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Boykott den USA!

Aus Protest gegen Donald Trump üben Kanadier sich im patriotischen Widerstand.

Kanadier zeigen Donald Trump symbolisch den Stinkefinger.

Seitdem US-Präsident Trump verkündet hat, er wolle Kanada zum 51. US-Staat machen, stellen die Kanadier sich quer. Während ihre Regierung mit dem mächtigen Nachbarn um Zölle ringt, üben die Menschen sich im zivilen Ungehorsam.

Ein Zeichen setzen beim Canada Day ©Rebecca Hillauer
Lang, lang ist's her... seit meiner letzten Geschichte in diesem Blog. Genauer gesagt, sind seitdem fast zwei Monate vergangen. Und das ausgerechnet, als ich nach Jahren des guten Vorsatzes endlich die amerikanisch-kanadische Grenze überquere und mir vor Ort in Kanada einen großen Reisetraum erfülle. Dazu in den nächsten Beiträgen mehr.

Prinzipiell aber soviel: Solange lasse ich Sie / euch nicht mehr auf die nächste Geschichte warten. Ich werde Sie / euch ab jetzt regelmäßig auf dem Laufenden halten. Und außerdem demnächst noch... aber diese Nachricht erst, wenn es tatsächlich soweit ist.

Heute, am 4. August, ist in Kanada British Columbia Day. Jeweils der erste Montag im August ist seit 1974 ein offizieller Feiertag in Britisch-Kolumbien. Die Provinz am Pazifischen Ozean ist die viert größte der zehn „Provinzen“, wie die Bundesländer in Kanada genannt werden. Daneben gibt es noch drei sogenannte Territorien. Das gesamte Staatsgebiet ist etwa so groß wie Deutschland und Frankreich zusammen, beherbergt aber nur fünf Millionen Menschen.

„Beautiful British Columbia“ steht auf den Nummernschildern der Autos. Und tatsächlich: Obwohl laut verschiedener Quellen rund 90 Prozent des Urwaldes bzw. Primärwaldes in der Provinz gerodet worden ist – Millionen Hektar von Bäumen, Hunderte Jahren alt -, gibt es in Britisch-Kolumbien noch ausgedehnte Wälder, soweit das Auge reicht, viele Seen und Wildtiere. An der Küste kann man verschiedene Walarten beobachten, man kann in den Bergen wandern und im Winter Ski und Snowmobil fahren. Der Lebensstandard ist allgemein hoch. Während der offizielle Mindestlohn in den USA gegenwärtig 7,25 US Dollar (etwa 6,26 Euro) beträgt, ist er in Britisch-Kolumbien 17,85 kanadische Dollar (etwa 11,20 Euro), also beinahe doppelt so viel. Entsprechend teuer ist das Wohn- und Urlaubsparadies.

Zur Erinnerung: Kanada ist nach Russland der flächenmäßig zweitgrößte Staat der Erde und fast so groß wie Europa. Statt 800 Millionen Menschen hat Kanada allerdings „nur“ rund 40 Millionen Einwohner, die überwiegend in den Ballungsräumen an der Ostküste leben. Dort landeten einst die ersten Siedler, die an den Ufern des Sankt-Lorenz Stroms auf die Irokesen trafen. In deren Sprache bedeutet das Wort kanata so viel wie „Siedlung“. Davon leitet sich mit hoher Wahrscheinlichkeit der Name „Kanada“ ab, der sich dann mit den Siedlern bis an die Westküste, das heutige Britisch-Kolumbien, und in den Norden ausweitete. Nominell ist Kanada eine demokratisch-parlamentarische Monarchie und gehört zum Commonwealth, dessen Staatsoberhaupt König Charles III durch den Generalgouverneur von Kanada vertreten wird. Der Premierminister ist Chef der Regierung.

Kanada hat auch die längste Küstenlinie der Welt. Im Süden und Nordwesten hat es zudem die weltweit längste Landgrenze zu den Vereinigten Staaten. Ein weiterer Nachbar ist das dänische Autonomiegebiet Grönland, das durch eine nur rund 30 Kilometer breite Meerenge von der nördlichsten kanadischen Insel getrennt wird. Rein geographisch machte es also Sinn, als US-Präsident Donald Trump verkündete, er wolle sich beide, Grönland und Kanada, einverleiben. Und Kanada solle der 51. US-Staat werden. Dieses Anliegen hat die Kanadier erbost – mehr noch als die Zölle, die Trump dem im März 2025 zum Premierminister ernannten Mark Carney „aufgehandelt“ hat.

