung, zwölf Hunde sind zur Zeit zur Pflege. Vorletzte Woche kam ich hierher mit einer Fitnessgruppe, die statt Yoga zu üben zur Abwechslung Hunde Gassi führen wollte. Wir teilten uns in Paare auf. Mein Begleiter und ich führten gemeinsam Dodi aus, eine acht Monate alte Bernhardiner-Hündin. Eine Mitarbeiterin drückte uns je eine Leine in Hand. Doppelt gemoppelt sei besser, meinte sie, denn Dodi sei friedlich, aber jung und stark. Als ich diese Woche wieder ins Tierheim kam, erfuhr ich, dass Dodi in der Zwischenzeit von jemandem abgeholt – aber dann zurück gebracht worden war. Große und ältere Hunde hätten es schwer, adoptiert zu werden, sagt die Mitarbeiterin. Jetzt sitzt Dodi wieder im Zwinger und bellt aufgeregt, weil sie fälschlicherweise für einen Augenblick glaubt, sie sei jetzt mit Spazierengehen an der Reihe.

Ramses, den mir eine Mitarbeiterin mit dem Ende einer Leine in die Hand drückt, gehört mehr zu den Senioren. Sie sind deshalb Problemfälle in den Tierheimen, weil alle Welpen wollen. Warum nur, frage ich mich? Einen erwachsenen Hund wie Ramses muss ich nicht mehr stubenrein bekommen und Befehle wie „Fuß“ und „Platz“ beibringen. Ich kann sehen, welchen Charakter er hat. Dankbar und treu sind solche Hunde zudem. Freilich ist es schwer, wenn man einem treuen Freund nach ein paar Jahren Lebewohl sagen muss, aber auch junge Hunde können erkranken und sterben. Eine Garantie, dass man einen Hund lange hat, nur weil man ihn als Welpen zu sich nimmt, gibt es nicht. Ramses ist geschätzt mindestens sechs Jahre alt. Mittelgroß, goldfarbenes dickes Fell. Eine Labradormischung? Die Mitarbeiterinnen haben ihm den Spitznamen „Awoo“ gegeben, weil es so klinge, wenn er bellt. Wie Zur Bekräftigung bellt Ramses einige Teenager an, die gerade zur Tür herein kommen. Dann gehen wir los – hinunter zum Fluss. Wir brauchen nicht einmal fünf Minuten bis dorthin.

Ramses und ich laufen durch ein kleines Wäldchen und dann über große Kieselsteine bis ans Ufer des Fraser River. Es fließt noch ein zweiter Fluss durch Prince George, der Nechako River, der schließlich in den Fraser River mündet. Ramses zieht es sofort ins Wasser, nicht zum Schwimmen, sondern um zu trinken. Als ich in einiger Entfernung am Ufer eine andere Spaziergängerin mit Hund erkenne, mache ich auf dem Absatz kehrt. Ramses hat den anderen Hund natürlich auch gesehen und äugt sehnsüchtig in seine Richtung. Aber da ich nicht sicher bin, wie er auf den Hund reagieren würde, oder der auf ihn, bleibe ich bei meiner Kehrtwende. Ramses folgt mir nur widerwillig und dreht sich immer wieder um. Über eine Wiese vor uns watschelt eine ganze Horde schwarzer Enten, für die sich Ramses zum Glück nicht interessiert.

Wir gehen weiter, folgen der Straße hinauf zum Friedhof, auf dem ich in der Woche zuvor bereits mit Bernhardiner-Hündin Dodi war, und der aus der Ferne mehr einem Park gleicht als einem Friedhoch, denn die meisten Grabsteine liegen flach auf dem Boden und fallen daher auf dem ersten Blick kaum ins Auge. Jahre lang sei nur diese Form der versteinerten Erinnerung erlaubt gewesen, erzählt mir später eine Freundin, die in Prince George aufgewachsen ist. Der Grund dafür sei gewesen, dass die älteren Rasenmäher-Modelle nicht um die Ecken der aufrecht stehenden Grabsteine hätten mähen können. Sie konnten allerdings über die in die Erde eingelassenen Grabplatten hinweg fahren. So hätten ihre Eltern es ihr erzählt. Als sie um die Jahre 2010 gestorben seien, durften Grabsteine wieder aufrecht gestellt werden. Auf etlichen entdecke ich Fotos, Abbildungen und Inschriften, die mich zum Lächeln bringen. Ja, sogar Lebensfreude ausstrahlen. Ein unerwartetes Gefühl auf einem Totenfeld. Die Grabsteine für Babys und Kinder, unendlich traurig natürlich. Und doch zeugen gemeißelte und eingravierte Teddybären, Affen und Enten vor allem von der großen Freude, die diese Kinder ihren Eltern brachten. Ein Friedhof voller Leben. So kommt es mir fast vor. Ich kann mich nicht erinnern, in Deutschland je etwas Ähnliches gesehen oder empfunden zu haben.

