9. August: Internationaler Tag der indigenen Völker
Das Phänomen der Vermissten und Ermordeten indigenen Personen gibt es nicht nur in den USA, sondern auch in Kanada. In Prince George, Britisch-Kolumbien, hatte ich Gelegenheit, eine Gedenkfeier für eine verschwundene Familie zu besuchen.

Es ist bereits spät, als Ronnie und Doreen Jack am 2. August 1989 die Kneipe in Prince George verlassen. So berichten es Augenzeugen. Das junge Paar ist seit geraumer Zeit auf Arbeitssuche und hat nun scheinbar endlich etwas gefunden in einem Camp ganz in der Nähe. Dort soll es sogar einen Kindergarten geben, Es ist bereits spät, als Ronnie und Doreen Jack am 2. August 1989 die Kneipe in Prince George verlassen. So berichten es Augenzeugen. Das junge Paar ist seit geraumer Zeit auf Arbeitssuche und hat nun scheinbar endlich etwas gefunden in einem Camp ganz in der Nähe. Dort soll es sogar einen Kindergarten geben, erzählen sie Familie und Freunden. Offenbar machen sich die beiden in jener Nacht, nachdem sie die Kneipe verlassen haben, noch auf den Weg zu dem Camp, zusammen mit ihren beiden Söhnen Russell, 9, und Ryan, 4. Seitdem ist die Familie verschwunden – seit 36 langen Jahren.
„Wir wissen, dass das Verschwinden unserer Familie Menschen aus allen Gesellschaftsschichten bewegt hat“, schreibt Bridgitte Catalina in ihrem Facebook Post, mit dem sie zu der Gedenkfeier an diesem 2. August 2025 einlädt. Sie findet nur wenige Straßen von dem Ort entfernt statt, an dem die Familie Jack zuletzt gesehen wurde. Im August 2024, zum 35. Jahrestags ihres Verschwindens, organisierte Bridgitte die Feier zum ersten Mal – und beschloss, dies nun jedes Jahr zu tun. Logistisch hilft die Red Dress Society (Rotes Kleid Verein) von Prince George. Das landesweit aktive Netzwerk hat sich insbesondere der Aufklärung über die vermissten und ermordeten indigenen Frauen und Mädchen verschrieben, die den überwiegenden Teil der Opfer ausmachen.
Auf der Wiese des Strathcona Parks in Prince George ist eine großer Holzstand aufgebaut und daran ein Banner mit einem Foto der vier Verschwunden befestigt. An einem Bügel hängt ein rotes Mädchenkleid. Vor der Bühne sind etliche Reihen Campingstühle aufgestellt, die sich trotz der prallen Nachmittagshitze schnell füllen. Dann geben sich für die nächsten zwei Stunden Rednerinnen und Rednern das Mikrofon in die Hände: Familien- und Clanangehörige, zwei Kriminalbeamte und der Präsident des örtlichen indigenen Redrum Motorrad-Clubs, der sich für die Sache der Vermissten und Ermordeten engagiert. Zwei Musik-Acts lockern dazwischen die Stimmung etwas auf. Im Hintergrund verbrennt Bridgitte Catalina in einem kleinen Gefäß vermutlich Salbei, und verschiedene Besucher wedeln sich mit ihren Händen den Rauch ins Gesichts. Ein Reinigungsritual.



Wie konnte eine ganze Familie spurlos verschwinden? Diese Frage stellen sich auch die zwei Kriminalbeamten, die aus der 800 Kilometer entfernten Metropole Vancouver zur Gedenkfeier nach Prince George gereist sind. Die beiden gehören zu einer Spezialeinheit der Polizei von Britisch-Kolumbien, die sich vor allem mit Morden und Fällen von verschwundenen Indigenen befasst. Laut Kriminalinspektor Craig Mitchell liegen viele davon, wie der Fall der Familie Jack, teils Jahrzehnte zurück1. Zu ihnen gehört auch der Fall des am 31. Mai 2024 im Gefängnis verstorbenen Serienmörders Robert Pickton, der sich laut eines Zellengenossen „rühmte “, 50 Frauen ermordet zu haben. Darunter viele indigene. (Siehe mein Text unten vom Februar 2024.)

Der Fall der Familie Jack aus Prince George ist der einzige Fall in Kanada, in dem eine ganze Familie verschwunden ist. Mitchell will nicht viel über die Ermittlungsergebnisse verraten. Nur so viel: Die Polizei gehe nicht davon aus, dass die Familie freiwillig verschwunden ist, etwa um andernorts Arbeit und ein besseres Leben zu suchen. „In diesem Fall ist durchaus etwas faul“, sagt Mitchell. „Sie wären nicht weg gegangen, ohne unserer Familie Bescheid zu sagen, und hätten uns nie so im Ungewissen gelassen“, ist auch ein Neffe der Vermissten überzeugt.
Seit 1992 organisieren Indigene in Vancouver jedes Jahr am 14. Februar, dem Valentinstag, einen Gedenkmarsch für die ermordeten und vermissten indigenen Frauen in Kanada. Und am 5. Mai ist ein landesweiter Gedenktag, der Red Dress Day, an dem Menschen aus Solidarität mit den Opfern rote Kleidung tragen. Der Tag wurde von dem REDress-Projekt der indigenen Künstlerin Jaime Black inspiriert, das sie 2010 begann, als sie eine Reihe roter Kleider an öffentlichen Orten installierte, um das Leben indigener Frauen und Mädchen zu ehren und zu symbolisieren, die durch Gewalt ums Leben gekommen sind. Black wählte die Farbe Rot, weil sie von einem Freund erfahren hatte, dass dies die einzige Farbe sei, die Geister sehen könnten. Dadurch würden die roten Kleider zu einem visuellen Aufruf, die Seelen der Vermissten und Ermordeten zu ihren Angehörigen zurückzubringen. Die Installation wurde ebenfalls an öffentlichen Orten in den Vereinigten Staaten ausgestellt und ist inzwischen im Kanadischen Museum für Menschenrechte in Winnipeg, Manitoba, als Dauerausstellung zu sehen.
In Prince George wollen die Angehörigen von Ronnie und Doreen, Russell und Ryan Jack ebenfalls nicht ruhen und immer wieder aufs Neue eine Aufklärung von deren Verschwinden fordern. Das betont Bridgitte Catalina, die die Gedenkfeier für die Familie ins Leben gerufen hat, auch auf Facebook: „Nach 36 Jahren Ermittlungen sind wir entschlossen, unsere Familie zu finden und nach Hause zu bringen, damit sie ihre letzte Ruhe finden kann.“
Es gibt auch jüngere Fälle von verschwundenen und ermordeten Indigenen, über sie demnächst mehr.