Wie groß die Empörung ist, erfahre ich geballt am 1. Juli, dem kanadischen Nationalfeiertag. Ich verbringe ihn in Nanaimo, einer Kleinstadt auf Vancouver Island. Die Insel ist mehr als 450 Kilometer lang und 100 Kilometer breit und damit die größte nordamerikanische Pazifikinsel. Am Ostufer zum Festland hin zieht sich in Längsrichtung von Nord nach Süd ein vielbefahrener Highway. Nanaimo liegt etwa in der Mitte des Wegs und hat einen kleinen Hafen, in dem die Fähren von der Metropole Vancouver sowie von den umliegenden kleineren Inseln anlegen. Rund zwei Stunden braucht die staatliche Fähre von Vancouver hierher. Die privat betriebene Hullo-Fähre schafft es in einer guten Stunde.

Wie die US-Amerikaner am 4. Juli feiern die meisten Kanadier ihren Nationalfeiertag bei strahlendem Sonnenschein im Freien. In Nanaimo wird im Maffeo Sutton Park gefeiert, der neben dem kleinen idyllischen Hafen liegt. Ich schlendere am Kai-Ufer entlang. In der Ferne kann ich die Hügelkette auf dem Festland bei Vancouver sehen. Von dort kommt das Wassertaxi, das soeben hier im Hafen am Anlegesteg landet.

Eine schmale leicht geschwungene Brücke mit weißem Geländer verbindet die beiden Hälften des Parks. Viele Feiernde haben es sich im Gras bequem gemacht, viele auch ihre Campingstühle mitgebracht. Auf zwei Bühnen treten Tanzgruppen und Musikbands auf. Rundherum wogt ein Meer aus Rot und Weiß: Kleider, Hosen, T-Shirts, Hüte in den kanadischen Landesfarben. Viele haben sich kleine Pappfähnchen mit dem roten Ahornblatt in der Mitte an den Hut gesteckt, andere tragen stolz eine Landesfahne in der Hand oder um ihre Schultern.

„Aufgrund der Umstände ist es der leidenschaftlichste, nationalistischste Canada Day, den ich je erlebt habe“, sagt meine Begleiterin, die in Nanaimo wohnt. Die „Umstände“ haben natürlich einen Namen: Donald Trump. Wie viele Kanadier lässt meine Bekannte aus Protest seit einigen Monaten im Supermarkt Produkte aus den USA links liegen und kauft „Made in Canada“, also in Kanada produzierte Waren. Alle Kanadier, die ich bisher getroffen habe, wollen nicht mehr in das Nachbarland reisen, solange der Republikaner an der Macht ist. „Wir geben unsere Touristen-Dollar jetzt im eigenen Land aus“, sagen mir viele. Etliche erzählen, sie seien nicht nur wütend auf diejenigen, die für Trump gestimmt haben, sondern auch auf die Nichtwähler, die ja, hätten sie Kamala Harris gewählt – den aktuellen Lauf der Dinge womöglich hätten abwenden können… Die kanadische Regierung tut das ihre zu der patriotischen Stimmung und erlässt ihren Bürgern in diesem Jahr die Eintrittsgelder für die Nationalparks. Zudem gewährt sie allen Rentnern und Pensionären zusätzlich zu ihrem Seniorenbonus 25 Prozent Ermäßigung auf staatliche Campingplätze.

Bei so viel vorgelebter Heimatliebe rührt es mich doch, als ich inmitten von all dem Rot und Weiß an einem Stand Monika aus Frankfurt am Main entdecke, die „authentische deutsche Bretzeln“ verkauft. Und die noch dazu auf einer Tischdecke und mit Servietten im himmelblau-weißen Rautenmuster der bayerischen Flagge. So viel Heimat in der Ferne! Kaum auszuhalten.

„Bretzen“-Verkäuferin Monika ©Rebecca Hillauer
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