Auf dem Rückweg zum Tierheim biegen Ramses und ich noch in die Wohnmobil-Siedlung ein. Für alle mit Nordamerika nicht Bewanderten: Bei einem solchen Wohnmobil bzw. „mobile home“ handelt es sich nicht um einen Campingbus, wie viele Leute ihn im Urlaub benutzen, sondern im wahrsten Sinn um ein mobiles Wohnhaus. Außenwände aus Holz. „Sunrise Valley Mobile Home Park“ lese ich auf einem Schild, dazu die Telefonnummer des Verwalters. Das verlassene Häuschen, an das das Schild genagelt ist, war eventuell einmal das Bürogebäude. Die Siedlung ist eine Mischung aus „herunter gekommen“ und „aufgehübscht“. Vor einem solchen Wohnmobil parkt ein Tanklastwagen, der das Abwasser aus der Toilettenkassette heraussaugt – offenbar zur Vorbereitung auf einen neuen Besitzer, denn ein Schild besagt, das Haus sei „For Sale“ (Zu verkaufen“).

Ramses und ich schlendern an zwei Männern vorbei, die gemütlich in Liegestühlen abhängen. Eine typisch süßliche Geruchsschwade wabert herüber. „Vielleicht will der Hund ja auch etwas rauchen“, sagt einer der beiden Männer scherzhaft. Wer weiß. Jedenfalls will Ramses plötzlich keinen Schritt mehr weiter zurück in Richtung Tierheim. Ich versuche zuerst, ihn mit Streicheln zu überzeugen, dann, indem ich an der Leine zerre. Ramses und ich zerren eine Weile hin und her. „Ich muss aufpassen, sonst schlüpft er mit dem Kopf durchs Halsband“, denke ich noch, als es auch schon passiert: Ramses bekommt seinen Kopf frei – und spurtet freudig davon. Ich hinterher. In der Hand das Halsband und die Leine. Auweia, und das bei meinem ersten Soloausflug als Ehrenamtliche. Welche Blamage, falls ich ihn nicht wieder einfangen kann! Doch während ich Ramses hinterher galoppiere, begreife ich: Er läuft nicht weg – er genießt es einfach, frei ohne Leine zu rennen. Ab und zu schaut er sich zu mir um, als er die staubige Straße entlang, auf eine Wiese und dann zu einem Wohnmobil spurtet, den ein kleiner Terrier schrill bellend verteidigt. Fast habe ich Ramses eingeholt. Er läuft noch einmal zehn, zwanzig Meter – um sich dann umzudrehen, mir entgegen zu trotten und sich willig das Halsband wieder anlegen zu lassen. „O Boy!“ Ich lache. „Du wolltest einfach fünf Minuten Freiheit spüren, mein Freund“, sage ich zu ihm und finde ihn einfach umwerfend. Ganz in Ruhe spazieren wir dann zum Tierheim zurück. Der Abschied fällt mir ein bisschen schwer. Ramses drückt sich an mich und schaut mich mit diesen Augen an… „Ach“, sagt die Mitarbeiterin. „Jetzt gibt es gutes Abendessen“, sagt sie dann zu Ramses und führt ihn zurück in den Zwinger.

Ramses alias „Awoo“ ©Rebecca Hillauer

Die Begegnung mit Ramses brachte mir einen der seltenen Momente, in denen ich mir wünsche, an einem Ort Wurzeln zu schlagen. Wie schön wäre es, jede Woche einen Hund auszuführen, vielleicht jedes Mal denselben, ihn vielleicht in Pflege zu nehmen. Und wenn ich mich dann verlieben, und er sich wohl bei mir fühlen würde, könnte ich ihn sogar adoptieren. Würde… könnte… Kann ich leider nicht, solange ich von Ort zu Ort reise. Was ich aber kann, ist, an den Orten meiner temporären Zuhause Hunde wie Ramses Gassi zu führen. Das ist nicht nur ein guter Vorsatz: das ist ein Plan.

Ich poste zwei Fotos von Ramses auf Facebook und rühre die Werbetrommel für ihn. Ich wünsche von ganzem Herzen, dass er bald bekommt, was er verdient: ein liebevolles Zuhause. Ein loving forever home.

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